Nachts -2-

Die Nacht drauf. Ein anstrengender Tag liegt hinter mir. Aufgewacht mit dem Anschlag in meinen Gedanken. Auf dem Weg zur Arbeit: NDR-Info. Eine halbe Stunde Fahrt, 3x Tränen in den Augen.

Nach der Arbeit gabs abends ein Benefizkonzert des örtlichen Gymnasiums für die hiesigen Flüchtlinge. Percussion vom Feinsten eines Schul-Zöglings, der mit seinem Duo inzwischen international Karriere macht. (Seine Mutter ist im Lotsenkreis aktiv, die Schule hat eine Flüchtlings-AG, die viel auf die Füße stellt – nicht nur sowas wie dies Konzert, sondern auch alltägliches: Sport, Musik, Spiele mit den Flüchtlingen)

Nach dem ersten Stück eine Schweigeminute. Kaum aushaltbar! So viele Menschen. So still.

Außerdem zwischen den Musikstücken:

eine alte Dame, die aus ihrem Buch über ihre Familiengeschichte ein Kapitel über ihre Flucht aus Pommern und Ankunft im Ort liest (Einquartierung in allen Haushalten! Zugewiesene Anzahl von Flüchtlingen nach Wohnfläche! Ob das heute noch möglich wäre?? Allein in Schleswig-Holstein waren eine Million Menschen unterzubringen!)

ein Interview mit einem 17jährigen Somalier, der seit 9 Monaten in Deutschland ist – nach 2 oder vielleicht 3 Jahren Flucht, er weiß es nicht genau, Gefängnis in Libyen, Schlauchbootfahrt nach Italien …. jetzt macht er ein Praktikum im Altenheim und berichtet, wie gut es ihm gefällt, dort Leuten helfen zu können.

zwei Syrer auf der Bühne, die sich auf englisch bedanken bei den örtlichen Menschen, daß sie so freundlich aufgenommen werden, daß sie jetzt arbeiten können, und daß sie nun in Frieden leben dürfen, was sie in ihrem Land nicht konnten

Nach diesem Tag hatte ich, so schön der Abend auch war, meine aufgenommene Hundeprofi-heile-Welt-Zeit wirklich ganz, ganz dringend nötig!

Gute Nacht!

—–

Sonntagmorgen: zum Anschlag und zu dessen Folgen schreiben Andere Dinge, die ich gut und richtig finde. Und lesenswert, weil nicht so platt wie alles, was ich schreiben könnte. Wer mag, lese, was der Herr Ackerbau schreibt und was Felis Major zu sagen hat

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11 Kommentare zu “Nachts -2-

  1. Bibo59 sagt:

    Meine Mutter hat früher auch oft von der Flucht erzählt. Wie sie in Hallen übernachtet haben und der Kleine Bruder schrie: „Mama: da steht ein Bein!“ (Prothese)
    Von Einquartierungen bei Bauern und in ehemaligen Flakstellungen, die dann beschossen wurden. Und dann gibt es bei Facebook irgendwelche Idioten, die behaupten: die sind nicht geflohen und „unsere“ Trümmerfrauen haben alles wieder aufgebaut…

    • Fjonka sagt:

      Ja, klar, und jetzt müssen WIR den Dreck wegmachen, den DIE machen – hab ich schon mehrfach gelesen und gestern auch wieder berichtet bekommen.
      Ich muß dazu sagen, daß auch ich bei den Bildern der Flüchtlingstrecks schon öfter gedacht habe „meine Güte, müssen die Leute denn überall Plastikflaschen, Müll, kaputte Sachen einfach fallenlassen?“ Meine Sozialisation hinterläßt Spuren, und mir fällt es zB auch schwer, beim Einkauf nichts dazu zu sagen, wenn die Iraker 5 Pakete eingeschweißte Aufbackbrötchen in Plastiktüten statt die Beutel, die wir ihnen ja gegeben haben, und die natürlich daheim rumliegen, packen. Aber ich kann halt reflektieren und mir sagen: okay, am Fluchtweg stehen keine Mülleimer – und im Irak hat wahrscheinlich Keiner von Denen je über Umweltschutz und Müllvermeidung was gelernt – und jetzt stehn erstmal andere Dinge an, das kann ich (noch??) nicht vermitteln. Ob es, wenn die Sprache reicht, angenommen wird, ist die nächste Frage, die jetzt einfach nicht ansteht.

