Nicht wählen

Als unsere letzte Wahl anstand, hat sich ja in den Blog-Kommentaren hier eine kleine Diskussion entwickelt (wer gucken möchte: 26. und 27. Mai) um unser aller Politikverdrossenheit und das wählen-gehen. Oder eben nicht.

Mir blieb das unbestimmte Gefühl, daß ich mich mit dem Gedanken, nicht zu wählen, nicht anfreunden kann. Und daß ich das aber gar nicht begründen kann, weil es doch eigentlich Niemanden gibt, den ich überzeugt wählen könnte. Dieses unbestimmte Gefühl hatte ich auch noch, als ich im vorletzten (oder vorvorletzten?) SPIEGEL einen Beitrag von Harald Welzer zu ebendiesem Thema las. Tenor: nicht zu wählen ist die einzige Art, überhaupt noch irgendeine Veränderung im Polit-Apparat anstoßen zu können. Schließlich seien die Parteien alle gleich und hätten eh nichts auf der Agenda, was wirklich wichtig sei.
Harald Welzer ist der Mann mit der Internetseite futurzwei, die ich hier ja auch schon einmal vorgestellt hatte und immer noch regelmäßig und gern verfolge, weil ich sie einfach sehr motivierend finde. Als ich den SPIEGEL-Artikel fand, hatte ich mir gerade Welzers Buch „Selbst denken“ bestellt. Den Autor fand ich interessant, das Thema auch. Ich las also den Artikel, die Argumentation kam mir einsichtig vor- aber wieder hatte ich das Gefühl, daß aber trotzdem irgendwas für mich nicht stimmt damit. Und wieder konnte ich es nicht fassen und schon gar nicht formulieren.

Dann bekam ich wieder einen SPIEGEL (ich hab den im Abo). Und sah, daß Jürgen Trittin eine Antwort auf den Welzer-Beitrag geschrieben hat. Ach!?
Ich fing zu lesen an, und da waren sie! Die vagen, nicht zu fassenden Einwände – Trittin hat sie für mich formuliert!

Herr Trittin ist übrigens nicht unbedingt Einer, von dem ich im Voraus vermutet hätte, daß ich da etwas zu lesen bekäme, das mich beschäftigen würde. Er ist mir oft zu überheblich, zu besserwisserisch auch.  Hier habe ich es anders empfunden.

Der „wichtigste“ Ausschnitt:

123Man mag sich jetzt daran stören, daß es um „linke Strömungen“ geht- ich weiß auch nicht so genau, ob ich mich links einordnen mag. Rechts fühle ich mich jedenfalls nicht, auch wenn ich in letzter Zeit, zumindest was die Europapolitik angeht, zu meinem Erschrecken feststellen musste, daß ich immer mal Herrn Seehofer zustimmen möchte 😉 Aber wenn man das mal ausblendet, dann schreibt Trittin mir aus der Seele.

Der ganze Artikel ist insofern interessant, daß noch recht deutlich gezeigt wird, wie stark die Lobbys und Verbände der Wirtschaft per Anzeigen und Kampagnen Einfluß nehmen, und wie sehr diese neoliberalen Leute sich über das „nützt ja eh alles nix“- Gefühl und die Wahlverweigerung freuen. Wer mag, dem schicke ich gern den ganzen Artikel (hab ich eingescannt) zu. Online ist er derzeit nur gegen Geld zu haben, ab in zwei Wochen ist er dann kostenlos im SPIEGEL-Archiv einzusehen.
Einfach im Kommentar Bescheid sagen, ich hab ja als Administratorin von Jedem/R hier eine mailadresse.

23 Kommentare zu “Nicht wählen

  1. Carmen sagt:

    Hallo Fjonka, ich stimme ganz mit dir überein. Welzer schaut von einer anderen – entfernten – Perspektive auf die Gesellschaft, das ist auch gut, aber währenddessen machen sich die Lobbyisten die Welt, wie sie ihnen gefällt…

    http://umamibuecher.wordpress.com/2013/07/07/carmens-wahlomat-1/ http://umamibuecher.wordpress.com/2013/08/11/selber-denken/

  2. a sagt:

    Bin zwar gerade viel zu krank um alle zu lesen, aber schick mir doch bitte den Artikel 🙂

  3. ladyliana86 sagt:

    Ich halte es auch für wichtig zu wählen.

    Eine kleine Anekdote passend zum Thema:
    Frau Doris Schröder-Köpf wollte bei der diesjährigen niedersächsischen Landtagswahl gewählt werden. Sie trat in meinem Wahlkreis für die SPD an. Ich habe sie ganz gezielt NICHT gewählt, sondern meine Kreuzchen sowohl bei den Grünen als Partei wie auch bei der Grünen-Kanditatin gemacht, weil die in meinen Augen sehr vernünftige Ansichten hat. Aber das nur nebenbei…
    Die Wahl war ja dann für Frau Schröder-Köpf ein ziemliches Desaster und laut Statistiken haben in meinem Wahlkreis relativ viele so gewählt wie ich. Das führte dazu, dass sich Frau Schröder-Köpf sehr über das Wahlverhalten der Hannoveraner echauffiert hat. Sinngemäß sagte sie, dass einige Hannoveraner scheinbar zu dämlich zum Wählen seien und nicht überparteilich denken können. Für eine starke rot-grüne Koalition wäre es wichtig gewesen, wenn man zumindest SPD gewählt hätte und dann am besten noch sie als Kandidatin. (Ich bilde mir ein, dass sie das so gegenüber der HAZ geäußert hat, habe den Artikel aber natürlich nicht mehr zur Hand.)
    Naja, nach der Äußerung wusste ich dann auch wieder, warum sie mein Kreuzchen nicht bekommen hat… 😉

