Dort und hier

Soeben las ich, was im Landlebenblog so berichtet wird, über die dortige Situation mit den Flüchtlingen. Lest das mal, ist erschreckend.
Und ich wundere mich.
Denn für uns hier gestaltet sich das ganze völlig anders.

Wir haben uns ja, ich schrieb es schon, als Helfer zur Verfügung gestellt, in unserer Nähe. Und wir sind auch im Mailverteiler und gehen, wenn möglich zu den Treffen (da die nachmittags um 16 Uhr stattfinden, ist das für berufstätige Menschen durchaus ungünstig. Man wundert sich, wie viele dann doch dort zusammenkommen)
Und da zeigt sich dann folgendes:
ein emsiger Kreis von Menschen dort kümmert sich schon seit langem. Diese Leute bilden ein eingespieltes Team, und sie sind rege und aktiv. Man freut sich, daß derzeit neue Leute dazukommen, die ebenfalls bereit sind zu helfen – aber im Grunde scheint unsere Hilfe (und die der Anderen, die neu dazukommen) momentan nicht wirklich akut notwendig zu sein.
Was gebraucht würde, sind Lotsen. Leute, die bereit sind, für einen Flüchtling (mindestens) ziemlich weitreichend dazusein: Behörden- und Arztgänge, zeigen des Dorfes, Hilfe beim einrichten und einkaufen undundund. Das also, von dem auch im oben verlinkten Artikel berichtet wird. Lotse zu sein bedeutet aber sehr große Flexibilität und Spontaneität. Und sehr viel Zeit zu Zeiten, in denen wir alle beide nicht spontan und flexibel viel Zeit haben. Nämlich zu Öffnungszeiten von Ämtern, Banken, Ärzten etc. Sehr schnell war klar: das können wir nicht.
Und der Rest ist geregelt und läuft. Auch ohne uns.
Das wird nicht so bleiben, sagte man uns – wenn neue Menschen ankommen, dann gehen oft Mail-Hilferufe rund – wer hat dann Zeit, mit dem dorthin zu fahren? Wer kann hier und dann helfen, eine Wohnung einzurichten? Und da wären dann der Herr F. und ich richtig, denn an seinen Heimarbeits – und meinen freien Tagen sind wir ziemlich flexibel und spontan. Der Herr F. muß dann halt abends was dranhängen, und ich nichtmal das.
Aber momentan kommt halt niemand … es ist Platz da (die Gemeinde hat 15 Wohnungen zusätzlich anmieten können), es sind Kapazitäten da, die Verteiler-Stellen wissen das – aber niemand kommt. Es ist sogar das Kontingent der bis zum Jahresende aufzunehmenden Menschen hochgesetzt worden (derzeit sind ca 50 untergebracht, bis letzte Woche hieß es noch: 75, jetzt sollen es 100 werden) Aber Niemand kommt.

Also, ich mag mich darüber wahrlich nicht beschweren; es kommen sicher noch Zeiten, in denen auch unsere Hilfe gebraucht wird, und ich finde es prima

  • daß hier im Voraus Wohnungen angemietet werden können,
  • daß von den Helfern noch Niemand völlig überfordert scheint,
  • daß sogar ein Syrer, dessen Frau jetzt angekommen ist, gar nicht in die Wohnung 6 Kilometer entfernt im nächsten Dorf (ebenfalls eines mit Infrastruktur, daran liegts nicht) möchte, die er haben könnte, weil er sich im Ort so wohl fühlt;
  • daß hier eben das Chaos (noch?) nicht angekommen ist.

Ich frage mich bloß, wieso das so ist: drängende Enge dort, Platz und Wille hier.
Immerhin 50 Menschen, die hierher kommen könnten, in kleinen WGs oder ihrer Familie in einer Wohnung mit Leuten im Ort, die ihnen helfen wollen, gut hier anzukommen, sind nun länger und länger in Erstaufnahmeeinrichtungen, die aus allen Nähten platzen und in denen ja auch inzwischen – kein Wunder – manchmal die Situation brenzlig wird.

