Guten Tag und guten Weg

Friederike vom LandLebenBlog hatte ein Erlebnis, das so besonders war, daß sie extra einen Blogbeitrag darüber geschrieben hat:

Sie wurde gegrüßt!

Einfach so!!

Von einem Einwohner ihrer Gegend!!!

Ohne daß sie ihn explizit gekannt hätte!!!!

Dieses beeindruckende Erlebnis hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie unterschiedlich doch auch heute noch in verschiedenen Gegenden unseres Landes die Menschen drauf sind.

Ich bin ja nun auch schon etwas herumgekommen… vom Rheinland nach Franken  nach Angeln, Ihr wißt… und gerade im Umgang mit „Fremden“ unterscheiden sich die Gegenden (bzw die Menschen dort) wirklich erheblich!

Unterfranken zum Beispiel. Du bist neu in Unterfranken? Sei froh, wenn Du in eine Zwangsgemeinschaft gesteckt wirst (Schule, Betrieb oder so) Es wird nämlich fast unmöglich sein, ohne diese Anfangskontakte zu Leuten zu finden. Du läufst auf der Straße herum, hast gute Laune,  lächelst freundlich Jemanden an und sagst „Grüß Gott“? Huh! Sofort verzieht sich der Hals des Gegenübers ein Stückchen weiter zwischen seine Schultern, die Mundwinkel berühren fast die Schlüsselbeine. Kein Wort kommt über die schmalen Lippen. Lächeln? Fast schon ein unsittlicher Antrag! Jedenfalls auf dem Lande in Unterfranken.
Was immer geht: sich schlecht benehmen. Das bringt Kontakte, denn zurechtweisen tun die Franken gern! Du stehst zu lange vor einem Garten? Fährst mit dem Rad gegen eine Einbahnstraße? Guckst Dir einen Sperrmüllhaufen an? Sofort wird Jemand da sein und Dir sagen, daß das so aber wirklich nicht geht.
Andererseits: hilflos aussehen hilft auch! Rumstehen mit einer Landkarte in der Hand? Den Busfahrplan studieren? Sofort wird Hilfe angeboten. Wenn ich jetzt bösartig wäre, würde ich mal behaupten: damit dieser dämliche Fremde schnell wieder verschwindet… aber nein, man mischt sich einfach schnell und gern ein in Unterfranken. Aber solche Kontakte sind bnatürlich oberflächlich und kurzlebig….

Hier in Angeln läuft das anders mit dem Kontakt-finden:
Du bist im Vorgarten, gebückt Giersch buddelnd? Sitzt gemütlich über einem Buch, aber bist vom Weg aus zu sehen? Es gibt kein Pardon: „Moinmoin“, schallt es herüber, egal ob Schulkind, Teenie, Hausfrau mit Hund oder Greis. Wer jetzt nicht aufschaut und, „moin“, zurückgrüßt – der ist schnell als arrogant und unfreundlich bekannt. Da kann der Rücken nachher schonmal ordentlich schmerzen vom ständigen Auf und Ab…
Übrigens wird auch von Touristen erwartet, daß jeder sichtbare Mensch gegrüßt wird. Klar, daß Touristen aus fast allen Gegenden nicht allzu beliebt sind: Arrogante Schnösel, grüssen nicht mal!
Allerdings kann man hier, ganz anders als in Unterfranken, mit der Karte vor der Nase verschimmeln. Oder vor dem Busplan stehen, bis man alt und grau wird. „Wenn Einer nicht zurecht kommt, wird er schon fragen“, lautet die Devise und sich einzumischen ist verpönt. Als ich, frisch aus Franken eingewandert, mit einem Bekannten durch Flensburgs Straßen lief und dieser Bekannte dann mal ausgiebig in einen Baucontainer eintauchte, der vor einem Laden stand, in dem grad neu eingerichtet wurde, um nach einiger Zeit mit ein paar Beutestücken wieder aufzutauchen – da bin ich fast gestorben vor Bange, erwartete ich doch, daß jeden Moment die Polizei (uniformiert oder als dauergewellte Dame in den 60ern getarnt) erscheinen und eine üble Szene machen würde. Nichts da. Man schaute mäßig interessiert und lief weiter.