    • Fjonka sagt:

      Jaja, die liebe Taktik… daß Jemand sie gezielt NICHT wählt, weil er SIE nicht möchte, das liegt wahrscheinlich außerhalb ihres Denkvermögens!?

  4. Hier noch ein guter Artikel zum Thema Wählen/Nicht wählen von wirres.net

    http://wirres.net/article/articleview/6801/1/6/#

    • Fjonka sagt:

      Ja, der ist interessant, habe ihn gerade gelesen, danke.
      Mir persönlich bietet der Autor insofern eine Entscheidungshilfe, als er schreibt, was ich auch schon länger denke: es gibt keine Partei, die mich vertritt, mehr. Ich muß mir ein mir besonders wichtiges Thema raussuchen und gucken, wer dabei am besten abschneidet. (Bei mir wäre dieser Themenbereich allerdings definitiv nicht „Bürgerrechte“)

  5. Stephanie sagt:

    Ein wirklich guter Artikel. Und es stimmt es ist immer mehr ein Wählen gegen. Aber nicht-Wählen eben auch keine Option.

  6. Ich könnte mich auch nicht fürs Nicht-Wählen erwärmen – und Trittin hat einfach nur recht!
    Vielleicht wähle ich ja doch noch Piraten, nicht weil ich deren Selbstfindungs-Prozesse als Partei gut finde (im Gegenteil, mir stehen gelegentlich die Haare zu Berge), aber in Berlin macht die Fraktion recht ordentliche Arbeit und neue/junge Leute, die sich engagiere, zu unterstützen, ist ja auch ein guter Grund.

    • Fjonka sagt:

      „aber in Berlin macht die Fraktion recht ordentliche Arbeit“ ist ein Grund 😉
      Aber so, wie die sich in letzter Zeit gegeben haben, werden sie’s wohl nicht über die 5%-Hürde schaffen. Ich dachte anfangs auch, das werde evtl eine Alternative. Scheint aber nicht so, für mich.

  7. Neckarhex sagt:

    Interessant in der Tat. Ich glaube ich schrub es bereits einmal: wenn ich nicht konkret eine Partei oder Person wählen kann oder möchte, wähle meistens im Sinne der Demokratie, eingedenk der Sichtweise meines Vaters, sonst durch mein Nichtwählen meine Stimme gleichmäßig allen Parteien zu geben. Und auch wenn ich mich manchmal nicht bewußt für eine Partei entscheiden kann, gibt es immer mindestens eine, gegen die ich mich entscheiden möchte.

    • Fjonka sagt:

      Ohja, „für gegen wen“ weiß ich auch immer ganz genau!!! 😉

      • Neckarhex sagt:

        Ich plädiere für eine besondere neue Wahlform für Leute wie uns: unsere Stimme wird zu gleichen Anteilen verteilt auf mehrere Parteien, aber wir können aussuchen welche – und so eben auch welche ausschließen. 😉

        • Fjonka sagt:

          Dann fehlt noch die Themen-Gewichtung. Ich zB könnte ja ganz gut grün wählen- gäbe es deren Europa- und Familienpolitik nicht. Ich würde dann gern X% grün…., aber nur, wenn …. und die restlichen X%…. da müsst‘ ich noch überlegen … *gg*
          ja, so würde wählen wieder Spaß machen! 😉

          • Bibo59 sagt:

            Na, aber das geht doch nach dem neuen „achso komplizierten“ Wahlrecht schon. Du kannst getrost Dein Kreuz bei Grün setzten und dann einzelne Personen (maximal 5) aus anderen Parteien dazu wählen. Ist etwas nervig für die Wahlhelfer,aber machbar. Ich war bei den letzten Wahlen in HH immer Wahlhelferin und bei der letzten Wahl kamen dabei die absonderlichsten Konstrukte heraus.

            • Fjonka sagt:

              Naja, aber PERSONEN helfen mir da nicht. Ich möchte THEMATISCH gewichten, so wie beim Wahl-o-mat, da kannst Du angeben, welcher Themenbereich Dir besonders am Herzen liegt- und den müsste die gewählte Partei dann umso stärker gewichten, je mehr WählerInnen den stark gewichten.
              Ich weiß, ich weiß, wie soll das praktisch gehen- aber schee wär’s scho‘ *g*

  8. […] wollte ich hier was anderes bloggen, aber dies ist eine direkte Antwort auf Fjonkas Artikel: Nicht wählen. Rath ist ja fest in schwarzer Hand und so kommen mir auch monatlich die Rath-Heumarer Nachrichten […]

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