Hiraeth*

*Hiraeth, walisisch: die Sehnsucht nach einem Ort, an den man nicht mehr zurückkehren kann

Ich las dies inmitten einer Aufstellung von Worten, für die es im deutschen keine Entsprechung gibt – und ich hatte ihn vor Augen, meinen Sehnsuchtsort:

Die Hytte

Die Hytte

Mehrmals war ich für einige Tage dort gewesen, oberhalb von Ulvik in Nordnorwegen: abgebogen von einer kleinen (in Norwegen also ganz normalen) Straße. Erst einem Impuls folgend, dann dem Weg. Und schließlich rechts vom Weg mein Platz: eine Hytte, alt und innen ganz kaputt, ein Flecken mit Gras, Fels in lichtem Kiefernwald, Halbinsel umspült von einem kleinen Flüßchen – sonst nichts. Und Niemand.

Ulvik943

Das Flüßchen

Dort habe ich mich – ich frage mich, ob es wirklich nur zweimal war oder öfter – für mehrere Tage niedergelassen. Im Auto geschlafen, tags am Flüßchen gelegen, gestrickt, gelesen, Musik aus dem Walkman gehört, die Umgebung erkundet, Dämme gebaut (nicht im Flüßchen, da war ganz schön Strömung. Aber in Bachläufen, die dorthin führten) In leere Selterflaschen füllte ich mir Wasser, das ich in die Sonne stellte – zum haarewaschen und „duschen“, denn das Flüßchen war unglaublich kalt. Aber zum abkühlen an den heißen Tagen war’s toll, durchzuwaten. Abends gab’s Dosenkost vom Campingkocher, frühstücken hieß Geitost und Mørs flatbrød, denn da ich keine Kühlmöglichkeit hatte, ging alles andere eh kaputt. Gut hatte ich’s!

Einmal kamen Wanderer. Da lernte ich, daß ein Wanderweg in der Nähe abzweigte, den ich nie gesehen hatte. Er führt direkt auf einen Gletscher, und von dem kamen sie. Ich bin dann auch mal dort längs gelaufen, zwei Stunden durch ein Tal, wunderschön! Aber natürlich bin ich nicht annähernd in Gletschernähe gekommen.

Das Tal

Das Tal, hinten der Gletscher

Ein anderes Mal hatte doch tatsächlich Jemand sein Zelt keine 50 Meter von meinem Auto aufgeschlagen, als ich von einer Tour zurückkam. Huch! Abends haben wir dann zusammen am Lagerfeuer gesessen und ein wenig geklönt, auf englisch.

Und ein drittes Mal stellte ich, als ich vom Dämmchenbauen zurückkam, fest: ich hatte meinen Autoschlüssel verloren!! Den ganzen Weg samt Bach habe ich abgesucht. Weg war er! Und den Ersatzschlüssel hatte ich im Rucksack, und der war – im Auto. Das abgeschlossen war.
Dachte ich jedenfalls.
Nach mehrstündiger Suche beschloß ich, mich zu Fuß ins nächste Dorf aufzumachen, um Hilfe zu finden, habe mich aber nochmal vorher ans Flüßchen setzen wollen – und da sah ich ihn: den Rucksack! Friedlich geparkt auf meinem Fell, daneben die Selterflasche…. Ich hatte vergessen, meine Sachen ins Auto zu packen, bevor ich losgegangen war.

Ulvik944

Jahre später wollte ich dem Herrn, der erstmals in Norwegen war, diesen meinen Platz zeigen. Es gab ihn noch – aber ringsum wurden neue Hytter gebaut, der Weg war baumaschinenvergrössert, „meine“ Lichtung hinter einem Zaun….

Hiraeth.

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9 Kommentare zu “Hiraeth*

  1. Treibgut sagt:

    Ein schöner Bericht. Ich glaube auch, dass es meistens ein Fehler ist, an Orte zurückzukehren, an die man sehr positive Erinnerungen hat. Wobei es bei Orten, wo man ganz alleine war, vielleicht noch weniger „risikoreich“ ist, als bei solchen, die mit anderen Personen verknüpft sind.

    • Äppelken sagt:

      Oh, ich komme jetzt seit beinahe 10 Jahren immer wieder in die Villa Fjonka zurück und ein Fehler war das noch nie. Obwohl es mittlerweile ein bisschen leichter ist, wieder in den Süden zurück zu kehren. (Ich fahre seit jeher fast immer ohne Rückfahrkarte 😉 )

  2. Neckarhex sagt:

    Was für ein toller Ort und was für eine wunderbare Geschichte. Schade, daß der Ort nicht mehr wirklich exisitert… *umarm*

  3. Bibo59 sagt:

    Ja, da gibt es einige. Holnis ist ja noch irgendwie erreichbar, aber doch schon nicht mehr das selbe, weil es unbeaufsichtigt vor die Hunde geht.
    Und da wäre noch der bosque eterno de los niños und der Regenwald der Österreicher in Costa Rica aber auch ein paar Orte in Frankreich (Gorge du Tarn) die eigentlich recht nah, aber Umstände halber doch so fern sind, und ein gewisser Zeltplatz inEx-Jugoslavien, den es bestimmt nicht mehr gibt.

  4. Steffi sagt:

    manche Orte sind unwiederbringlich, andere ohne den „Zeitgeist von damals“ nicht mehr die gleichen. Entweder es ändert sich der Ort oder man selbst oder beides…

Platz für Klönschnack ...

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