Geknickt

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Das knickähnlichste, das ich finden konnte – bitte mal in die Links gucken, da gibts bessere Fotos….

In den Kommentaren zum Starenschwarm im Garten vor ein paar Tagen ging es letztlich mehr um Knicks und Landwirte und den Zusammenhang zwischen beiden als um Stare und Gärten. Es entspann sich ein Gespräch, aus dem sich Fragen ergaben und einige Antworten fanden. Aber erstmal wurde klar: okay, stimmt ja, so ein Knick ist kein globales Allgemeingut, nicht mal ein deutsches. Nein, Knicks gibt es – geschichtlich bedingt – in Norddeutschland.

Aber was ist denn nun überhaupt ein Knick?

 

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Ah! Eine hohe Hecke!? Nein, das war mal ein Knick.

Ein Knick ist ein Gebüsch auf einem Wall, ganz eben mal schnell gesagt. Der Wall ist schräg angelegt. Hier (klick) kann man sich so einen Aufbau mal ansehen. Auf diesen Wall werden einheimische Gebüsche gepflanzt, und zur Pflege (damit keine Baumreihen draus werden) wird das ganze alle 10-15 Jahre auf den Stock gesetzt,“geknickt“ eben. Heißt: nur kurz über dem Boden werden die Äste abgesägt. Hier (klick) kann man dazu näheres lesen, wenn’s interessiert.

Historisch ist das ganze entstanden, als nach Aufteilung der Allmende (des Gemeinschaftslandes) die Bauern verpflichtet wurden, anderen gehörende Flurstücke vor Schäden durch ihr Vieh zu bewahren. Das haben sie getan, indem sie ihre Land-Stücke per Wall, mit Dornengebüsch bepflanzt, umfriedet haben. Die Äste der Sträucher hat man, ums noch dichter zu machen, mit der Axt eingekerbt, geknickt (!) und ineinander verflochten. Das ganze hatte aber auch viel mehr Nutzen: Brennholz war schon damals knapp, wurde aber dringend benötigt – und beim auf-den-Stock-setzen alle 10-15 Jahre konnte man viel davon gewinnen. Das war auch der Grund, warum man nicht einfach Zäune gezogen hat – es wurde im 17. Jhdt von oben angeordnet, Wallhecken zur Umfriedung zu nutzen – wegen des Holzes. Man hat aber auch Werkzeuge draus gemacht usw. Wer zur Geschichte noch mehr wissen will: hier (klick)

Nun ist seither viel Zeit vergangen und viel hat sich in der Landwirtschaft geändert. Seit den 30erJahren des letzten Jhdts geht es dem Knicknetz schlecht. Grössere Felder und Maschinen, weniger Brennholzbedarf, Flurbereinigung …. das kann man hier weiter nachlesen (klick) Die  Folge: viele Knicks sind verschwunden (der NABU schätzt einen Rückgang von in den 50er Jahren rund 75.000 km auf heute etwa 45.000, eine aktuelle IST- Kartierung gibt es nicht) und nun kommt, was den Titel dieses Beitrags, „geknickt“, rechtfertigt: in den letzten Jahren ist sehr, sehr viel kaputtgemacht worden:

Der Druck auf die Bauern, auch noch das letzte Zipfelchen ihres Grundes zu bewirtschaften, ist groß und wächst durch die wegen der Biogasförderung aufs 3-8fache gestiegenen Pachtpreise ungeheuer an. Dazu kommt, daß die schwarz-gelbe Regierung den Knickschutz aufgeweicht hatte. Man setzt den Schlegelmäher senkrecht ein, was nicht nur den Knick als Wuchsform kaputtmacht, sondern auch die einzelnen Büsche- denn was so aussieht, das bietet Pilzen und Fäulnis offene Tore und wird auf lange Sicht gesehen, nicht überleben können:

zerhackt statt abgesägt

zerhackt statt abgesägt

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Schmale Hecke statt Knick – auch übrigens auf der ackerzugewandten Seite.

