Erster „Einsatz“

Dienstag.

Wir haben zwei junge Männer aus dem Irak in ihre neue Wohnung gebracht. Vorher waren wir noch zusammen einkaufen. Einkaufen ist nicht leicht für Jemanden, der überhaupt kein deutsch kann – bezeichnenderweise außer „danke“ und „Ausweis“ – und nur wenige Worte englisch. Woher soll man wissen, in welchem Paket Zucker zu finden ist? Und daß man keinen Frischkäse, sondern Milchreis in der Hand hält? Und was, bitte, ist Tee? Und welcher davon schwarz?
Insgesamt ist die Verständigung wirklich sehr, sehr mühsam, auch wenn JedeR von uns zwei Hände und zwei Füße hat 😉 Die haben wir auch dringend gebraucht….

Dann also ab zur Wohnung.

Mir war nicht klar, daß „Erstausstattung“ durchaus nicht bedeutet, daß so eine Wohnung gut, also mit allem notwendigen ausgestattet ist. Küche und Bad sehen erstmal ganz gut aus, aber in den Schränken ist bitter wenig. Es gibt einen Fernseher (was ihnen übrigens nicht zusteht, aber es gibt Spenden), aber wir kriegen den nicht zum laufen. Das CD-Radio funktioniert immerhin. Das auch aus Spenden stammt. Weil es nicht zusteht.
Außerdem fragten sie nach Waschmaschine und Herd – offenbar haben sie jedenfalls bisher nicht elektrisch gekocht. Die doofe Waschmaschine ist neu – und dementsprechend blöd zu bedienen, war nicht leicht, erstmal selbst zu kapieren, wie’s geht, und das dann auch noch weiterzugeben….

Nun sitzen die beiden also da, völlig abgeschieden von allem auf einem Hof 5km vom nächsten Ort entfernt. Fahrräder sollen sie wohl bekommen, aber das wird „noch ein paar Tage dauern“ – etwas, das sich schon eigentlich nicht erklären ließ. „Supermarket“, fragen sie, und wir zeigen auf der Karte, die wir mitgebracht haben, wie weit alles ist. Minimum: die erwähnten 5 Kilometer, bis zum Zentralort: 10 Kilometer. Übrigens haben sie zusammen nur ein – sehr kleines – Schlafzimmer, denn die Wohnung ist so geschnitten, daß man das große Wohnzimmer nicht als Schlafzimmer nutzen kann: von ihm gehen die Türen zu Bad, Küche und Eingang ab. Sie sagen „House good, but place problem“ und meinen natürlich, daß sie da im totalen Nichts sind. Wir können ihnen da nur zustimmen, aber nichts dran ändern.

Wir hatten abgemacht, daß ich mittwochs nochmal längskomme, wenn sie dann wissen, was noch fehlt, um nochmal einzukaufen. Aber daheim angekommen, fiel uns auf: kein Waschmittel, kein Putzkrams hatten wir gesehen – nichts. Und die Wohnung ist alles andere als sauber 😦 Also machen wir uns doch nochmal auf den Weg und bringen solche Dinge aus dem eigenen Bestand mit, beschließen wir. Außerdem hat die Kleiderkammer nur dienstagsnachmittags offen – also werden wir sie auch noch einpacken, um dorthin mitzufahren. Und nachsehen, ob da überhaupt Bettwäsche war (Decken ja – aber was zum beziehen???) Da habe ich vorsichtshalber auch nochmal zwei Garnituren eingesteckt. Und Salz und Pfeffer.

Abends:

Tja, so ist das – der Tag ist rum… Kleiderkammer, Supermarkt, alles dauert länger wegen der Verständigung. Einkaufen waren wir dann nämlich doch gleich heute noch einmal – erstens gehts morgen für die beiden ins Sozialzentrum nach Flensburg (das macht ein anderer Ehrenamtlicher, und es stellte sich heraus durch einen Anruf kurz bevor wir losfahren wollten) und zweitens haben sie beim ersten Mal, nicht wissend, wo sie landen würden, nur das nötigste eingekauft – und beim zweiten Mal dann aber „richtig“! *g* Die Kleiderkammer war ein Erfolg – aber wir mussten zu Handschuhen, Schal und Mütze erstmal nötigen – ich glaube, sie machen sich keinen Begriff, wie kalt es im Winter auf dem Fahrrad sein kann…. Bettwäsche mussten wir dann doch nicht dalassen, sie hatten neue bekommen. Ja, die Kleiderkammer – sehr nette Leute waren da, sehr hilfreich: die allererste Ausstattung ist umsonst, danach muß man „kleines Geld“ für jedes Kleidungsstück bezahlen. Und es gab viel Auswahl an wirklich guten Kleidern und Schuhen. Einen Sack voll Sachen haben die beiden mitgenommen; aber ich habe keine Ahnung, ob sie nicht wagten, mehr zu nehmen, oder ob sie nicht mehr brauchen – die Koffer, die wir in die Wohnung trugen, waren sehr, sehr leicht. Aber es sind erwachsene Leute, da komme ich mir blöd vor, danebenzustehen und Sachen aufzudrängen. Wenn „finish!“, dann finish. Isso.

