Bücher, Bienen und Skorpione

Eigentlich geht es hier im Artikel weniger um Bücher, mehr um Bienen und gar nicht um Skorpione. Oder, um es klarer zu machen: Der Bücherskorpion hält Einzug in unser Bienen-Denken!

Vor kurzem war ich auf einem Vortrag von Torben Schiffer, der in seiner Staatsexamensarbeit den Bücherskorpion und dessen symbiotische Lebensweise mit den Bienen erforscht hat. Laut Torben hat der Bücherskorpion das Zeug dazu, als natürlicher Milbenvernichter die Varroa im Bienenvolk im Zaum zu halten. Und das alles ohne Chemie und ohne den Bienen mit Säureduschen den Atem zu nehmen. Was mir so hängengeblieben ist, will ich gerne mit Euch teilen.

Wer oder was ist der Bücherskorpion?

Der Bücherskorpion ist ein sogenannter Pseudoskorpion, der nur äußerlich einem Skorpion ähnelt. Der Name kommt daher, dass er früher oft in Bibliotheken zwischen alten Büchern gefunden wurde, wo er Milben und Läusen nachgestellt hat. Verwandt ist er eher mit der Bettwanze oder dem Weberknecht als mit dem echten Skorpion. Bücherskorpione sind ein paar Millimeter groß und können gut mit bloßem Auge erkannt werden. Könnten erkannt werden, muss ich sagen, denn sie sind sehr lichtscheu. Hätte man welche in der Bienenbeute, würden sie sich sofort in dunkle Ritzen verkriechen, sobald man die Beute öffnet. Es wird nur wenig Nachwuchs in die Welt gesetzt, dafür werden Bücherskorpione aber auch bis zu dreieinhalb Jahre alt.

chelifer cancroides

chelifer cancroides
Bücherskorpion (Quelle: WikiCommons,
Erstes Bild, Zweites Bild)

Inwiefern hilft der Bücherskorpion den Bienen?

Torben hat festgestellt, dass der Bücherskorpion in den Bienenbeuten nicht nur Jagd auf Wachsmotten macht, sondern auch Varroamilben fängt, betäubt und aussaugt, dabei aber die Bienen und deren Brut in Ruhe lässt. Er schätzt, dass um die 150 Bücherskorpione in einer Bienenbeute nötig sind, um die Varroa in Schach zu halten. Wie der Bücherskorpion bei der Varroajagd vorgeht, kann man schön in diesem Film sehen:

Und warum haben wir dann die ganzen Probleme mit der Varroa?

Müssten die gegenwärtigen massiven Probleme mit Varroabefall nicht ein Schlaraffenland für den Bücherskorpion sein? Tja, das wäre wohl so, hätten wir noch Bücherskorpione in den Bienenbeuten. Dummerweise hat die gute, imkerliche Praxis der letzten Jahrzehnte unwissentlich dafür gesorgt, dass der Bücherskorpion in den Bienenbeuten keinen Lebensraum mehr hat und insgesamt inzwischen recht selten geworden ist. Damit ist folgendes gemeint:

  • Styroporbeuten
  • Bei uns ist DIE angesagte Bienenbeute die sog. Segeberger Beute aus Styropor. Messungen haben gezeigt, dass die Luftfeuchtigkeit im Tagesverlauf relativ stabil um die 60-80% pendelt. Der Bücherskorpion mag es gerne trockener. Eine Überwinterung des Bücherskorpions in Styroporbeuten ist nicht gelungen. In Holzbeuten ändert sich die Luftfeuchtigkeit viel stärker, da treten auch deutlich trockenere Phasen auf.

  • Gitterboden
  • Praktisch alle Bienenbeuten haben heutzutage einen Gitterboden. Der Gitterboden dient der Belüftung und hilft bei der Gemülldiagnose. Man kann unter dem Gitterboden auffangen, was so alles in der Bienenbeute nach unten fällt und damit den Varroabefall und einiges andere mehr abschätzen. Der Bücherskorpion bevorzugt aber weniger luftige Räume, er – oder spätestens seine Nymphen (junge Nachkommen) – wandert bei Gitterböden aus. Das Auswandern funktioniert ganz einfach mit dem Bienentaxi: Der Bücherskorpion hält sich an einer ausfliegenden Biene fest und lässt sich in ein neues Leben tragen.

