Unsere Sprache …

(Weiter unten (bei Hier) ist zu lesen, wie’s  zur folgenden Liste von Ausdrücken gekommen ist)

Das schlägt dem Faß den Boden aus In früheren Zeiten neigte man ja dazu, Strafen mit unmittelbarem Bezug zum strafbaren Tun zu wählen. So auch hier: wurde auf dem Weinmarkt ungenießbarer oder gepanschter Wein gefunden, so wurde kurzerhand dem zum Verkauf eh auf der Seite liegenden Faß der Boden ausgeschlagen. Der Wein floß aus und der Panscher hatte seine Strafe weg. Überzeugendes Konzept!
Jemandem gewogen sein/ bleiben Die Waage steht für Ausgleich und Unparteilichkeit. Wenn sie sich auf die Seite einer Person neigt, dann bedeutet dies, daß diese Person zusätzliche positive Aspekte in die Waagschale werfen kann, daß man ihr also eher „gewogen ist“
Stolz wie Oskar sein: es ist wohl recht wahrscheinlich, daß diese Redensart aus dem Jiddischen kommt. „Ossoker“ bedeutet dreist, selbstbewußt, frech – und daraus ist wohl dann der stolze Oskar geworden.
Den Buckel runterrutschen: Mit „Buckel“ meinte man im frühen Mittelalter den rundlichen Beschlag auf der Mitte des Schildes, und wenn ein von vorn kommender Angreifer abgewehrt und im Kampf verletzt werden konnte, dann ist er an diesem Buckel heruntergerutscht. Dieser Ausdruck hat sich also im Laufe der Zeit ganz schön verharmlost, aber so ein bißchen agressiv ist es ja immer noch, wenn man sagt „Du kannst mir mal den Buckel runterrutschen!“
Die Flinte ins Korn werfen stammt aus der Zeit der Steinschloßgewehre im 17./ 18. Jhdt., damals hießen die Gewehre nach dem Flintstein, der den Zündfunken erzeugte, Flinten. Und diese Flinten wurden gern mal in ein Deckung bietendes Kornfeld geworfen, wenn die SOLDaten (SOLD- die kämpften für Geld, nicht für ihre Ideale) einen Kampf zu verlieren drohten. Dann sind sie nämlich lieber abgehauen als sich umbringen zu lassen….
splitterfasernackt sein:  manche Wortabstammungen sind nicht so, wie man es ersteinmal vermuten könnte. Ich hätte gedacht, ok: kein Splitter, keine Faser bedeckt mich, wenn ich splitterfasernackt bin. Ganz einfach.
Und ganz falsch!
In Wirklichkeit stammt diese Redewendung aus dem Wald, sozusagen: Zwischen Rinde und Stamm eines Baumes liegt eine Faserschicht namens „Splint“. Ein Baum ist erst richtig entrindet, wenn auch der Splint entfernt wurde – dann ist er splinterfasernackt.
Das wussten aber offenbar selbst im 15. Jahrhundert nicht mehr alle Leute – denn seitdem gibt es als gebräuchliches Adjektiv schon das Wort „splinterfasernaket“!
Alles in Butter : Wollte früher ein reicher Mensch seinen Palast mit Zerbrechlichem aus fernen Ländern ausstatten, dann gab es ein Problem: Wie sollte man zB feines Murano-Glas auf weite Strecken transportieren, ohne daß es zerbrach?- Die Antwort lautete: Ein Faß, darin die Kostbarkeiten, eingegossen in Butter- erkaltet eine zuverlässig stoßfeste Umgebung! Und so hieß es dann meist, wenn der Transport ankam: „Alles in Ordnung“ – und „Alles in Butter“ wurde zum Synonym dafür.
Etwas auf die lange Bank schieben : Es gibt da mehrere Deutungen, aber ich nehme die, die mir am besten gefällt: Im Mittelalter wurden bei Gerichtsprozessen die Akten auf eine niedrige Bank oder bankähnliche Truhe statt in ein Regal gestellt. Und je schwieriger die Urteilsfindung, desto mehr Akten auf dieser langen Bank, und desto länger dauerte der Prozeß.
Diese Redewendung gibt es schon seit dem 15. Jahrhundert!!
Von Tuten und Blasen keine Ahnung haben: Diese Redensart ist seit dem 16. Jahrhundert nachgewiesen, und es gibt 2 Arten, sie zu erklären: Nachtwächter und Hirten mußten damals tuten und blasen können: der Hirte, um sein Vieh anzulocken, der Nachtwächter für regelmäßige „Zeitansagen“ oder Alarmrufe bei zB Feuer. Beide Tätigkeiten erforderten nicht gerade besondere geistige Fähigkeiten – und wer nicht einmal tuten und blasen konnte, der musste dann schon ganz besonders dumm sein…. die andere Erklärung: ein Nachtwächter, war tags meist übermüdet und daher vielleicht oft etwas begriffsstutzig/ langsam…. na, und wenn so ein „Tuter“ schon als etwas dämlich galt, was ist dann erst Einer, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat *g*
Das Zeitliche segnen: Weil man im Mittelalter sehr abergläubisch war, hat msich davor gescheut, den Tod oder das Sterben direkt zu nennen – das wäre einer beschwörung gleichgekommen. Also hat man umschrieben, und dieser Ausdruck ist eine dieser Umschreibungen: Der Sterbende nimmt Abschied von der Zeitlichkeit und wünscht dabei an der Schwelle zum Jenseits Gottes Segen auf das Diesseits herab.
Unter aller Sau: Das hat nix zu tun mit dem wohlriechenden, hübschen Tier. Der Ausdruck kommt aus dem Jüdischen: Seo bedeutet „Maßstab“, das hat aber das einfache Volk nicht so recht verstanden und es in das bekannte Sau umgewandelt.