Zum Glück fiel mir bei der Kleiderkammer noch ein, daß ich im Haus später auch mal fragen könnte, ob das Konzept „Zentralheizung“ bekannt ist – und tatsächlich habe ich dann den Drehschalter ersteinmal erklären müssen. (Es war schon recht kühl in der Bude, man gut, daß mir das noch eingefallen war- in manchen Dingen ist man ja echt betriebsblind….)

Wieder am Haus angekommen, wurden wir noch auf einen Tee eingeladen und haben beim recht rudimentären Smalltalk erfahren, daß es mit zwei unverheirateten Männern zu tun haben. Der eine hat noch einen zweiten Kulturschock zu verkraften: er kommt aus Bagdad-Zentrum…. – ich erinnere: jetzt sinds bis zum nächsten Supermarkt: 5 Kilometer…. und vor der Haustür liegen hohe Stapel Silageballen…
Irgendwann „ergab es sich“, daß doch noch gleich Jemand kam und Fahrräder brachte; und auch die stehen keinem Flüchtling zu, sei er auch noch so weit weg von allem. Sachspenden… man kann garnicht oft genug betonen, wie wichtig die sind! Zur Info: keine Räder – in einer Gegend, in der genau 4x täglich ein Bus fährt, und keiner davon so, daß man in einer normalen Zeitspanne wieder heimkäme – entweder man muß sich über 4 Stunden im Ort rumtreiben – oder man hat eine knappe 3/4 Std. Zeit, zum Supermarkt zu kommen, einzukaufen, zurückzulaufen
Da es im Haus kein Internet gibt, konnten wir nicht auf eine Übersetzer-App zurückgreifen, so daß wir nicht viel erzählen und erfahren konnten. Hände und Füße haben ihre Grenzen. Aber wir haben die zwei für Sonntag zu uns eingeladen, und hier gibt es ja Netz… Auf alle Fälle haben wir schon ein bißchen Spaß gehabt (mit hübschen Jägermützen inclusive Feder in der Kleiderkammer zB und auch sonst hier und da) Und ich habe meinen KG-Termin heute nachmittag- einfach vergessen! Daran sieht man gut, wie aufregend das war, denn sowas passiert mir sonst nicht.
Ich hoffe sehr, daß sich noch Jemand anders findet, der sich um die beiden kümmert, denn es ist schon blöd – nach der Registrierung im Sozialzentrum könnten sie zB ein Bankkonto einrichten – aber eben nicht allein, und nächsten Dienstag erst könnte wieder Jemand von uns zu Banköffnungszeiten los – nur mal als Beispiel.

Mittwoch: kurz im Ordnungsamt angerufen, wegen des TV. Erfahren, daß die beiden eventuell in den Zentralort umziehen können – heureka! Das wiederum liegt daran, daß sich herausgestellt hat, daß ein dem Amt als Syrer gemeldeter anderer Mann, der ebenfalls gestern ankam, tatsächlich ein Iraker und Freund der beiden ist. Und daß in dessen Wohnstätte im Ort demnächst Plätze frei werden … heute morgen bei der Fahrt zum Sozialzentrum haben sie das klären können. (Gelernt: Ja, Fjonka, das sind erwachsene Männer, die können für sich sorgen! Du mußt hier nicht die Übermutti geben!!!)

