…eine Frage der Kommunikation…

10.11. Wir geben uns alle Mühe. Sie auch. Und trotzdem kommen immer wieder Situationen, in denen in der Kommunikation mit „unseren“ Irakern trotz Händen, Füßen, Übersetzerprogrammen, englisch, deutsch, Bildwörterbüchern und der Hilfe der „Bekannten aus Wuppertal“, die S. immer mal anruft, wenn nichts mehr geht (die aber trotz, wie er sagt, 20 Jahren in Deutschland, dann doch auch bestenfalls 2/3 der Zusammenhänge versteht, die man ihr zu erklären versucht) … nur noch eines geht:

sorry – too difficult! Later.

Wobei „later“ in dem Fall bedeutet: vielleicht in einem halben Jahr…. oder garnicht. Mal sehen.

Was wirklich schwierig ist:

  • unkonkrete zeitliche Zusammenhänge erklären (erst das- dann das/ jetzt- bald- nachher- später/ in ein paar Tagen) Da werde ich mir demnächst mal etwas Zeit nehmen, um zu versuchen, das anhand von Zeitstrahlen und/ oder aufgemalten Uhren zu vermitteln
  • unklare Situationen klären. Beispiel: warum waren sie neulich bei der Kleiderkammer nach 3 Minuten wieder draußen? Hatten wir uns mißverstanden und sie gedacht, wir fahren woanders hin? Oder war da nichts, was sie brauchten? Oder gefiel ihnen die Situation insgesamt nicht (und wenn, wieso nicht?)

Sicherlich wird allerhand davon besser, wenn erst die Sprache besser funktioniert. Anderes wird unklar bleiben. Und ich werde hoffentlich lernen, mich davon nicht so sehr verunsichern zu lassen. Abwarten….

12.11. Wenn sie viel Glück haben, werden „unsere“ Iraker einen Intensiv-Sprachkurs bekommen können. Aus einer mail dazu:

das Wirtschaftszentrum Handwerk Plus (WHP) ist an uns heran getreten und bietet Sprachkurse für Asylbewerber aus den Ländern Syrien, Eritrea, Irak und Iran an. Diese Kurse werden vom Bund finanziert, der Träger erstattet die Fahrtkosten der Teilnehmer. Dieser Kurs umfasst 320 Stunden, d.h. 5 bis 6 Schulstunden an 5 Tagen in der Woche über einen Zeitraum von 12 Wochen! Das ist sehr anstrengend und nur für leistungsbereite Schüler. Ein späteres Einsteigen ist nicht möglich. Da das WHP darauf aufbauend auch Kurse für den Bereich Handwerk und den Pflegebereich gibt, scheint er mir besonders für die Arbeitswilligen gut geeignet.

In Frage kommen leider etwa die doppelte Zahl an Flüchtlingen …

13.11. Im Grunde könnte ich alles, was ich gestern schrieb, jetzt löschen. Aber gerade weil diese Tagebuchform, finde ich, gut zeigt, wie es hier (und überall) derzeit zugeht, tu‘ ich das nicht und erzähle, was sich gestern beim Lotsentreffen herausstellte. Nämlich, daß dieser Intensivkurs von dem WHP angeboten wurde, nach einiger Zeit des Hin und Her erst festgemacht werden konnte (die wir nicht mitbekommen haben, die aber, so wie davon berichtet wurde, allerhand Energie und Zeit gekostet hat), dann die Mail herausging – und sich danach herausstellte, daß der Träger aber gar keinen Lehrer hat, der den Kurs geben würde! 😦 Da LehrerInnen für Deutsch derzeit die absolute Mangelware sind, ist damit wahrscheinlich der Intensivkurs vom Tisch …. aber! Aber für unsere drei Männer hat sich dann doch noch etwas spannendes aufgetan: einer der ehrenamtlichen Lehrer nämlich, die im Amt freiwillig und unbezahlt Kurse geben, war dort – und hat angeboten, für unsre drei (und später kam noch eine Frau dazu, die auf ähnlichem Deutsch-Stand ist) zweimal wöchentlich einen aufgrund der kleinen Teilnehmerzahl intensiven Kurs zu geben, bis sie an die anderen Anschluß haben, die einen „offizielleren“ Kurs 3x wchtl. machen. Schade bloß, daß ein Termin sich mit dem bisherigen Termin überschneidet. Den sie gern wahrnehmen: „good teacher, good school“  Na, aber man kann halt nicht alles haben!

16.11. Vorhin war ich am A*** der Welt, um die Antworten auf einige Fragen behördlicher Natur, die ich telefonisch für die drei abzuklären hatte, zu erklären. Wie gut, daß S.‘ „Bekannte in Wuppertal“ offenbar ständig als Übersetzerin anrufbar ist – obwohl sie, wie ich ja schon schrieb, auch längst nicht alles versteht, so doch deutlich mehr als unsere Drei, und so konnte sie ihnen – hoffentlich richtig – erklären, was ich erreicht hatte (lauter gute Nachrichten, immerhin – nach einer für mich nahezu schlaflosen Nacht, weil ich mal wieder die dollsten Katastrophen ausgemalt hatte – Szenarien, die sich allesamt nach den Amts-Telefonaten in Luft aufgelöst haben. Ob ich das noch jemals lernen werde? Ich verliere langsam die Hoffnung!)