Das mit dem Leute-wirklich-mal-kennenlernen ist allerdings  auch nicht so leicht. Denn vom netten Plausch über den Gartenzaun (oder den Kneipentisch oder…..) bis zum offiziellen „den kenn ich, den mag ich, mit dem mach ich vielleicht sogar mal was verabredetes“ ist ein weiter, weiter, weiter w-e-i-t-e-r Weg! Das kann auch schonmal Jahre dauern, bis man ein erstes Date hat (und Date meine ich jetzt ganz harmlos, einfach bloß ’n Kaffee trinken gehen, gern auch mit beiden Partnern dabei oder so) Deshalb finde ich auch nach 25 Jahren im Norden bei neuen Bekanntschaften früher oder später zu etwa 85% heraus, daß „die Neuen“ auch „bloß“ Zugewanderte sind…..

Zugewanderte sind, so weit ist man sich in meinem Bekanntenkreis übrigens einig, in allen Gegenden der Republik die besten „Opfer“, möchte man neue Bekanntschaften schließen. Nicht nur frisch Zugewanderte, übrigens! Wir haben schon oft darüber spekuliert und sind letztlich zu dem Schluß gekommen, daß, wer einmal aus dem altvertrauten Routinen ausgebrochen ist und über den Tellerrand geguckt hat, einfach offener ist. Und vielleicht auch noch nach (wie bei mir) inzwischen über 25 Jahren ‚Neig’schmeckten-Daseins vielleicht auch noch immer nicht so stark eingebunden wie die Urbevölkerung.

Wie ist es denn in Euren Gegenden mit dem grüßen (und kennenlernen)? Und an die Unterfranken und die Angeliter hier: Erlebt Ihr das genauso, oder habt Ihr einen ganz anderen Eindruck von „Eurem“ Völkchen?


Aussortiert: einen Stapel Pferdepostkarten, die noch aus meinen Teenie-Zeiten stammen (eine riesengroße Sammlung hatte ich!), von denen ich aber immer mal wieder eine benutzt hatte, um zB ein Zeitunsabo zu kündigen, einen Katalog abzubestellen oÄ. In Zeiten von emails total überflüssig, und so schön, daß ich sie Jd. noch „so“ schicken wollen würde, sind die nach so vielen Jahren wahrlich nicht mehr… aber ganz trennen konnte ich mich nicht. Jede einzelne ist mir immer noch richtig vertraut- und so habe ich einige – die allerschönsten und die allerältesten – doch wieder an ihren Platz in der Schublade gelegt.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

17 Kommentare zu “Guten Tag und guten Weg

  1. Friederike sagt:

    Hach, ja…. seufz. Sehr lesenswert, das alles, der Beitrag und die Kommentare und die Links – danke dafür. Jetzt fühle ich mich nicht mehr ganz so allein. (Aber daß die Berliner pampig sein sollen…nein, also, bitte…. das muß ein Mißverständnis sein. Soviel Heimatverbundenheit habe ich dann doch noch. 😉

  2. Ui, interessantes Feld, das Du da anschneidest. Wußte gar nicht, daß die Franken da so eigen sind, meine Mam ist da vor zwei Jahren hingezogen, muss sie mal genauer löchern, wie das für sie war.
    Und ja, DAS glaub ich, daß es wehtat, ein paar Tage später ignoriert zu werden. Wär mir auch die Kinnlade auf’n Bauchnabel gesackt.

    Wie das bei uns ist? Tja, ich bin ja hier ein Zwitterwesen. Für die Einheimischen bin ich die „Stodterin“, di ewige Münchnerin und Zug‘roaste.

