Ein Winter mit Gundula

Es war im Jahre 2000, noch hatte ich Mieter in der Wohnung über mir, als ich eines kalten Oktobertages der Freundin des Mieters nachmittags im Flur begegne.
„Hast Du den Igel im Lichtschacht gesehen?“, fragt sie mich? Ich „Nee, wo?“ Und sie zeigt mir, daß neben der Treppe, im Lichtschacht, ein kleines Igelchen liegt! Morgens hatte sie es schon gesehen, auf dem Weg zur Arbeit. Und nun, nachmittags, erzählt sie mir das bei einem zufälligen Zusammentreffen!? Die Frau ist Tierarzthelferin, hat einen Hund und ein Pferd- und holt den armen Igel nicht aus dem Lichtschacht???? Ich versteh’s bis heute nicht….

Gundulawinz

Winzling

Egal. Ich also den Schritt runter in den Schacht, das Igelchen in die Hand genommen- und erst dachte ich, ich sei schon zu spät. Es war starr und kalt- aber es atmete noch! Also habe ich das kleine Tier in eine Decke gerollt, eine Wärmflasche warmgemacht, einen Karton herausgesucht und den Igel nochmal neu eingerollt- aus eigener Kraft konnte er sich auf der Wärmflasche nicht halten. Igel auf Wärmflasche in Decke in Karton – so hab ich das ganze erstmal in den warmen Heizungkeller gestellt und bin alle halbe Stunde mal runter, gucken. Und tatsächlich- irgendwann kam Leben rein, das Igelchen hatte sich von der Deckenrolle befreit und lag nun neben der Wärmbuddel. Schritt zwei konnte getan werden: Igel vor ein Tellerchen Katzenfutter setzen und hoffen.
Abends war das Tier munter, das katzenfutter aufgefressen, jetzt war die Frage: was nun? Im Tierheim angerufen, nachgefragt. Nein, Igel nehmen sie nicht, aber ich soll ihn erstmal wiegen, vielleicht krieg ich ihn ja bis Ende Oktober noch auf über 500g, dann kann er raus und schafft das. Hmmmm… Igel also auf die Waage gesetzt, und festgestellt: der hatte grad mal 150 Gramm….

genervt

genervt *gg*

Nun war ich gerade dabei, mein Zimmer zu renovieren. Das (jetzt) grüne. Ausgeräumt war es schon, es sollte demnächst gestrichen werden. Aber Platz hatte ich ja genug- warum also nicht das Igelchen hochpäppeln? Also ans Werk. Folie ausgelegt, Weichfaserplatten und Winkel gekauft, ein passendes (XS-) Päckchen mit einem Einschlupfloch und schönen Zeitungsknäulen versehen zum schlafen, Lagen mit Zeitungspapier ausgelegt, den Bootsbauerfreund angerufen und auf einen Sack Sägespäne angesetzt, Futter- und Wassertellerchen aufgestellt- und meine Gundula (denn so sah das Igelchen aus: nach „sie“ und nach Gundula) in ihr neues Gehege gesetzt. Immerhin 1/4 Zimmer groß. Und mein Igel-Buch gesucht, denn ich wusste genau: für den Fall der Fälle hatte ich mir mal eines vom Flohmarkt mitgenommen.
Gundula hat sich erstmal in ihr Häuschen zurückgezogen, aber sie hat sich auch schnell eingelebt: abends kam sie raus und hat vorwitzig das Gehege untersucht, gefuttert, getrunken und gewühlt. Und ich las in meinem Buch. Wichtigste Erkenntnis: Igel strotzen von Ungeziefer, unbedingt entflohen und entwurmen. Also ab mit dem Gundelchen in die Dusche! Schön fand sie das nicht, aber danach hat es nicht mehr so doll gestunken, und es sprang auch nix mehr durch die Gegend, wenn ich sie aufhob. Der Erfolg der Wurmkur war weniger ersichtlich, aber sicherlich vorhanden 😉
Tja, und nun ging das aufwärts mit meiner Gundula. Aber leider nicht schnell genug, das Überlebensgewicht von 500g hatte sie erst Mitte November, und da war’s zu spät zum noch auswildern… ich hatte also einen Gast bis in den Mai hinein. Da es im Zimmer aber nicht so richtig kalt wird, gab es keinen wirklichen Winterschlaf- mein Gundelchen schlief höchstens mal vier Tage durch, dann hörte ich’s abends schon wieder schnüffeln und gruscheln – dem Igel war das Gehege definitiv zu klein, sie lief wie ein Tiger im Käfig im Kreis herum… und jetzt?
Ich hatte schon festgestellt, daß das Gundelchen, wenn sie aus ihrem Häuschen herauskam- inzwischen hatten wir zu einem M-Paket wechseln müssen –  erstmal pieschen musste. Und wie viel so ein Igel pieschen kann, es ist zum jaulen!! Zum Glück hatte ich ja den Ofen und mehrere Zeitungslieferanten- die Lösung mit den Sägespänen hatte sich nämlich als Rohrkrepierer rausgestellt: man ahnt ja nicht, wie viele Sägespäne sich in so ’nen Stacheln festsetzen können… also gab’s Kartons und an den Stellen für’s kleine Geschäft (ja, die hatte sie!) dicke Lagen Zeitungen, die täglich gewechselt wurden…  aber zurück zum Thema „Freilauf“: da der guterzogene Igel also erstmal piescht, wenn er aus dem Schlafhäuschen kommt, ist er danach für an die zwei Stunden stubenrein. Wunderbar! Unser Tagesablauf ging also so:

Vorsicht, Faxen!

