Fremd

Fremd war und bin ich oft in meinem Leben.
Fremd in der neuen Schulklasse, in die ich gesteckt wurde, weil die Schulleitung meinte, die Klassen seien zu groß und müssten geteilt werden.
Fremd dann auch da, wo ich eigentlich herkomme, weil ich mich dort lange nicht zuhause fühlte.
Fremd nach dem Umzug nach Franken, weil es schön war dort, wo ich nun wohnte, aber die Menschen mir fremd blieben (Ausnahmen bestätigen die Regel)

Dann kam eine Zeit, in der ich mich angekommen fühlte, in Norddeutschland, bei den Menschen hier, in dieser Landschaft, bei mir.
Es hielt ein paar Jahre.

Zur Zeit fühle ich mich immer noch oder immer wieder fremd. Aber nicht immer, immerhin *g* Meist fremdele ich jetzt vor mir selbst – Fremdele, wenn ich merke, wie ganz anders ich oft denke und lebe als die Arbeitskolleginnen, die Nachbarn – eben all die Leute, mit denen man so zu tun hat, ohne sie sich aussuchen zu können. Mag mich aber auch nicht anpassen, mag nicht anders denken und leben müssen, um dazuzugehören.

Jeder Mensch ist eine Insel

ist ein Zitat, das man immer mal liest und das mir jetzt beim schreiben einfiel- im Netz fand ich, daß es wohl von Arthur Koestler stammt,. aber nur die eine Hälfte eines Satzes ist, der weitergeht mit

die sich nach Vereinigung mit dem Festland sehnt

Das fremdsein und das fremdfühlen – das ist, glaube ich, so etwas, das im Menschen drin liegt, das nimmt man mit, wo auch immer man hinkommt.
In jedem?
Ich weiß es nicht.
In mir jedenfalls steckt es drin, ganz tief. Das sehnen wohl auch, es fragt sich nur, wieweit Jeder Einzelne dann bereit ist, sich für das Gefühl der Vereinigung zu unterzuordnen.
Bei mir wird es wohl beim sehnen bleiben 😉

Nicht mehr fremd bin ich im Kreise meiner Lieben. Der Herr F., mein Kater, die Freunde, die BookCrossing-Freundschaften. Und wunderbare, seltene Tage, die, an denen ich mich mit mir und allem versöhnt und wohl fühle, das sind immer wieder die Tage der Party: Ich, daheim (und) bei mir, und viele Menschen in der Nähe, mit denen ich mich wohlfühle. Das fühlt sich richtig an, so sollte es öfter sein.

Ich habe keine Antworten für andere Menschen, gerade auch, weil ich weiß, daß es Menschen gibt, die das besser können als ich – sich einfinden, sich daheim fühlen, da, wo sie sind und bei sich selbst auch. Und andere, die sich damit schwertun, vielleicht schwerer noch als ich. Das wird bei „den Fremden“, die hier momentan so zahlreich ankommen, nicht anders sein als bei Hiesigen, die „nur“ mit einem neuen Bundesland, einer neuen Schulklasse oder wasauchimmer fremdeln, auch wenn die Umstände mit cultureclash, Traumatisierungen, Flucht natürlich völlig andere, ungleich schwierigere sind. Auch bei denen, die jetzt in Turn- oder Messehallen, aufgelassenen Schulen oder Kasernen unterkommen müssen gibt es die, die dabeisind, die lachen, die Kontakt finden – und die, die danebensitzen und schauen und fremd und manchmal auch traurig aussehen – und sich wahrscheinlich auch so fühlen.

„Ich war fremd“ heißt eine Blogparade, zu der der Landlebenblog aufgerufen hat. Was mir helfen würde, wenn ich mich fremd fühle, fragt Friederike da.
Ja, was?