Ich freue mich für sie, wenn das klappt, muß aber auch feststellen, daß mich das ganze Hin und Her ein wenig überfordert – jetzt bin ich fast froh über die Verständigungsprobleme, denn was, wenn wir gestern gesagt hätten „Okay, ja, ich sehe das Problem, hier draußen, das ist wirklich kacke – aber es gibt nunmal nicht genug Wohnungen, damit müßt Ihr jetzt einfach klarkommen!“? Chaos ist meine Sache nicht, da bin ich sehr deutsch! *g* (Gelernt: nur Dinge ansprechen, die JETZT wichtig sind, alles andere wird sich eh wieder ändern, bis es so weit ist)

Jetzt, am Tag danach, rotiert es innerlich sehr! Wie geht es den Männern? Was denken sie wohl? Wie wurden wir wahrgenommen – als aufdringlich? Als freundlich? Ist ihnen klar, daß wir in gewisser Weise ebenso „neu“ vor den Dingen stehen? Hätten sie mehr Unterstützung erwartet? Oder waren sie froh, als sie endlich ihre Ruhe hatten? Alles Fragen, die wir wohl nicht beantwortet bekommen werden – Sprachprobleme plus Höflichkeit sind eine schwer zu überwindende Barriere …

Abends: Ein Anruf istauf dem AB: nun ist es so ausgegangen, daß der 3. auch noch ins abgelegene Örtchen gezogen ist. Im Zentralort war nicht genug Platz für zwei, und alle drei wollten das dann so. Okay, dann eben so. Wird er wohl auf dem Sofa schlafen müssen, im Durchgangszimmer. Ich mache mir Gedanken, ob nun Irgendwer vor Dienstag (wenn ich wieder Zeit hätte) noch dafür sorgen kann, daß die 3 ihr Bankkonto bekommen und rufe deshalb nochmal bei N.s an – aber selbstverständlich ist das längst geregelt, morgen früh werden sie abgeholt, dann geht das los! Erfahre auch noch, daß die beiden, die wir schon kennen, heute sehr entspannt wirkten und alle froh waren, daß sie nun registriert sind und ihr erstes Geld bekommen konnten. Na, das hört sich doch gut an – und ich bin begeistert von den engagierten Leuten vom Ordnungsamt (von denen war der Anruf auf dem AB, um mich zu informieren) und der „Rentnergang“ (Zitat Frau N.) aus dem Zentralort, wo man sich auch noch freut, wenn ich da abends anrufe und nachfrage, statt genervt zu sein. (Gelernt: „Wir werden das Kind schon schaukeln“ – auch das ein Zitat aus dem rundum netten Telefonat)

 

 

Advertisements

22 Kommentare zu “Erster „Einsatz“

  1. Gerburgis sagt:

    Ist doch alles super spannend, oder? Bin vor einigen Wochen auch in das Thema eingetaucht, lerne jetzt viele Leute aus dem Asylkreis kennen und habe durch Hospitationen im Sprachkurs sehr nette Asylbewerber getroffen. Je größer der Unterstützerkreis wird, desto schneller werden Lösungen gefunden. Hoffentlich hält diese Hilfsbereitschaft an – wir werden sie über Jahre brauchen!
    Liebe Grüße!

    • Fjonka sagt:

      Sehr spannend, ja. Ich persönlich empfinde es aber durchaus auch als anstrengend, noch zumindest, weil ich wirklich SEHR viel nachdenke derzeit.
      Na, wird mir nicht schaden 😉

  2. teff42 sagt:

    Respekt, wie ihr die guten Vorsätze so mal eben in Taten umsetzt… Ich bin über die bisherigen Kleinstaktionen noch nicht hinaus gekommen…

  3. Frau Tonari sagt:

    Herzlichen Dank für Deine ausführliche Beschreibung, die mir mal wieder verdeutlichst, wie sehr improvisiert werden muss und wie sehr das Merkelsche „Wir schaffen das!“ bedeutet, dass es vor allem die vielen ehrenamtlichen Helfer wuppen.
    Ob aber Integration klappt, wenn man so weit ab vom Schuss untergebracht wird?
    ich wünsche es mir für die drei sehr.