Vorsicht, Faxen!

abends, es wird dunkel. Ich höre lautes schnüffeln und trapsen. Ich gehe ins Nebenzimmer, rufe „Gundelchen! Komm her!“, Gundelchen kommt (nach wenigen Tagen wusste sie: mein Ruf bedeutet gutes!!), ich nehme sie hoch (mit Handschuhen- sie hat sich zwar nicht mehr doll eingerollt, aber die Stacheln richtig schön angelegt, wie das andere, zutraulichere Igel wohl tun, hat sie leider nie) und bringe sie ins Wohnzimmer. Dort kann sie nun laufen. Und das tut sie! Noch heute habe ich die Igel- Nähmaschinen-Trappelschrittchen im Ohr! SO drollig!! 🙂
Nach einer halben Stunde hat sie statt laufen Faxen im Kopf, jetzt muß ich aufpassen, daß sie nichts kaputtmacht, die beißt und zerrt an wirklich allem– also zurück ins Gehege, Futter dazu- und gute Nacht!

mit Oedi

mit Oedi

Mir hat das immer viel Spaß gemacht. Weniger schön fand das ganze mein Oedi. Das Gundelchen hatte null Respekt, es ging seinen Weg! Und wenn da auf dem Weg ein Kater lag- egal, geradeaus! Ab dem 3. Tag saß der Kater auf der Sofalehne, sobald der Igel in Sicht kam *gg* Später kannte er ihre Wege und setzte sich abseits hin, das Schauspiel betrachtend.
So verging also der Winter, der Frühling kam. Ab und an gab’s eine Dusche, und auch die Nägel musste ich 2x kürzen, so ein Wohnzimmerboden nutzt die dann doch nicht genügend ab. Das hat sie sich gut gefallen lassen, ich hab sie auf dem Rücken auf meinen Schoß gelegt, und mit dem Nagelknipser Zeh für Zeh bearbeitet. Und einmal – große Aufregung!! Gundelchen war nach ihrer halben Stunde spurlos verschwunden! Nicht aufzufinden! WEG!!! In jeder Ecke, jedem Winkel hab ich gesucht, und irgendwann…..: da, an der Unterseite vom Sessel, im Wintergarten, dessen Tür einen winzigen Spalt offen stand: ein Hubbel! Genauer geguckt- da hatte sich die Gundula den Klettverschluß des Bezuges geöffnet, war von unten zwischen Bezug und Sessel geklettert und hatte sich dort eingerollt. Und wollte nicht wieder raus…. Aber sie musste! Wie gesagt: Circa 2 Stunden stubenrein… das reicht nicht!! Manchmal sind so Stacheln echt sch****, jedenfalls für Sesselbezüge, wenn widerspenstige Igelchen sich mit ihnen in diese hineinverhaken …

… ansonsten ist nicht groß was passiert- aber irgendwann musste ich das Gundelchen natürlich wieder freilassen.

Etwa vierzehn Tage danach wurde hinterm Haus geackert. Das fanden offenbar viele Igel richtig doof, denn ich kam in den Garten raus und bin gleich dreien begegnet- und einer davon sah meiner Gundula so ähnlich –
das war doch wohl nicht…..
genauer hingeguckt, und tatsächlich: ich habe mein Igelchen noch einmal gesehen :-), sie war ganz leicht zu erkennen: an den geschnittenen Zehennägeln!

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Fauna.

8 Kommentare zu “Ein Winter mit Gundula

  1. Treibgut sagt:

    Niedliche Geschichte. Anscheinend machen Igel wohl genauso viel Blödsinn wie Hamster.

  2. tikerscherk sagt:

    Du hast ein großes Tierschützerherz!
    Dass Igel so zutraulich werden- schöne GEschichte.
    Und der Name Gundula passt genau 🙂

    • Fjonka sagt:

      Ich hab inzwischen von welchen gelesen, die freiwillig auf den Schoß kommen und sich kraulen lassen (auch Winter-Gäste!!) oder eben für den Menschen zum anfassen die Stacheln glattlegen. Also, SO zutraulich war mein Gundelchen nicht…. aber nett war sie 🙂

  3. Bibo59 sagt:

    Oh wie schön! Ich wusste gar nicht, dass Du mal Igelmama warst. Unde den Oedi kannte ich bisher nur aus Erzählungen.

    • Fjonka sagt:

      Vom Oedi gibt’s dann bei seiner eigenen Geschichte noch’n paar Bilder. Aber die hab ich noch nicht eingescannt/ die Geschichte noch nicht geschrieben. Dauert noch’n büschen, keine Zeit derzeit!!

  4. ladypark sagt:

    Schön die Geschichte. Und noch schöner, den hübschen Oedi mal wieder zu sehen.
    Der war wirklich besonders, nicht nur vom Aussehen her. Obwohl ich die Geschichte ja kenne, freue ich mich schon auf deinen Oedi-Bericht.

    Übrigens habe ich vor einigen Jahren einen Igel ins Tierheim FL gebracht, die hatten mehrere dort zum Überwintern. Komisch, dass sie das Gundelchen damals nicht annehmen wollten, was wäre denn passiert, wenn du es nicht hättest aufpäppeln können?

    • Fjonka sagt:

      Das Tierheim hätte sich sicherlich gekümmert- die haben auch Adressen von Leuten, die draußen kleine Überwinterungsgehege für Igel haben (inzwischen weiß ich da zB auch Jemanden in Satrup…)
      Aber das war wie mit Oedi: wenn Du so ein Tierchen erst einmal hast, und Du hast die Möglichkeit, dich seiner anzunehmen…. dann bleibt’s halt da 🙂
      Und ich erinnere mich ja auch immer noch gern an meine Zeit mit dem Gundelchen!

Platz für Klönschnack ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s