….und außerdem….

möchte ich nochmal ganz ausdrücklich und gesondert anmerken, wie unglaublich beeindruckt ich von dem bin, was ich hier derzeit erlebe, seit wir uns bei den Lotsen eingeklinkt habe:

  • Deutschkurse – zT voll ehrenamtlich, zT gegen Unkostenbeteiligung aus Spenden* (!) und zT auch bezahlt. Ebenfalls aus Spenden. Angeboten von pensionierten und nicht pensionierten LehrerInnen und spezialisierten Deutsch-als-Fremdsprache-LehrerInnen (letztere sind die „richtig“ bezahlten, so erklärte mir’s die VHS-Leiterin)
  • Die hiesigen VHS-Leiterinnen, die ehrenamtlich auch zu Nicht-Bürozeiten ans Telefon gehen, unglaublich engagiert und hilfreich den Lotsen zur Seite stehen, für die Flüchtlinge eben mal auch Fotos für die Bustickets schießen/ Bustickets und Bücher besorgen in ihrer Freizeit/ die Bücher weitergeben, auch wenn der Deutschkurs dann eben doch nicht in ihrem Bezirk stattfindet/ sonntags im Multikulticafé sind undundund
  • Fahrten zum Sozialzentrum, zur Bank, zu neuen Zuhausen, zur Tafel, zu XYZ – ehrenamtlich von Lotsen im vom Amt extra angeschafften Kleinbus erledigt
  • Ein Lager für die Spenden – ehrenamtlich aufgebaut und verwaltet. Öffnungszeiten? Ehrenamtlich abgedeckt. Abholung von Möbeln? Na klar. Ehrenamtlich. (Gestern sind wir erstmals eingesprungen, um die Öffnungszeiten mit abzudecken 🙂 Samstagsmorgens von 8-10 Uhr in ungeheizter Halle *seufz* Wie gut, daß ich eine Thermohose und meine Fellweste habe, außerdem hatten wir schlauerweise ein Stück Isomatte zum draufstellen mitgenommen, und inzwischen stand ein kleiner Heizstrahler dort …. na, immerhin kamen drei Spender mit Möbeln)
  • Fahrräder, die den Flüchtlingen aus Spenden zur Verfügung gestellt werden, werden überholt und zu den Wohnungen gebracht. Ehrenamtlich. Letztens war S.‘ Rad kaputtgegangen, die Kette sprang immer wieder ab, S. bat um Hilfe – ich telefonierte, und tags drauf war Herr L. mit mir bei den Männern am A*** der Welt, um ein neues (altes) Rad zu bringen („Eigentlich stellen wir die Räder nur, um Reparaturen müssen sie sich dann selbst kümmern, aber die drei brauchen das ja wirklich ganz dringend, und sie haben die Räder ja auch erst ganz kurz, da mach‘ ich gern eine Ausnahme“) Es stellte sich dann heraus, daß das kaputte Rad im kleineren Zentralort war, wo die Männer eine irakische Familie kennengelernt haben (durch Vermittlung eines anderen Herrn L. – ehrenamtlich), die sie nun dort besucht hatten. In deren Keller stand das Rad, S. war zu Fuß die 5 Kilometer zurückgelaufen. Kein Problem, Herr S. fuhr mit uns dorthin und lud das Rad auf (A., der Familienvater, hatte sich an der Reparatur versucht, vergebens) 🙂

Das und viel mehr geschieht auf selbstverständlich-freundliche Weise. Weitere Beispiele: SchülerInnen starten einen Sponsorenlauf; besuchen Flüchtlinge zum Klönschnack und für Spiele; bieten im Gymnasium Musikunterricht an und wohl noch einiges mehr, von dem ich nur vage am Rande mal gehört habe, ehrenamtlich; Sportvereine haben Zulauf von Syrern, Eritreern, Irakern, ……; Lotsen, ehrenamtlich, bemühen sich um Praktikumsplätze für Flüchtlinge, die schon so lange da sind, daß sie arbeiten dürfen. Drei Syrer (?) sind seit kurzem tatsächlich „richtig“ in Arbeit vermittelt worden. Die Damen vom Ordnungsamt schieben Überstundenberge vor sich her – davon schrieb ich schonmal – und Alle, auch die Frau vom Sozialzentrum, sind bemüht, Behördenkram möglichst flexibel und menschenfreundlich zu handhaben, zur Lebens-Erleichterung Aller.