  • Alles schier
  • Der Bücherskorpion braucht Spalten, Löcher oder Ritzen um sich zurückzuziehen und um seine Eier zu legen. Ideal ist Stroh, aus dem z.B. die alten Bienenkörbe bestanden. Hier kann sich eine Mikrofauna ansiedeln, die den Bienen nicht schadet, die der Bücherskorpion aber braucht, denn er lebt nicht nur von Luft und Varroen allein. Heutige Beuten sind fugenlos und glatt.

  • Chemie gegen die Varroa
  • Perizin und andere Mittel aus dem Chemielabor töten die Varroamilbe und nicht die Biene, weil sie Antimilbenmittel sind. Dumm nur, dass der Bücherskorpion eng mit den Milben verwandt ist …

  • Organische Säuren gegen die Varroa
  • Das derzeit beste Mittel gegen die Varroa, die Ameisensäure, bildet keine Rückstände und schädigt bei korrekter Behandlung die Bienen nur in gewissen Grenzen. Der Bücherskorpion reagiert aber äußerst empfindlich auf Ameisensäure und stirbt schon bei sehr geringen Dosen. Oxalsäure scheint den Bücherskorpion kaum zu stören, wenn sie verdampft wird. Geträufelte Oxalsäurelösung oder versprühte Milchsäure wurde noch nicht am Bücherskorpion getestet.

  • Hochgezüchtete Völker
  • Das hat zwar nicht direkt etwas mit dem Bücherskorpion zu tun, aber mit der Varroatoleranz. Inzwischen wurde festgestellt, dass es auch bei der westlichen Honigbiene intensives Putzverhalten gibt, wobei auch Varroen abgeputzt und getötet werden. Nur tragen die Bienen keinen Honig ein, während sie sich ausgiebig gegenseitig putzen. Bisher hat man dieses Putzverhalten, neudeutsch „Grooming“ genannt, nur bei Völkern beobachtet, die weniger schnell wachsen, weniger Honig eintragen und etwas stechlustiger sind. Also genau bei solchen Völkern, die die meisten Imker als faul oder Stecher bezeichnen und zugunster guter Völker auflösen oder umweiseln. Bienenvölker, die vermutlich alleine mit der Varroa zurecht kommen, soll man daran erkennen können, dass um die 80% der toten Varroen im Gemüll abgebissene Beinchen oder aufgebissene Ränder aufweisen, also von den Bienen gezielt getötet wurden.

Kurz zusammengefasst: Bücherskorpione haben in den heute verbreiteten Beuten keine Rückzugsmöglichkeiten. Und sollten sich doch welche einnisten wollen, wird ihnen schon mit der ersten Behandlung gegen die Varroamilbe der Garaus gemacht.

Was kann man tun?

Will man sich auf den Bücherskorpion zur Varroabekämpfung einlassen, muss man ihm die Bienenbeuten wieder wohnlich machen:

  • Holz- oder Strohbeuten
  • In Holzbeuten kann man strohgefüllte Bereiche schaffen, was natürlich bedeutet, dass weniger Waben zur Verfügung stehen. Torben empfiehlt Roggenstroh, Reet soll dafür nicht geeignet sein. Wieviel Stroh benötigt wird, ist noch nicht bekannt. Zusätzlich können Bohrungen in den Holzwänden angebracht werden. Torben experimentiert mit Beuten aus Strohwänden.

  • Geschlossener Boden
  • Will man Gemülldiagnose betreiben, muss man eine Möglichkeit schaffen, die sog. Windel (Folie oder Platte, auf die das Gemüll fällt) anders einzuschieben. Vielleicht mit einer Platte, die von vorne unter dem Fluglochkeil eingeschoben wird?

  • Keine chemische Varroabehandlung
  • Keine Behandlung mit chemischen Präparaten, Ameisensäure oder anderen Mitteln. Oxalsäure verdampfen wäre wahrscheinlich möglich, ist aber in Deutschland nicht zugelassen.

  • Vorbeugende Behandlung
  • Drohnenbrut schneiden ist eine anerkannte Möglichkeit, die Varroenzahl zu drücken. Alternativ ist auch die einmalige, komplette Brutentnahme im Juni oder Juli im Gespräch.