    Für die Urlauber bin ich die Einheimische, weil ich Laden zwar Hochdeutsch rede mit Touris, aber es ned auf die Spitze treibe, manches redt si hoid leichta mit am bissl am Dialekt. Aso, und einheimisch bin ich für Touis sowieso, allein schon, weil ich überhaupt im Laden bin.

    In der Fußgängerzone pass ich (inzwischen!) auf, daß ich niemanden übersehe, das kann einem ganz furchtbar verübelt werden („De hod’s and nötig, zum Griaßn, de arrogante Kuah, de“). War ich halt von M nicht gewohnt, da gehst vor Dich hin, mit Scheuklappen und denkst an Deinen zu erledigenden Kram.

    Geh ich irgendwo auf Nebenwegerln, meinetwegen zum Bioladen, grüß ich jede/n. Die Urlauber grüßen meist erfreut zurück. Bei Einheimischen kommt’s oft vor, daß sie „in’n Boden neischaugn“ wie man hier sagt, also mit starrem oder auf den Boden gerichteten Blick wortlos vorbeimarschieren. „Muhhaggl, oimerischer!“ wär mir da scho öfters laut rausgerutscht, statt es nur leise zu denken 😉 Oder „Sturschädl, obaboarischa Gloife!“

    Ein Erlebnis von Mallorca muss ich noch nachschieben. Die Mallorquiner gelten Fremden gegenüber als stur, abweisend und verschlossen, sobald man nur ein bißchen weg von den Urlaubsküsten ist. Was man auch durchaus verstehen kann, wenn man sich etwas mit der wechselhaften Geschichte der Insel befasst.

    Wir hatten uns eine kleine, abgelegene Finca in den Bergen mitten im Inselinneren gemietet. Keine anderen Urlauber weit und breit. Ich ging jeden Morgen und Abend joggen. Lief mir jemand über den Weg, ein Jäger mit wettergegerbten Gesichtszügen, eine alte Bäurin, egal wer, die Einheimischen grüßten freundlich zurück, wenn ich meine zwei Läuferfinger hob und „Olà“ sagte  Da könnten sich unsere hier leicht moi a Scheib’n abschneid’n davo…

    Schlußwort: Eine einheimische Bekannte, Chefin des gegenüberligenden Juweliergeschäts, mit der ich ab und zu gern ratsche, gab mir mal folgendes mit: „Tina. Du konnst Di hier auf’n Kopf stell’n und mit de Fiaß wackeln, Du kannst in’d Kirch und in’n Trachtenverein geh’‘n, Du kannst Golf oder Tennis schpuin, mit dene in de Clubhäuser oder Wirtshäuser obhenga – Du weast zwar irgendwann akzeptiert, oba richtig dazuag’hörn weast in hundert Johr ned!“

    Tja, wenn das nicht deutlich war…

    • Fjonka sagt:

      Was Dein Schlußwort betrifft, so bin ich inzwischen der Meinung, daß die Dame damit Recht hat – ganz egal wo in der Republik (auf der Welt??) man sich gerade befindet. Aber ehrlich: wer will schon dazuag’hörn?
      Ich jedenfalls nicht, wollte ich noch nie so recht, jedenfalls wenn’s Dorgemeinschaften betrifft… *g*

      • Oh oh, dickes Mißverständnis, mein Fehler, weil ich den Satz der damals schon älteren, abgeklärten Dame aus dem Zusammenhang gerissen hab.

        Sie wollte mich *dazu ermutigen*, zumindest eine, am besten mehrere, der oben genannte Aktivitäten aufzunehmen, damit ich (ihre Worte) ein bissl warm werde mit den Einheimischen, außerdem erführe ich da so manches, was uns geschäftliche Vorteile verschaffen würde, zulünftige Entscheidungen der Gemeinde, oder könne auf die Entscheidungen in gewissem Maße einwirken und könnte so weiter blaablaablaablubb.