Ich, die ich oft fremdele, tue, soweit es mir möglich ist, was ich mir auch für mich wünschen würde: ich bin, zu jedem Menschen, der mir begegnet, höflich. Ich bin freundlich, wenn ich merke, daß ein Draht da ist. Oder wenn ich einfach freundlich gestimmt bin, was, wie ich zugebe, durchaus nicht immer der Fall ist. Ich helfe, wenn man mich darum bittet. Ich spreche jede Sprache, die ich, wenn auch nur bröckchenweise, kann, wenn ich merke, daß es in der deutschen nicht weitergeht. Mit anderen Worten: ich bin eben ganz normal, so wie ich immer bin. Und hoffe, daß das nicht zu wenig ist.

Würde ich mir für mich wünschen, daß da mehr käme? Habe ich es mir gewünscht, wünsche ich es mir, wenn ich fremdele? Eigentlich nicht, stelle ich fest. Ich suche mir, um es mit einem Bild zu sagen, lieber selbst aus, wem ich zuwinke, wäre dann aber froh, wenn ich nicht fünfmal winken müsste, bevor Jemand zurückwinkt. Denn als Fremde zu winken ist ja schonmal per se nicht so einfach.

Also gut. Ich denke, während ich schreibe, also fehlt das Fazit, und der letzte Satz ist eh immer schwierig. Also mach‘ ichs kurz:

*wink*

Tj³s

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

15 Kommentare zu “Fremd

  1. […] einen Artikel der lieben Fjonka wurde ich auf diese Blogparade aufmerksam geworden und mich entschlossen auch einen Artikel dazu zu […]

  2. a sagt:

    Jetzt dann doch. Ich wollte gestern schon schreiben, aber mir fehlten die Worte. Und, Du kennst mich, dass passt nicht so ganz zu mir. Uns so fremdel ich schon seit einiger Zeit mit mir. So, dass ich weniger Termine mache, mich vor offiziellen Gesprächen am liebsten drücken möchte, oft einfach gar nicht reden möchte, dann aber merke, dass die Gespräche meistens gut sind und gut tun. Und das mir! Ich glaube als unkommunikativ und fremdelnd hätte mich früher nie einer eingestuft. Liegt es an den vielen Umzügen, und den immer neuen Menschen und nicht immer netten Gesprächen, der sich irgendwie doch wandelnden Gesellschaft, unserer schnelllebigen Zeit, dem Gefühl, doch meistens nur ein kleiner Tropfen in seinen Bemühungen zu sein, oder kommt das auch mit dem Alter, dass es einfach anstrengend wird, sich mit Anderen und damit auch oft Neuem auseinanderzusetzen? So fremdel ich auf jeden Fall nicht nur mit anderen Menschen und Situationen, sondern auch mit mir.

    • Fjonka sagt:

      Achje – noch mehr interessante Gedanken, aber auch mehr (und wieder etwas andere) Fremdheits-Trauer.
      Wobei Du es ja momentan auch wirklich nicht leicht hast. Und da kann ich gut von „Fokus auf das superschöne – und eigene- Haus und den garten und das Gute richten“ reden; das gelingt mir ja auch selbst oft nicht, außerdem denek ich, um mit naliestewieder zu sprechen (Kommentar weiter unten) daß Du tendenziell doch eher ein Hundemensch bist, insofern….
      Na, am Donnerstag zwinge ich Dich dann zum reden und hoffe, es wird ein Gespräch der guten Sorte….

  3. Maenade sagt:

    Ich hatte mal versprochen, ich würde hier jetzt öfter kommentieren, weil ich doch weiß, dass Dich, Fjonka, das freut. Und was tue ich? Fremdeln – und nicht kommentieren, sondern beim Lesen still in mich hinein Lächeln, Grinsen, Nicken oder was auch für Reaktionen Deine Beiträge bei mir eben hervorrufen. Heute: Innerliches Nicken. Auch ich kenne das mit dem Fremdeln, mit den anderen, ja, selbst unter guten Bekannten, und auch mit mir. Und was würde es mir leichter machen? Das mich tatsächlich, wenn ich auffallend fremdel, jemand anspricht, ganz unverfänglich (Danke Bibo59, stellvertretend!) – und nicht gerade mit einem „Was tun, wenn die jetzt alle kommen?“, wie neulich gerade passiert. Dann fremdel ich nämlich gleich noch mehr, dann aber gerne. 😉

