Geiht los nu‘

Donnerstag. Lotsentreffen im Ort. Neue Flüchtlinge sollen ankommen, und es wird noch Jemand gesucht, der sie nächste Woche vom Zentralort abholt und in ihren neuen Wohnort fährt, ein winziges Dörfchen etwa sieben Kilometer vom Hauptort entfernt.

Wir haben Zeit und melden uns, es wird verabredet, daß wir mit Herrn N., der schon lange und – meinem Eindruck nach – federführend in der Lotsengruppe tätig ist, in Mailkontakt bleiben.

Samstag. Nach der ersten mail beginnt mein Hirn zu arbeiten:

  • wo sollen wir genau die Leut‘ holen?
  • wohin genau gehts?
  • werden wir allein sein, oder fährt Jemand mit, denn:
  • wer hat den Wohnungsschlüssel?
  • Eingerichtet wird die Wohnung sein, aber ist auch Essen da? Seife? Toilettenpapier, sowas alles halt? Im Dörfchen gibt es keinerlei Einkaufsmöglichkeit. Müssen wir also mit den Leuten (auch Herr N. wusste nur „wahrscheinlich drei“) noch vorher einkaufen fahren? Und wenn ja, haben sie Geld dafür? Oder woher bekommen sie es?
  • Was ist nötig? Was in der Wohnung gehört erklärt?
  • Werden die „wahrscheinlich drei“ englisch können, so daß wir grundsätzliches abklären können?
  • Sollte ich Saft und Kekse für ein kleines Willkommenszusammensitzen einpacken?

Fragen über Fragen, die plötzlich auftauchen, mit denen ich aber den Herrn N. auch nicht bombardieren möchte – ich weiß ja, daß ich dazu neige, mir viel zu viele Gedanken zu machen, und daß sich wahrscheinlich vieles davon einfach ergeben wird. Trotzdem rotiert es in mir:

Wenn sie dann da sind – wie gehts weiter? Das ist auch Thema in der Mail des Herrn N. Er fragt, ob wir als „Notnagel“ einspringen könnten, falls im Dörfchen noch nichts geregelt ist, was Nachbarschaftshilfe angeht. Doch das Dörfchen ist auch von unserem Wohnort etwa 5-7 km entfernt, und in unserem Alltag ist zB kein Punkt „einkaufen“ vorgesehen – das macht der Herr F. auf dem Rückweg von der Arbeit. Und der führt nicht am Dörfchen vorbei. Können und wollen wir uns um drei Menschen im infrastrukturlosen Angeliter Provinz-Raum kümmern? Da werden ja jede Menge Fahrten nötig sein: Sozialzentrum, Ärzte, Einkäufe, Deutschkurse undundund!

Sonntag: Vorläufig habe ich mir folgendes vorgenommen:

  • Saft, Selter und Kekse nehme ich mit. Sollten wir sie nicht brauchen, auch gut.
  • Meinen Dienstplan nehme ich auch mit. Dann kann ich, sollte im Dörfchen Niemand sein, zumindest mal einen zeitnahen Folgetermin abmachen. Wobei – Blick auf den Plan – selbst das schon schwierig wird: ich werde DO, FR, SA, MO täglich arbeiten – also entweder tags drauf, oder erst wieder eine Woche später…. beides ungünstig.

Außerdem habe ich noch am Sonnabend Herrn N.s Mail beantwortet und die allernötigsten Fragen gestellt (habe extra den Herrn F. gegenlesen lassen). Mal sehn, wann Antwort kommt.

Montag Mail von Herrn N. Da mehr als die drei Flüchtlinge kommen, um die es bisher ging, hat sich Neues ergeben: andere drei sollen ebenfalls in einem winzigen Ortsteil ohne jegliche Infrastruktur, aber erheblich näher bei unserem Wohnort untergebracht werden. Wir werden nun diese drei anvertraut bekommen, mit der Bitte, wenn es möglich sei, auch gleich mit ihnen noch einkaufen zu gehn. Wahrscheinlich werden wir dann also jetzt doch noch richtige Lotsen, mal sehn. Ich bin sehr gespannt auf den morgigen Tag.


Aussortiert: habe ich doch in den Untiefen des Küchenbuffets noch einen „Zweithandmixer“ gefunden, den der Herr F. mit herbrachte, und den wir aufgehoben hatten „für falls der andere mal kaputtgeht“. Der andere ist nach nunmehr zehn Jahren nicht kaputtgegangen, aber selbst falls er das nun nächste Woche tun sollte, können wir es uns leisten, uns einen neuen zu kaufen – denn nach Mixern wird in den Flüchtlingsunterkuünften hier explizit gesucht.

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6 Kommentare zu “Geiht los nu‘

  1. Hallo!

    Ich bewundere Dich, wofür Du alles Zeit findest!

    lg
    Maria

  2. hele sagt:

    Ich drücke die Daumen, dass alles gut klappt. Bei sowas tendiere ich oft zu hecktischem Überorganisieren und alles doppelt und dreifach dabei haben und checken. Die Erfahrung wird es dann zeigen 🙂

    • Fjonka sagt:

      Ja, genau so war es dann auch – erstens kommt es anders und zweitens als man vorher überlegt hat *gg*. Aber prinzipiell hat es durchaus geklappt – ich berichte bald…. 🙂

  3. Frau Tonari sagt:

    Ich finde gut, dass Du Dich engagierst.
    Und, dass man da eine Menge Fragen mit sich herumschleppt, ist doch völlig normal.
    Da ticke ich wohl ähnlich.
    Ich wünsche Euch, dass ihr es wuppt und euren „Schützlingen“ gute Lotsen seid.
    Vielleicht kann man ja dann die Hilfe auch auf breitere Schultern stellen und Nachbarn/Freunde mit mobilisieren.

    • Fjonka sagt:

      Danke – ja, wir werden Unterstützung BRAUCHEN (bzw die beiden noch mehr Unterstützung als die von uns, zumindest im Anfang), wir können nicht genügend tun, aus zeitlichen Gründen, das war sehr klar. Zum Glück gibt es hier sehr engagierte Leute, ich bin recht zuversichtlich.

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