Flensburg, Norderstraße – ein Spaziergang

Die Norderstraße bildet die Fortsetzung der Fußgängerzone Flensburgs unter anderen Vorzeichen, sozusagen. Die Flensburger Fußgängerzone ist nämlich eine einzige lange Straße, die vom Südermarkt bis zum Nordermarkt führt. Sie ist entstanden auf einem Teil der Pferde-und später Straßenbahnstrecke- von der leider nichts mehr übrig ist außer diesem hier

(Quelle Straßenbahnfoto: Echtner, Wikipedia)

Am Nordermarkt- Ende der Fußgängerzone kreuzt die schnurgerade Strecke die Toosbüystraße- und danach war man, solange ich Flensburg kannte, ziemlich am Ende allen angelangt, was shopping-oder Städteguckmäßig interessant sein könnte: auf der Norderstraße nämlich.

Dort war Leerstand oder es gab Billig-Läden, viele Häuser waren kaputt, Müll und (Häßlich-)Graffitti überall.

Lange Zeit war ich trotzdem mehrmals wöchentlich dort, denn in der Norderstraße war das Roxy, meine Stammdisse. Das Gebäude ist inzwischen abgerissen, aber das gehört in einen eigenen Spaziergang . Sonst war da noch ein ganz guter Möbelladen, das war’s. Lange Jahre hatten wir also keinen Anlaß, mal wieder die Norderstraße weiter als ein paar Meter hinein zu gehen- bis letztlich des Herrn Bruder zu Besuch in Flensburg war. Er hatte sich mitsamt Familie gleich beim Oluf-Samsons-Gang eingemietet. Der war schon immer toll, allerdings früher und heute auf sehr unterschiedliche Art- aber auch durch diesen Gang spazieren wir separat, sonst ist das zu viel auf einmal 😉

Wir also gingen zum wunderhübschen Häuschen, in dem der Bruder gastierte- und sahen dabei: es hatte sich richtig viel getan in der Norderstraße! Eine Menge Häuser waren renoviert, es gab Läden, die interessant aussahen und die wir noch nicht kannten- wir nahmen uns vor, mal zu Ladenöffnungszeiten die Norderstraße zu besuchen.
Und genau das haben wir dann letzte Woche auch endlich getan. Es war wirklich überraschend! Ich wusste wohl: allerhand war inzwischen renoviert worden.

 P1040576Aber über die Hälfte der Straße hinaus war man damit meines Wissens noch nicht gekommen: ab Danske Bibliotek bis hin zum Nordertor war, soweit ich das wusste, nichts zu finden außer ein-Euro-Läden, türkischen Vereinscafes und rummeligen An- und Verkaufsläden. Vorbei! Die gibt es immer noch, aber es ist eine bunte Mengelage zwischen Leerstand, Altem, Saniertem und Neuem entstanden.

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Hier unten, das ist zB interessant: Ein Ladenlokal von innen und von außen. Ist das jetzt nur heute geschlossen (es war Samstag), oder ist es zu??? Von außen 70er pur, aber mit frischen Jalousien. Innen dann eine 20er-Jahre -Einrichtung (Fliesenspiegel, Schachbrettboden, Türen….) , in den 70ern modernisiert, würde ich mal behaupten (Abgehängte Styropordecke schneidet das Fliesenbild ab, 70er-Strahler, 70er Kühltheke) aber neue Waage, alles funkelt, alles sieht aus, als könnte es einfach nur fürs Wochenende ausgeräumt sein.

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Hier dagegen sagt die Fassade: Schlachterei. Aber drinnen ist ein „Laden für Gebrauchskunst“ – mit 60er-Schlachtereihimmelblaugefliesten Wänden.

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Dann gibt es noch eine ziemlich neue, subversive Touristenattraktion- auch die ist in der Norderstraße zu finden, aber am anderen Ende. Und das sind- alte Schuhe.

Eine Menge alte Schuhe.