Und dann die Geschichte von – war es Celle? Eutin?? (Edit: es war Goslar – in den Kommentaren genauer nachzulesen – danke @wattundmeer!) Jedenfalls: eine Stadt, die Probleme damit hat, zu veröden. Die Wohnungen hat, ganze Komplexe, die leerstehen. Die noch Arbeitsplätze hat, Geschäfte, Ärzte, und deren Bürgermeister darum bittet, mehr Flüchtlinge zu bekommen, damit das so bleibt oder es der Stadt auf längere Sicht wieder besser gehen kann. Und der zu hören bekommt: nix da! Eure Zuteilung ist XY, mehr gibbet nich‘! Hamburg beschlagnahmt derweil GEWERBEgebäude, um noch mehr Leute  aufnehmen zu können, die einfach keinen Platz finden, wo doch Wohnungen schon für Hamburger schwer zu finden und sehr teuer sind. Das empfinde ich als absurd, und wenn ich recht verstanden habe, was ich über diese Geschichte bisher las und hörte, so liegt die Ursache allein in Zuteilungsquoten – Bürokratismus halt.

Warum aber hier bei uns niemand ankommt – das weiß hier auch Niemand. Und also heißt es: abwarten. Für uns kein Problem. Für die fünfzig Leute, die im Erstaufnahmelager warten, sicher eins.


Aussortiert: einen Schal.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

17 Kommentare zu “Dort und hier

  1. Gerburgis sagt:

    Bei uns in Haltern am See rechnet man mit 350 Flüchtlingen, wie in der Zeitung geschrieben stand. Und es klang nach zu viel und Überforderung, bis ein Mitarbeiter des Caritasverbandes während eines Infoabends vor 100 interessierten Helfern sagte: „In den 90er Jahren hatten wir 1500 Flüchtlinge vom Balkan, da können mich die 350 nicht schrecken!“ Das war vor ca. Vier Wochen und jetzt haben sich verschiedene Gruppen und Projekte gebildet, die nicht nur mit den Flüchtlingen sondern auch unter den Halternern neue Netzwerke entstehen lassen.

  2. Friederike sagt:

    ….Und wir in Baden-Württemberg haben gemeinsam mit Bayern die meisten Flüchtlinge aufzunehmen, das geht nach Wirtschaftskraft und Einwohnerzahl irgendwie, und innerhalb Baden-Württembergs wiederum ist meine Region, warum auch immer, jene, die am meisten aufnehmen muss. Nun eben auch durch eine erstaufnahmeeinrichtung in der Kaserne. Da kommen viele Dinge zusammen, die irgendwie auch ihren Grund haben, die man den Bürgern und den überlasteten Helfern aber nicht mehr wirklich vermitteln kann. Es ist zum verzweifeln. Und am Ende richtet sich der Zorn gegen die, die am wenigsten schuld sind.

  3. Bibo59 sagt:

    Ja, das ist bekloppt. Der Bürgermeister von Erfurt hätte gern noch mehr Flüchtlinge, einige Gemeinden in SH auch. Andererseits wird ein gerade stillgelegter Flughafen in der Nähe von Frankfurt als Aufnahmeeinrichtung genutzt und ein Ort mit 4000 Einwohnern bekommt mal eben 3000 Flüchtlinge. Hier um mich rum ist es auchceher ruhig. Ich glaube es ist der Unterschied zwischen Erstaufnahmeeinrichtung und Endaufnahme. Jeder Flüchtling muss erstmal als solcher anerkannt werden, bis er irgendwo zugeteilt wird. Und das dauert entschieden zu lange.