    • Fjonka sagt:

      Ohja! Die Frau vom Ordnungsamt hat sich da ganz ähnlich geäußert. Die schieben da eh schon Überstundenberge vor sich her, und ohne die Lotsen wäre das einfach nicht zu schaffen, meinte sie. Und daß Frau Merkel das vielleichtin dem Maße garnicht bewußt sei.
      Integration: zunächst wird’s gehen, aber spätestens wenns an die Arbeitssuche geht, werden sie umziehen MÜSSEN! Ohne Auto und Öffis kann man von da aus keine Chance auf Arbeit bekommen. Aber bis dahin dauert’s eh noch….
      heute waren schwedische Flüchtlinge im Radio, die waren 20Min. zu Fuß vom nächsten Laden, aber 30km von der nächsten Stadt und haben im Bus sitzgestreikt, weil sie meinten, da könne man nicht leben: „keine Läden, keine Ärzte und viel zu kalt“ – da musste ich dann schon wieder lachen, denn: in Schweden ist das Normalität! (Bloß daß die Schweden halt Autos haben)

  4. Bibo59 sagt:

    Et hätt noch immer jot jejange.
    Kann mir gut vorstellen, dass die in der Kleiderkammer nicht mehr genommen haben, weil sie die nicht „ausnutzen“ wollten.
    Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass die drei lieber in dem Häuschen zusammen wohnen, als mit noch mehr anderen in einer größeren Einrichtung, wo es evtl. auch Verständigungsprobleme unter den Bewohnern gibt.
    Beim Reise-know-how Verlag könnt ihr Euch einen Sprachführer kostenlos runterladen. https://www.reise-know-how.de/verlag/reise-know-how-verlag-hilft-helfern-kommunikation-fluechtlingen-44346

  5. Karin sagt:

    Klasse, wie Ihr das gemeistert habt!!!

    • Fjonka sagt:

      … sagt die Frau, die wöchentlich im Kinderkrankenhaus tätig ist (und das seit Jahren und auch zT mit Kindern, die kein deutsch verstehen) … meine Mama nämlich! 🙂 An Dich hab ich auch ein paar Mal gedacht, und daß ich jetzt etwas besser verstehe, wie schwierig (und wie wichtig auch) das ist, was Du da machst!
      (Für andere, die das lesen: meine Mama ist bei den „grünen Damen“ https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCne_Dame

  6. Hallo Fjonka!

    Wow, das sind schon Dinge, die betroffen machen. So fundamentale Bedürfnisse, die nicht erfüllt sind, so in der Leere schweben. Unglaublich und für mich wirklich unvorstellbar.

    Ich finde es unglaublich beeindruckend, dass Du Dich da so engagierst!

    lg
    Maria

    • Fjonka sagt:

      Für mich auch (unvorstellbar)
      Ich verbringe derzeit eine Menge Zeit (innerliche Zeit) damit, zu versuchen, mir manches vorzustellen. Mir vorzustellen, wie es wäre, selbst in so einer Situation zu sein, oder, noch grundlegender, mir überhaupt die Situation in ihrem ganzen Umfang vorzustellen.
      Danke fürs Kompliment – ich selbst bin einerseits froh, in die Puschen gekommen zu sein, andererseits empfinde ich meinen „Einsatz“ (im ganzen, nicht nur diesen ersten jetzt) als wirklich SEHR kleines Bausteinchen. Womit wir wieder beim Thema „Kleinvieh“ wären, in ganz anderem Zusammenhang diesmal 😉

      • Hallo Fjonka!

        Ich habe selbst unmittelbare Vorfahren, die selbst im Krieg geflüchtet sind.

        Das Thema geht mir dadurch auf eine ganz andere Weise sehr nahe.

        lg
        Maria

      • satayspiess sagt:

        Viele winzige Sandkörner bilden auch einen tollen Strand!
        In meinem direkten Umfeld schießen die Unterkünfte wie Pilze aus dem feuchten Boden. Jeden Tag begegne ich mehr Menschen auf meinem Heimweg, die ich als „Flüchtling“ einordne. Derzeit versuche ich lediglich, diesen Menschen ein Lächeln zu spenden. Aber heute habe ich bei der Stadtteilinitiative konkret angefragt, wie ich helfen könnte. Hoffentlich wird es etwas sein, was ich bewältigen kann …

        • Fjonka sagt:

          , definitiv ist gerade jetzt JedeR, der oder die sich wie auch immer einsetzen mag, ein Gewinn!
          In der großen Stadt sollte es, denke ich, nicht so schwer sein, auch für „kleine Zeit“ einen passenden Einsatz zu finden – selbst in Flensburg läuft das schon gaaaanz anders als hier, dort am Bahnhof zählt jede halbe Stunde, die Jemand Kaffee oder Tee ausschenken mag. Wir bei Euch nicht anders sein

Platz für Klönschnack ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s