Sie hängen nämlich zuhauf über der Straße und das soll wohl damit begonnen haben, daß ein Skaterladen seine Kunden aufgefordert hatte, nach dem Kauf neuer die alten Schuhe über die Leine, die dazu quer über die Straße gespannt worden war, zu schmeißen. Das hat sich dann irgendwie verselbständigt, und inzwischen sieht das so aus:

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Ob das so bleiben kann, weiß Niemand. Aber da inzwischen sogar die Stadtführungen die Schuhe zeigen- wer weiß, ob der Amtsschimmel diesmal zu leise wiehert …

Es gibt, so sahen wir erstaunt, neue Läden bis kurz vor dem Nordertor. Hier ist ein nettes Beispiel dafür, daß sich die Leute Mühe geben: Das Bild gehört zu dem Fahrradladen rechts im Ladenlokal.

 Auch altgedientes existiert weiter: Trödel-Pit hat immer noch seine Jahr für Jahr buntere, chaotischer beschriftete Tattoo- und Trödel-Villa  [EDIT Januar 2014: Trödel-Pit ist vor einigen Tagen verstorben- erfahren habe ich’s durch zu diesem Beitrag geleiteten Suchmaschinen-Anfragen dazu, heute dann in der Zeitung eine kleine Meldung: Herz-Kreislauf-Versagen. R.I.P.]

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Besonders, aber nicht gerade schön ist auch, wie die Phänomenta, eine eigentlich wirklich gute Einrichtung, den Anblick des Flensburger Wahrzeichens, des Nordertores ganz am Ende der Norderstraße, kaputtmacht und erschlägt.

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Mann, was hatte sich die Flensburger Bevölkerung in den 80ern drüber aufgeregt, als das – zugegeben völlig sinnbefreite grünliche Teil mit Glasdach rechts auf dem Bild gebaut wurde. Ist ja auch bekloppt! (Des Herrn Idee dazu: „Das soll bestimmt die Stadtmauer symbolisieren“- also, gute Güte- darauf wäre ich nimmernie nicht gekommen- ein langgezogenes Buswartehäuschen ohne Bushaltestelle symbolisiert die Stadtmauer!? Wahrscheinlich hat der Herr recht….. )
In den 2000ern dann kam die Phänomenta und gab sich alle Mühe, mit ihrem Anbau auch die andere Seite des Nordertores möglichst häßlich einzubauen – und kaum ein Protest regte sich. Oder jedenfalls hab ich nichts davon mitgekriegt. Im Zuge dessen wurde auch der kleine Platz neu gepflastert, und es wurde der Bachlauf   Graben   Brunnen  das seltsame Teil gebaut, über das sich zumindest ein kleiner Teil der Flensburger Bevölkerung zu freuen scheint: Ein Entenpärchen zeigt Sinn für 2000er-Rostästhetik

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Die Phänomenta hat sich inzwischen über 5 oder 6 Häuser ausgebreitet. Warum man, wenn man das rosa Haus so liebevoll renoviert, meint, ihm dann so ein Glas-Teil an die Seite stellen zu müssen, das wird wohl nur verstehen, wer auch schonmal den Drang hatte, sich irgendwo ganz unbedingt mal selbst verwirklichen zu müssen…. nuja, die Geschmäcker sind verschieden. Und dabei ist es nicht einmal so, daß ich grundsätzlich toll finde, wenn Alles aussieht, als wären Jahrhunderte spurlos ins Land gegangen- den Reichstag, nur mal so als Beispiel, finde ich klasse in seiner Verbindung von alt und neu. Bloß ist eben nicht jeder Architekt ein kleiner Norman Foster….

Aus einer Richtung allerdings kann man das Flensburger Wahrzeichen dann doch noch anschauen, ohne daß die Tränen fließen: direkt von geradeaus! Man läuft natürlich Gefahr, dabei überfahren zu werden, denn bis direkt davor dürfen die Autos fahren, aber was soll’s – lebe wild und gefährlich, Fjonka!!!  *g*

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Daß die Taxizentrale von etwas weiter vorn offenbar ebenfalls direkt davor ihren Taxibus parken darf – jedenfalls konnten wir weder am Anfang noch am Ende unserer Norderstraßentour das Tor OHNE Taxi knipsen – ja nun, das zeigt nur einmal mehr, was wir eh schon wissen: den achtlosen Umgang der Stadt mit ihrem Kapital: der erhaltenen alten Substanz.