Inzwischen sind viele Knicks nur noch durchscheinende, schmale Hecken. Da ist kein Platz mehr für Vögel, Kleinsäuger und Insekten, Schutz und Nahrung zu finden.

Aber hier in Schleswig-Holstein herrscht eine sehr intensive landwirtschaftliche Nutzung der Flächen vor: Wälder gibt es kaum, Brachflächen seit Jahren so gut wie nicht mehr, selbst Dauerweiden sind stark gegüllt – man sieht außer Löwenzahn und Butterblumen (hier und da) sehr wenig blühendes, viele Weiden werden auch mehrfach gedüngt und gemäht als Silage, so daß nichts zum blühen und fruchten kommen kann. Deshalb sind die Refugien, die die Knicks bieten, sehr wichtig für die hiesige Natur.

Nun hat die rot-grüne Regierung den Knickschutz wieder verschärft (wenn auch nach Meinung des NABU nicht zu Genüge, aber immerhin). Das senkrechte mähen ist verboten worden, 70° sollen eingehalten werden. Und ein Saumstreifen von 0,5m längs des Knicks darf nicht mehr gepflügt werden – Zeter und Mordio, schreien die Landwirte: Enteignung!!!! Aber sie bekommen Prämien – an die Einhaltung von Umweltstandards gebunden – , aus denen inzwischen die Knickflächen nicht mehr herausgerechnet werden. Hier (klick) steht ausführliches zu diesem Thema. Trotzdem: die Bestimmungen werden nicht eingehalten, ich sehe es derzeit täglich auf dem Weg zur Arbeit. Noch immer pflügt man bis direkt an die Knicks heran, noch immer wird senkrecht rasiert.

Ja, so ist das mit den Knicks hier … das war jetzt viel, und ich fürchte, die meisten werden sich scheuen, auch noch bei den Links reinzugucken. Aber zumindest hier lebende, an Natur interessierte Menschen könnten sich ja vielleicht doch mal das ein oder andere durchlesen! a hat noch einen richtig informativen Link ausgegraben, nämlich den „Begleiterlaß Knick 2014“ samt Checkliste und FAQ. Fakten, Fakten, Fakten (und nicht mal schwer verständlich!) (klick)

Viel Spaß beim informieren!!

 

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16 Kommentare zu “Geknickt

  1. Steffi sagt:

    Vielen Dank für die vielen Infos zum Knick und nochmehr Danke, dass der letzte Link nicht vom NABU ist, den ich zwar durchaus für seriös halte, aber mir in der Gesamtheit als einzige Quelle zu einseitig wäre. Es ist mir (k)ein Rätsel, dass sich scheinbar die gesamte Agrarwirtschaft einen sch.. um die Bestimmungen schert. Die Gründe kommen in Deinem Beitrag gut raus, trotzdem ist es ein Unding über dass man sich mit Recht empören kann.

    • Fjonka sagt:

      Der NABU erklärt’s halt gut, und ansonsten hab ich nicht sehr viel dazu gefunden… aber ich finde es auch klasse, daß a den Erlaß selbst gefunden hat, da kann man sich dann ein ungefärbtes Bild machen. Es steht übrigens noch eine Antwort vom Herrn Habeck aus, dem ich – mangels Ansprechpartner auf der SH-Grünen-Seite – mal eine mail wegen der Nichtenhaltung der Vorgaben und der offenen Frage nach Kontrolle und Konesquenzen für die Bauern geschickt habe. Wenn was (weiterhelfendes) kommt, geb‘ ichs weiter

  2. realkiku sagt:

    Im Niedersächsischen Naturschutzgesetz heißen Knicks wohl Wallhecken. Das hat jedenfalls der Mann vom Stadtgrünamt gesagt, der sich letztes Jahr die Grenze von unserem Garten zu den Nachbarn angeschaut hat. Da ist nämlich im Flächennutzungsplan so eine Wallhecke eingezeichnet und die steht unter Schutz. Früher war das hier Ackerland, unsere Häuser wurden in den 1950ern gebaut, die Nachbarhäuser in den 1980ern und dazwischen ist die „Wallhecke“ (und auch die Grenze zwischen den Landkreisen 😉 ). Unsere Nachbarn hatten sich nämlich beschwert, dass das da so „ungepflegt“ ist, dass Efeu etc. dort wächst und die Äste der Bäume und Sträucher zu ihnen rüber wachsen. Die wollen alles ganz steril haben. Sie haben auch vorgeschlagen, die Feldahörner, Hasel- und Holunderbüsche gegen ordentlichen Rhododendron zu ersetzen (oder alles ganz kahl zu machen, das sähe ja so unordentlich aus). Ich war ganz froh, dass der Stadtgrünamts-Mann da eingeschritten ist. Ich habe die Feldahörner die letzten Jahre mit der Heckenschere kurz gehalten, aber vielleicht sollten wir sie auch lieber ab+zu auf Stock setzen. Das ist zwischen zwei bebauten Grundstücken allerdings nicht so einfach, da fällt man ja quasi schon kleine Bäume… Mal sehen. Aber Deine Links fand ich sehr interessant!

    • Fjonka sagt:

      Naja, nach 10 jahren ist das sooooo riesig alles noch nicht… da kann man noch von oben in 2, 3 Schritten abtragen oder so, normalerweise.
      Ich glaube, „Wallhecke“ ist sogar wirklich dasselbe, übrigens. Jedenfalls ist, wenn man ixquickt, oft parallel von beidem die rede, als sei’s bloß ein anderes Wort.

    • dschinny sagt:

      „Ungepflegt“, „Rhododendron statt einheimische Büsche“ – das sind bestimmt die gleichen Leute, die behaupten, sie würden Golf spielen, „weil sie sich so gerne in der Natur aufhalten“… Herr, wirf Hirn vom Himmel!

  3. Maenade sagt:

    …und völlig ab vom Thema, aber eben das, was mir dazu einfiel: Kommt daher wohl auch „aus dem Knick kommen“ für „in die Pötte kommen“? Im übrigen: Lesen bildet. Ich freue mich immer über solche Informationen aus anderen Gegenden.

    • Fjonka sagt:

      Wer weiß? Kann aber auch von was anderem kommen, zB von den fgrüheren, kürzeren Betten, in denen man der Wärme wegen recht geknickt saß im schlafen… Keine Ahnung.

      • Bibo59 sagt:

        Fast richtig: Wenn man sitzt, ist man gewissermaßen eingeknickt wie auch die Kleidung. Erst wenn man aufgestanden ist, „glättet“ man sich wieder – man „kommt aus dem Knick“

  4. Bibo59 sagt:

    Übrigens: Zwei Knicks und ein Weg dazwischen geben einen Redder.
    SoundsoRedder heißen noch viele Straßen in Hamburg, obwohl da nur Häuser stehen.
    Der dänische König Christian ordnete noch die Anlage von Knicks und Wohlden an, weil SH damals schon zum größten Teil entwaldet war, damit sich die Leute mit Holz, aber auch mit Feldfrüchten selbst versorgen konnten.
    Was Knicks und Redder und Wohlde sind, habe ich erst in Norddeutschland gelernt.

    • a sagt:

      Sehr interessant Bibo! Was Redder sind, weiß ich dann endlich auch. Und was sind Wohlde? Aus Ortsnamen kenne ich den Begriff natürlich, aber wenn Du noch eine Erklärung hast, bitte… 🙂

      • Bibo59 sagt:

        Wohlde sind so Miniwäldchen, die auch der Versorgung mit Holz dienten. Also wie ein Niederwald, nur kleiner 😉 Heißt, sie wurden auch alle paar Jahre flachgelegt. Das geht aber nur mit Bäumen und Büschen die wieder aus dem Stock ausschlagen. Weide, Hainbuche, Buche, Hasel, Schlehe, Weißdorn, also alles was im Knick auch wächst.

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