Was will ich tun? Will ich etwas tun? Oder wir?

Tja, gute Fragen. Den Winter über werde ich genug Zeit zum Nachdenken haben. Prinzipiell haben wir gute Voraussetzungen: Holzbeuten, zum Teil selbst gebaut, so dass Umbauten auch nicht die große Hemmschwelle haben. Und: Interesse an der Sache.

Aber bis jetzt ist die ganze Thematik noch ein einziges Forschungs- und Experimentiergebiet. Vieles ist unklar, vieles weiß man noch gar nicht. Das Bieneninstitut Kirchhain und der Bienenexperte Jürgen Tautz scheinen Interesse an weiteren Forschungen zu haben. Soll man mitexperimentieren oder lieber abwarten?

Und: Diesen Herbst sieht es nicht gut aus mit unseren Biens. Die Varroa trat in Massen auf und tut es immer noch. Ein Volk mussten wir auflösen, weil es weisellos war, ein Volk schwächelt inzwischen vor sich hin und bereitet uns Sorgen und das dritte? Mal sehen, was noch kommt. Dass da der Experimentiereifer etwas gebremst ist, leuchtet ein. Ohne Masse keine Experimente.

Also: Alles noch offen.

Fundstellen

Bücher, Bilder, Webseiten:

Peter Weygoldt, Moos- und Bücherskorpione (vergriffen)
beenature-project
Bücherskorpion bei Wikipedia
Vitale Völker durch komplette Brutentnahme (PDF)
Komplette Brutentnahme (PDF)
Bild zum Grooming
Toleranzzucht
Torben Schiffer kann man für einen Vortrag auch buchen – es lohnt sich 😉

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7 Kommentare zu “Bücher, Bienen und Skorpione

  1. […] haben, auf natürliche Weise den Bienen zu helfen – u.a., indem statt auf Säuren auf den Bücherskorpion gesetzt wird. Am Wochenende waren wir ja zu einer Bienen-Veranstaltung, auf der Jürgen Tautz […]

  2. Steffi sagt:

    kann man nicht ein Buch reinstellen/hängen, wenn dieses possierliche Tierchen doch auch in Büchern zuflucht sucht? Ich denke da an solche verstaubten Regalhüter.
    Das meine ich, sagen wir mal, halbernst. brauchen die ja ne Unterkunft und so ein Buch ist scheinbar ein feiner Rückzugsort und hat ein rahmenähnliches Format.

    Hochinteressantes Thema! Danke fürs teilhabnelassen.

  3. beithe sagt:

    Ja, von dem Bücherskorpion hab ich auch schon gehört- interessant, ich bin mal gespannt wer so mutig ist seine Völker ohne A- säure zu lassen. Ich hab ja dieses jahr erst angefangen mit den Bienen( und auch in der Segeberger) hatte aber nicht eure Probleme mit den Varroen. Jede Behandlung hat gut angeschlagen. Sollten die Bienen sich hier sehr stark vermehren, werde ich wohl auch Holzbeuten ausprobieren um den direkten Vergleich zu haben.Fragt man 10 Imker bekommt man auch 10 verschiedene Antworten.

    • Nebelkranich sagt:

      > Jede Behandlung hat gut angeschlagen.

      Ja, das war bei uns auch so. Bei jeder Behandlung sind Unmengen an Varroen gefallen. Aber hinterher waren es immer noch zuviel. Und das bei soviel Behandlungen, wie vom Wetter her nur ging.

    • Fjonka sagt:

      Ohja, das kennen wir auch, das mit den 10 Antworten *seufz*
      Was ja auch interessant ist, ist die Sache mit der Toleranzzucht, die haben dies‘ Jahr ja erstmals meßbare Erfolge…. das könnte auch noch ein Ansatz sein – letztendlich MUSS man ja irgendwann mal weg von den Säuren, finde ich.

  4. Bibo59 sagt:

    Von den guten Bücherskorpionen hatte ich neulich mal was gelesen. Ich selbst hatte mal so ein Tierchen in einem Buch gefunden.
    Ihr habt doch so ne Trennwand zwischen Honigraum und Brutraum. Kann man die nicht aus Strohgeflecht machen?

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