Na, wie auch immer- wer mal wieder nach Flensburg kommt, der sollte mal die Norderstraße besuchen- inzwischen lohnt das!

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Stadtbild.

18 Kommentare zu “Flensburg, Norderstraße – ein Spaziergang

  1. Carl sagt:

    Schade, das es Pit nicht mehr gibt. Was wird jetzt wohl aus der Villa werden…?

  2. Bibo59 sagt:

    Ich wollte dich immer schon mal fragen, was es mit den Schuhen auf sich hat. Aber wenn Du da selbst nie warst…
    Tor ohne Taxi, alles eine Frage des Standpunkts/der Optik/der Nachbearbeitung.

  3. Oh!!!! Gehn wir im September dahin? Wenn ich mit Wolle und Klamotten kaufen durch bin???? Ich will zu Trödel-Pit und mir ein Tattoo stechen lassen und meine alten Sneakers auf die Leitungen werfen (das sind welche ohne Schuhbändel, Mist) und vor lauter gucken über meine eigenen Füße stolpern und beinahe überfahren werden….

    • Fjonka sagt:

      *breitgrins* – Wir gehen gern- aber nur(!) als Zweittermin, ich geh nie, nie, nie mehr mit Klamottenkaufen!!!!! Dafür guck ich aber gern beim Tattoostechen zu *grusel*- wenn’s ein winzigkleines ist. Mein Eindruck von den ausgestellten Fotos draußen her ist allerdings, daß es bessere Adressen dafür gäbe …. Schuhe ohne Bändsel sind kein Problem, die werden mit exernen Bändseln zusammengebuunden und dann… aber ich hab eh noch Schuhe, die un-be-dingt genau dorthin müssen, weil sie als absolute Lieblingsschuhe seit nunmehr fast – *überleg* – 15 Jahren oder so nicht mehr reparabel sind, aber auch aus psychohygienischen Gründen auf keinen Fall weggeworfen werden können.

      • Gnihihihihihihi. Ich geh dann mit der Rosenfrau vorshoppen. Tattoo-Studios haben wir hier auch, aber nicht so, ähm, sagen wir mal, traditionell Maritime was in der Natur der Sache resp. Geografie liegt. Und dann machen wir es mit den Schuhen so: du wirfst und ich filme oder fotografiere. Als Andenken. Und fürs Blog. Hach. Neulich hab ich eine Flensburger Straße in einem Film gesehen und sofort erkannt. Ist das nicht schräg, dass ich Heimweh nach einem Ort habe an dem ich nie zu Hause war? Dauert das noch lang bis September?*Quengel*

    • dschinny sagt:

      Da werde ich doch gleich sentimental: Bei Tödel-Pit habe ich mir mein erstes Tattoo stechen lassen – damals der einzige Anbieter in FL…

      • Fjonka sagt:

        Das muß lang her sein… aber nicht SO lang- an die Zeiten erinnere ich mich auch noch 🙂 Ich habe mich ein einziges Mal in seine „Höhle“ getraut, und mein unmaßgeblicher Eindruck war – hm- nuja- Höhle triffts ganz gut *gg* Dunkel, eng, vollgestellt- so recht wohl hab ich mich da nicht gefühlt und bin demenstprechend schnell wieder raus. Ist auch lang her, aber wenn wir uns mal wieder treffen, erinner mich dran, daß ich Dich nach Deinen Eindrücken frage!

      • Und, kann ichs riskieren?

        • dschinny sagt:

          Naja, ich lebe noch und habe auch keine schwerwiegenden Leiden davongetragen 😉 Fjonkas Eindruck von „Höhle“ kann ich bestätigen. Alleine hätte ich mich wohl nicht reingetraut. Und für ein weiteres Tattoo war ich dann auch woanders. Ich denke zwar, dass für alle Tattoo-Studios die gleichen Hygiene-Standards gelten, aber es ist schon sehr „urig“ dort. Und wenn es damals eine andere Möglichkeit gegeben hätte, wäre ich vielleicht nicht zu Trödel-Pit hingegangen…

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