      • teff42 sagt:

        Unsere Straßenbauarbeiter habe auch alles einfach fallen gelassen. Brötchentüten, wo noch Brötchen drin waren (fand der große Hund sehr spannend und ich anstrengend) Thunfischdosen, Wurstverpackungen, Plastikpfandflaschen (die blieben aber nicht lange liegen), Arbeitshandschuhe, die ich dann demonstrativ auf Zaunpfähle gesteckt habe, Verpackungsmaterialien von Baustoffen… Ich fürchte bei dem meisten Müll haben die einfach drübergebaut: Schotter/Sand/Teer drauf und weg. Soviel zur Sozialisation, nicht alle (eher weniger) Bauarbeiter haben einen Immigrationshintergrund…
        UNd bei der Müllmeile eines Flüchtlingstracks muss ich an Sportveranstaltungen denken (Marathon, Volksläufe usw.), nur das da die Veranstalter hinterher aufräumen (müssen)…

        • Bibo59 sagt:

          Es kursierte mal ein Foto im Internet, von einem Flüchtlingslager, das völlig vermüllt hinterlassen wurde. Bloß: Es war ein Auffanglager in Ungarn und die Flüchtlinge DDR-Bürger. Lang ist’s her. Die haben auch nicht aufgeräumt, als es dann weiter ging.
          Jeden Samstag Morgen laufe ich über eine Müllkippe zum Dojo. Zülpicher Straße, Roonstraße ist Partymeile. Da liegt dann nicht nur Müll, sondern auch alle möglichen Fäkalien, definitiv nicht vom Hund. Die kotzen vorzugsweise in Hauseingänge. Und die Szenegänger dort sind garantiert nicht auf der Flucht.

      • Bibo59 sagt:

        Ich denke mal, mit zunehmender Verständigungsmöglichkeit, kannst Du denen schon beibringen, Einkaufstaschen zu benutzen. Es gibt Leute, die denken, sie müssten die Tüten von dem Geschäft nehmen, in dem sie gerade gekauft haben, damit sie nicht in den Verdacht geraten, geklaut zu haben.

  2. Hallo Fjonka!

    Ich kann mich an Erzählungen meines Vaters erinnern aus der Zeit der Flucht und wie sie die Wohnung geteilt haben.

    Es ist unvorstellbar wie groß die Angst der Menschen ist, dass sie so reagieren. Nicht nachvollziehbar für mich!

    lg
    Maria

    • Fjonka sagt:

      Der junge Somalier berichtete über seinen Grund zur Flucht dies: Soldaten kamen und hatten es besonders auf junge Männer abgesehen. Er hat sich entschieden, kein Soldat werden zu wollen und musste deshalb fliehen.
      Wirklich so kurz und lakonisch, vielleicht ein Satz mehr….*schonwiederGänsehaut*
      die alte Dame berichtete von Plünderungen, Angst, Vergewaltigungen. Und dann davon, wie ihre Großmutter ihr Leben lang immer wieder betont hat, daß es kaum zu glauben war, wie hier Menschen völlig Fremde einfach aufgenommen haben, sie hat wohl freundliche Quartiersgeber erwischt.

      • teff42 sagt:

        nette Quartiergeber und nette Quartiernehmer.
        Der Unterschied zu damals wäre heute, dass die Männer nicht überwiegend woanders im Feld sind, mal abgesehen davon, dass heute vielfach die Wohnsituationen anders sind und es ja keine Einquartierungen in dem Sinne gibt und sicherlich auch nicht geben wird.
        Bei meiner Oma wars so, dass sie fast allein mit 3 kleinen Kindern (ihre Schwiegermutter war wohl noch da) und nem Bauernhof war, viele Einquartierungen (18?) hatte sowie zugeteilte landwirtschaftliche Unterstützung (ich drück mich da mal vorsichtig aus), der Mann im Feld,die Brüder auch (bzw. schon gefallen).
        Es wurde von einem Mann berichtet, vor dem sie alle Angst hatten, ob dieser nun als landwirtschaftliche Unterstützung oder anderweitig einquartiert war, weiß ich jedoch nicht.

      • …da kann es einem schon ganz anders werden…

        lg
        Maria

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