    • Fjonka sagt:

      Auch, aber nicht nur – denn zB in HH ist nicht nur die Erstaufnahme ein Problem, sondern auch die endgültige Unterbringung. Abere: ja, das dauert zu lange! Gestern gehört; in Holland zweieinhalb Wochen, bei uns 5 Monate, bis ein Asylantrag entschieden ist.

      • Bibo59 sagt:

        In Hamburg lag Jahrelang ein Schiff voller Flüchtlinge am Kai des Altonaer Hafens. Seit das zur Schickimicki-Meile mutiert ist, ist das Schiff weg. Und ja, es gab immer mal wieder Flüchtlingswellen. Unklar ist, warum das jetzt soooo viel schlimmer sein soll. Zumal in ehemaligen Kasernen jetzt auch noch Platz ist, den es noch nicht gab, als da noch Soldaten drin waren. Ach und a propós Soldaten: Warum wird nicht die Bundeswehr zur Erstversorgung der Flüchtlinge herangezogen, wenn es doch angeblich nicht genug Personal gibt?

        • Fjonka sagt:

          Die sind ja an einigen Stellen schon eingesetzt – allerdings wird auch hier und da vermutet, daß Kalkül dahintersteckt, alles nicht so reibungslos laufen zu lassen wie es laufen könnte. Damit nicht so Viele Gutes hören und sich auch auf den Weg machen (so’n Quatsch!), aber auch, weil es nicht überall gewollt ist, daß die hiesige Bevölkerung so eine Pro-Stimmung hat und Frau Merkel so gut angesehen ist – WENN das so ist, dann funktionieren ja zumindest die beiden letzten Überlegungen. Die Stimmung sowie Merkels Werte verschlechtern sich laut Umfragen.

        • Drachenkater sagt:

          Das die Bundeswehr nicht bzw, kaum eingesetzt wird hat damit zu tun das die Bundeswehr aus historischen Gründen nicht im Inland eingesetzt werden darf bzw. das ein Inlandseinsatz bestimmte Bedingungen erfordert (Katastrophenfälle z.B.)

          • Fjonka sagt:

            Ich sah aber letztens uns‘ Uschi im TV verkünden, daß die Soldaten helfen sollen, und ich sah auch schon Bilder von Uniformierten, die dies taten.Da haben dann wohl die Voraussetzungen gestimmt!?

            • Drachenkater sagt:

              Zum Teil, teilweise werden die aber auch schon früher eingesetzt. Die Regierung will im übrigen auch die entsprechenden Gesetze ändern um den Inlandseinsatz zu vereinfachen, und das sehe ich gefährlich -> Polizeiaufgaben beim Militär? Wann hatten wir das nochmal? 😉

              • Fjonka sagt:

                D bin ich auch recht kritisch, andererseits denke ich schon, daß es okay wäre, wenn die Jungs auch mal „was vernünftiges“ zu tun kriegen würden; allerdings müsste das seeeeehr eng gefaßt sein und seeeeeehr konkret, damit ich mit so einer Gesetzesänderung ein gutes Gefühl hätte.

                • Drachenkater sagt:

                  Das könnte noch so eng gefasst sein, ich hätte da IMMER ein gewisses Grummeln in der Magengegend.
                  Die Bundeswehr wird NICHT für Zivilpolizeiliche Aufgaben ausgebildet, allein schon ab wann die schiessen dürfen im Gegensatz zur Zivil-/Landespolizei. Die Ausbildung ist mehr SEK/GSG-Art….
                  Wo der Einsatz erleichtert werden sollte ist im Katastrophenfall (Hochwasser/Erdbeben/Vulkane und Co.)

                  • Fjonka sagt:

                    Ich glaube, das mit der Hilfe bei den Flüchtlingen sollte auch sowas wie eine Sympathie-Offensive werden… naja, mal sehn, was so alles noch nachkommt!
                    Ja, das mit den Naturkatastrophen sehe ich auf alle Fälle auch so, da brauchts schnell viele Leute, die anpacken, und es sind keine sozialen Aufgaben damit vermischt.

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