    • Fjonka sagt:

      Da freue ich mich dann besonders, daß Du Dein fremdeln wieder einmal überwunden hast –
      Eure Antworten hier sind zT eigentlich gleich wieder neue Beiträge zur Blogparade, so nachdenklich und schön geschrieben!

  4. naliestewieder sagt:

    „Man braucht nur eine Insel allein im weiten Meer, man braucht nur einen Menschen, den aber braucht man sehr.“ Mascha Kaleko

    Fremd bin ich auch geblieben im fränkisch geprägten Thüringen, da ist schon die Sprachbarriere gewaltig. Ich habe die Theorie von den Katzen- und Hundemenschen wenn es um Heimat und Daheimsein geht. Für die Katzen ist der Ort entscheidend, für die Hunde die Menschen. Ich zähle mich zu den Katzen. Ausserdem fühle ich mich dort, wo ich aufgewachsen bin, rein körperlich immer viel wohler als dort, wo ich jetzt wohne, als wenn die Moleküle in meinem Körper irgendwie mit der Umgebung mitschwingen. Ich befürchte aber, dass ich gegenüber den Menschen nach so vielen Jahren auch fremdeln würde.

    • Fjonka sagt:

      Ein schönes Zitat!
      Und eine interessante Theorie, die mit den Hunde- und Katzenmenschen! Sponatn habe ich dazu geneigt, gleich zu sagen „Ohja, genau, und ich bin auch ’ne Katze“, weil ich mich an Orten, die mir nichts sagen, auch nach Jahren nicht wohlfühlen kann (habe ich in einer WG deutlich erlebt, die Leute – das passte. Aber das Haus ging garnicht. Und ich konnte mich dann da nicht wohlfühlen)
      Aber andererseits: am passenden Ort ohne passende Menschen- das wäre mir dann auch wieder nix….

  5. Friederike sagt:

    Danke fürs Mitmachen, liebe Fjonka, ich bin doch doch überrascht, wievielen Menschen es mit dem sich-fremd-fühlen so ähnlich geht wie mir. Vielleicht ist es doch ein sehr weit verbreitetes „Problem“, aber sicher keines, über das Menschen viel erzählen. Umso schöner, daß Du bei der Blogparade mitgemacht hast. Und jetzt Du, @Bibo59. 😉

  6. beithe sagt:

    Schöner Text, in dem ich mich irgendwie wiederfinde.

  7. Bibo59 sagt:

    Fremd war ich immer. Zunächst mal 10 Jahre Schülermobbing überlebt. Und dann immer wieder den Ort und den Job gewechselt. Wenn ich allein gereist bin, wurde ich oft gefragt: „Ist das nicht ein bisschen einsam?“ Nö, wieso? Ich treffe doch überall Leute. Einsam habe ich schon mal bei Gruppenreisen gefühlt. Mittlerweile gebe ich mich nicht mehr mit Leuten ab, die mich partout anders haben wollen, als ich bin.
    Oder hier auf den Dorffesten, wenn ich eigentlich Leute kennen müsste, aber niemanden erkenne. Und auch nichts mehr gemeinsam habe, mit denen, die aus ihrem Kaff nie rausgekommen sind.
    Mit Aikido und Bookcrossing habe ich immerhin etwas, wo ich erstmal landen kann, wenn ich irgendwo fremd bin. Und ich mache es Fremden leicht. Beim Aikido bin ich die erste, die auf die Anfänger zugeht. Wenn alle miteinander schwatzen und jemand steht (noch) daneben, dann frage ich erstmal: Wer bist Du? Wie heißt Du?

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