Hier

Unsere Sprache ist durchsetzt mit Begriffen, Worten, Redensarten, die wir ohne nachzudenken verwenden – die aber völlig fremd werden, wenn man sie mal aus dem Zusammenhang herausholt und sich überlegt: ja, was sage ich hier denn eigentlich???
Das fand ich ja immer schon spannend, und wenn ich dann mal auf so einen Begriff gestoßen bin bzw. auf Jemanden, der ihn mir erklären konnte, dann hab ich immer leuchtende Augen bekommen. Oder auch mich ein bißchen geschämt – das beste Beispiel: bis vor (inzwischen vielen, vielleicht so 15) Jahren hab ich oft etwas in dieser Art gesagt:
Meine Güte, das haben wir doch schon bis zur Vergasung durchgekaut!!
Bis mich dann irgendwann mal Jemand gefragt hat, ob mir eigentlich klar wäre, woher dieser Begriff käme…. liegt ja eigentlich auf der Hand, sobald ich die Frage hörte, war die Antwort klar – aber bis dahin war’s mir nie aufgefallen. Wie konnte ich nur jahrelang so ein Brett vor dem Kopf haben¹ ?
Ich habe zwei Hilfen, um mehr und mehr zu verstehen, was ich sage – die eine ist ein dicker Schinken (SCHINKEN??? *g*) namens Etymologisches Wörterbuch. Hier kann man einzelne Worte nachschauen, um herauszufinden, woher sie kommen.
Die andere Hilfe ist ein Buch, das ich mir im letzten Jahr gekauft habe, und das mittelalterliche Redensarten erklärt („Schwein gehabt. Redewendungen des Mittelalters“, von Gerhard Wagner). Ich bin noch gar nicht durch damit und wundere mich jetzt schon, wie unglaublich viele, völlig selbstverständliche Begriffe und Redensarten schon vor  vielen hundert Jahren entstanden und jetzt immer noch im ganz normalen Sprachgebrauch fest verankert sind.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich will nun immer mal, wenn mir während des Blog- schreibens sowas auffällt, versuchen, hier eine Erklärung zu geben, den Begriff hierhin verlinken und so langsam eine kleine Sammlung starten.

Den Anfang macht
¹ ein Brett vor dem Kopf haben, weil ich es eben so schön passend einbauen konnte 😉
Diese Redensart ist nämlich aus dem Mittelalter. Sie kommt aus der Landwirtschaft: Ochsen wurden damals als Zugtiere genutzt, und die hatten oft ein Brett vor dem Kopf. Entweder in Form einer Art Scheuklappe, oder mit dem damals gebräuchlichen Joch, das, über die Hörner gelegt, die Kraft der Ochsen auf das zu ziehende Gerät übertrug (noch gab es keine Kummets). Und da sie außerdem recht langsam im begreifen und nicht allzu schlau sind, hat sich das eine mit dem anderen zu dieser Redewendung verbunden und bis heute durchgesetzt, obwohl schon lange keine Ochsen mehr Pflüge oder Karren durch die Gegend ziehen….