        Nun schätzen wir aber unser cocooniges Leben, der Langhaarige (hier auch ein No Go) und die ehemalige Stadtpflanze, ich geh halt lieber in die Kräuter oder in die Berge, statt mich in einem dorfgesellschaftlichen Haifischbecken zu verbiegen.

  3. Bibo59 sagt:

    Wetten, dass Du genau übermorgen eine Karte brauchst?

  4. ladypark sagt:

    Als Urangeliterin kann ich die Sache mit dem freundlichen Grüßen nur bestätigen.

    Egal in welches Dorf ich je gezogen bin, in aller Regel bekam ich überall schnell (teils netten) Kontakt. Meist machten es der Hund oder die Kinder leicht, über ein Moinmoin hinauszukommen. Wie es ganz ohne Hund oder Kind ist kann ich gar nicht beurteilen.

    Als ich einmal mit Hund in Berlin war, tauten sogar die ansonsten pampigen Berliner auf und ließen sich auf freundliche Gespäche ein.

  5. Bibo59 sagt:

    Schreibe ich in meinen Blog

  6. Haha! Bei der Unterfranken-Beschreibung hast du vergessen, dass man dich zwar nicht zurück grüßen, dir aber hinterherstarren wird, als hättest du grüne Haare oder so.
    Himmel, ich bin seit über drei Jahren hier verheiratet und die Leute im Kaff starren mir immer noch mit offenem Mund hinterher statt einfach mal zurück zu nicken… und ich bin sogar selbst aus der Gegend. Aber es kennt mich halt keiner. „Ä Frömmes“! Da muss man sich doch nicht benehmen.

    • (PS: Mein Mann ist ganz anders. Der ist eher so wie du die Angeliter beschreibst: er neigt dazu, es persönlich zu nehmen, wenn diese „arroganten Städter ohne Manieren“ (Touristen) nicht zurück grüßen 😉 )

      • Fjonka sagt:

        …und wie schafft er es, da zu leben? 😉 (Allerdings wird ER wahrscheinlich gegrüßt, weil er „von da“ ist)
        Als Tourist in Unterfranken würde ich vielleicht auch nicht zurückgrüßen- weil mir erstmal vor lauter Nichtglaubenkönnen der Mund offen bliebe, hörte ich ein freundliches „Grüß Gott“ …

    • Fjonka sagt:

      Nach drei Jahren: „Aber es kennt mich halt Keiner“ – genau das isses.
      Was ich auch noch erlebte, mehrfach: daß man dann in der Kneipe per gemeinsame Bekanntschaften mit Jd. zu sprechen beginnt, einen recht netten Abend hat – und 3 tage später wie Luft behandelt wird, wenn man sich freut, Den/ DiejenigeN wiederzusehen. DAS hat mich fertiggemacht!

      • Achso ne, das ist anders. Bei uns ist das ne Sonderspezialsituation. Erstens hab ich meinen Freundeskreis hier noch von früher, die kennen mich schon und grüßen mich auch *g* aber wir leben hier wie in einer Art Aussiedlerhof sehr weit außerhalb. Also die Leute im Dorf unten kennen einen wirklich eher nur vom Sehen. Auch meinen Mann. Wobei der schon deutlich bekannter ist als ich. Wir leben hier in unserer Privatblase *g* und ich hab eigentlich genug Ansprache und versuche nicht ständig, neue Leute kennen zu lernen, das Bemühen geht vielleicht eher in die Richtung, es sich mit denen unten im Dorf einfach nicht zu verderben, wobei die Frage ist, was man sich da verderben könnte, wenn einfach nix da ist 😉

        Wenn wir in der Rhön wandern sind, grüßen wir übrigens alle immer spezialfreundlich, ob arroganter Städter oder unfreundlicher Rhöner. Irgendwer muss ja mal anfangen.
        (Ich muss allerdings sagen, dass ich mir das nach dreieinhalb Jahren Berlin auch erst wieder antrainieren musste…)

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