Was ich sehr, sehr schön fand:

  • zu merken, wie froh die Männer sind, daß sich Jemand bemüht, zu helfen
  • zu sehen, daß sie sich wirklich freuen, wenn ich komme (wenn wir kommen/ wenn der Herr F. kommt)
  • und daß ich sehr schnell nach Klärung der Sachthemen sehr ausdauernd für einen Sprachunterricht in Beschlag genommen wurde. Aussprache korrigieren; erklären: wann sagt man guten Morgen/ guten Abend/ guten Tag, Zeitleisten (gestern, heute, morgen, übermorgen), kurze Dialoge Wie geht es Dir/ Wie heißt Du/ Wie alt bist Du samt Antworten; Daten und Zahlen – alles war interessant, wurde geübt, wurde zu verstehen versucht, wurde nochmal geübt – auch Ab., der ja immer sehr still und zurückgezogen wirkt, hat mehrfach aktiv teilgenommen. Ich glaube, ich hätte noch mehrere Stunden dort sitzen dürfen, äre es nach ihnen gegangen, aber nach anderthalb Stunden war ich – die ich ja auch schon die üble Nacht, die Telefonate und einen Besuch bei den ole Lüüd hinter mir hatte – platt und wollte nur noch heim.

Jedenfalls habe ich mich an diesem Mittag dort sehr wohl und entspannt gefühlt – das war ja manches Mal auch schon anders. Gefühlsmäßige Berg- und Talfahrten wie in den letzten zwei Wochen habe ich lang nicht erlebt. Und will ich eigentlich auch garnicht erleben. Besonders in den letzten Tagen ist sehr klar geworden, daß ich entweder lernen muß, damit gelassener umzugehen, die Probleme nicht so nah an mich heranzulassen – oder das Lotsentum werde seinlassen müssen (NACH den dreien. Die will und werde ich nicht hängenlassen!) Es bleibt dann ja noch, sich weiter zu engagieren, aber eben nicht mehr so „persönlich“ (zB Organisatorisches zu regeln, im Lager zu helfen……)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

13 Kommentare zu “…eine Frage der Kommunikation…

  1. Hallo Fjonka!

    Da wird sichtbar, warum es in helfenden Berufen so viele Burnouts gibt – wenn man sich emotional so weit öffnet, dann macht das etwas mit einem.

    Es ist gar nicht so leicht einen Weg zu finden. Man will ja auch nicht kalt und abgestumpft sein. Ein sehr schweres Thema, das ich in einer beruflichen Situation selbst auch erlebt habe. Ich konnte langfristig leider nicht damit umgehen.

    Ich wünsche Dir viel Kraft und vor allem viel Erfolg, Deinen persönlichen Weg zu finden.

    lg
    Maria

    • Fjonka sagt:

      Ich bin ja eigentlich auch Erzieherin (gelernter Beruf), und ich weiß schon auch, warum ich das nicht mehr mache – bloß hatte ich (naiv!?) nicht gedacht, daß das ganze mir so nahe kommt.
      Allerdings war ja auch garnicht geplant, daß wir Lotsen werden…..
      Tja….

      • Hallo Fjonka!

        Ah – dann kennst Du das ja eh schon von Dir.

        Manche Menschen saugen einfach alles um sie herum auf – wenn man sich dessen bewusst ist, dann kann das Leben dadurch auch sehr bereichert werden.

        lg
        Maria

        • Fjonka sagt:

          Ja, das kenne ich tatsächlich schon – und es wird mit den Jahren eher doller – ein Grund, warum ich tatsächlich erlebe, daß ich deutlich weniger belastbar bin als Leute um mich herum. Seit einigen Jahren versuche ich, mich damit abzufinden, statt dagegen anzugehen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich 😉

  2. beithe sagt:

    Schön das ihr euch so einbringt. Wenn jeder nur einen kleinen Teil beiträgt….
    Mein Teil ist viel Kleiner.
    Meine 75 jährige Mutter, die wöchentlich den Bingonachmittag der AWO besucht, erzählte das jetzt auch Flüchtlinge beim Bingo mitmachen( auf Einladung der AWO ) es wird Bilderbingo ( Bilder satt Zahlen) gespielt. Jeweils ein deutscher Rentner mit ein bis zwei Flüchtlingen. Es soll sehr nett sein und in Zukunft einmal im Monat stattfinden. Ich würde gern mal Mäuschen spielen 🙂

  3. ladypark sagt:

    Danke, dass du das machst. Ich habe leider nicht die zeitlichen Kapazitäten und muss mich irgendwie anders engagieren. Aber was du zusammen mit dem Herrn F. machst, das ist eben nicht durch anderes zu ersetzen. Und sollte es sich auf die drei Iraker beschränken, dann ist es dennoch absolut toll und wertvoll!

  4. naliestewieder sagt:

    Respekt! Ich glaube, ich hätte nicht genug Kraftreserven für so ein Engagement. Für dich könnte das auch eine Art Intensivkurs werden – Wie kann ich emotional Abstand halten. Da kann Frau von Männern ganz gut lernen, stelle ich immer wieder fest.

    • Fjonka sagt:

      Meinst Du, das ist lernbar? Heute (nachdem ich mit ohnen beim Deutschkurs war und dann noch daheim zusammen mit dem Herrn F. mit ihnen gesessen, gesprochen, erklärt, zugehört habe, bin ich wieder eher auf der enthusiastischen seite zu finden – viel besser, aber eben auch nicht distanziert….

  5. Bibo59 sagt:

    So können lebenslange Freundschaften entstehen.

Platz für Klönschnack ...

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