Und wer sowas jetzt nicht interessant findet, sondern vielmehr meint, ich solle mal nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen² , der klicke einfach die links in den späteren Artikeln nicht an…..

² noch älter: die Goldwaage war das genaueste Meßgerät ihrer Zeit, aus deren Empfindlichkeit sich schon in der Antike eine Redewendung gebildet hatte (die vom Zünglein an der Waage nämlich) Luther hat dann im Mittelalter eine Bibelstelle so übersetzt: „Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht auch deine Worte auf der Goldwaage?“, und seither ist das eine bekannte Redewendung.

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6 Kommentare zu “Unsere Sprache …

  1. Bibo59 sagt:

    zwei habe ich auch:

    „Du hast wohl Säcke vor der Tür!“ In den großen Fachhallenhäusern der Vierlande lebten Menschen und Tiere unter einem Dach. Das hatte auch den Vorteil, dass die Kühe als natürliche Heizung dienten und deswegen war der Mensch- und der Tierbereich nur durch Sackleinen voneinander getrennt. Die fielen sofort nachdem man sie durchquert hatte von allein wieder zu. Später galt diese Art zu wohnen als bäurisch und unzivilisiert und moderne Türen musste man schließen.
    „ins Fettnäpfchen getreten“ hatte man die Säcke überwunden, gelangte man in einen Vorraum mit einem Großen Kamin oder einer Feuerstelle. Hier hingen Würste und Schinken zum räuchern an der Decke. Während des Räuchervorgangs tropfte wertvolles Fett von den Würsten und so stand unter jeder Wurst ein Napf, um das Fett aufzufangen. Wenn man nun aus dem Kuhbereich kommend durch die Säcke in diesen doch ziemlich dunklen Raum kam und nicht aufpasste, dann konnte es leicht passieren, dass man in so ein Fettnäpfchen trat. Ärgerlich, denn das Fett war verloren.

  2. Ravens-Eye sagt:

    Frau entdeckt doch immer wieder was Neues, Interessantes in Deinem Blog! 🙂 Bin ja sehr versucht, mir dieses Etymologisches Wörterbuch zu kaufen, bloß wohin? Habe momentan akute Platznot im Regal, aber auf der Wunschliste steht es. Derweil muss ich mich halt noch mit Ludwig Zehetners „Bairisches Deutsch“ http://www.bookcrossing.com/journal/2754693/ begnügen (hihi, wär ja für Dich auch nicht schlecht 😉 ) und zwei von der Recyclemouse ausgeliehenen Masematte-Büchern begnügen…

    • Fjonka sagt:

      🙂
      was das „bairische Deutsch“ angeht, so mussten wir gestern feststellen, daß der Herr den Ausdruck „großer Onkel“ für den dicken Zeh nicht kennt, während sowohl Thüringen als auch S-H und NRW sofort wussten, was gemeint ist… aber klar, da des Herrn Füße bis zum Hintern hoch gehen („ooooh, mir tut der Fuß so weh“ sagt er und faßt sich ans Knie), scheint da eh Einiges anders zu sein…

  3. Naja da bin ich ja man froh, keine Nachtwächterin mehr zu sein. Bei uns hieß es dann immer “ Nach müd kommt blöd“ . Sonst hätte ich ja bald auch von Tuten und Blasen….. :-/

  4. Karin Heister sagt:

    Das ist mal ´ne gute Idee. Ich werde eine eifrige
    Leserin dieser Links sein, ich finde diese Redewendungen
    und ihre Herkunft auch sehr interessant.
    K.H.

    • fjonka sagt:

      das freut mich, man will ja auch nicht in den luftleeren Raum schreiben, sozusagen, wenn’s Niemanden interessiert, brauch ich mir die Mühe ja nicht zu machen 😉
      Das mit dem luftleeren Raum wäre ja auch mal interessant, nebenher gesagt, ich such mal….

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