Ehrlich, ich kann oft kaum fassen, was ich hier sehe! Obwohl wir nur ein wirklich kleines Puzzleteilchen sein können und wollen, verglichen mit dem was Andere leisten, bin ich doch froh, in die Puschen gekommen und dabei zu sein! Wenn ich nicht gerade mit den Nerven zu Fuß bin jedenfalls 😉

*Spenden: die Deutschkurse organisiert die VHS, das Geld, das die LehrerInnen bekommen, kommt aus Spenden. Aber auch die Lotsen haben einen Spendentopf, der für Sonderausgaben für Flüchtlinge benutzt wird. Derzeit wird zB überlegt, ob man einen Zuschuß geben soll, damit sich, wer möchte, vernünftige Winterstiefel leisten kann (ZUSCHUSS: selbst kaufen, Quittung vorzeigen, einen Teil des Geldes erstattet bekommen) Wer genaueres wissen möchte (zB Konten zum draufspenden ;-), der kann das in den Kommentaren äußern und ich gebe gern per email genauere Auskunft.

 

Advertisements
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

5 Kommentare zu “….und außerdem….

  1. Hallo Fjonka!

    Da tut sich richtig was! Eine ganze Menge Energie wird frei gesetzt, finde ich super!

    lg
    Maria

    • Fjonka sagt:

      Ja, allerdings.
      Der Link bei realkikus Beitrag ist interessant – ich wusste nicht, daß in Flensburg (ca 90.000 Einwohner, falls die Zahl grad noch aktuell ist) an die 10.000 Leute am Bahnhof umschichtig helfen. Wahnsinn!
      Allerdings ist so ein Schicht-helfen, wo sicher viele davon nur hier und da mal eine Stunde am zentralen Punkt „Bahnhof“ aushelfen, natürlich viel einfacher als hier auf dem Land dezentral längerfristig für Leut‘ „zuständig“ zu sein, und so fehlen dann hier definitiv Lotsen.
      Nuja…

  2. realkiku sagt:

    Und das ist es, was mir wieder Mut macht, wenn ich unter den Nachrichten von Pegida und brennenden Flüchtlingsunterkünften, unter manchen Diskussion im Bekannten- und zum Teil sogar im Familienkreis (und zusätzlich unter dem Novembergrau) manchmal emotional einzuknicken drohe. So froh bin ich über diese wunderbare Solidarität und Menschlichkeit, die es auch gibt hier in unserem Land, so froh!

    Hier auch noch mal ein Artikel zum Thema, der mich heute morgen ebenfalls schon etwas aufgeheitert hat: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-11/fluechtlinge-freiwillige-harald-welzer?

    • Fjonka sagt:

      Der Artikel ist wirklich mutmachend. Und ja, ich finde die Medien auch manchmal sehr einseitig – aber eben nicht wie die Herren und Damen „Pegida“, sondern anders: mir ist schon aufgefallen, daß die „Stimmung kippt vielleicht demnächst oder doch noch vielleichter jetzt schon“-Meldungen nicht mit meinem eigenen Erleben übereinstimmen – und auch nicht mit den vielen Freiwilligen und Spenden, ja, nichtmal mit den medieneigenen Meinungsumfragen, seltsamerweise.
      Und da ist die Parallele zur Olympia-Aus-Berichterstattung: eine stabile Mehrheit ist GEGEN Olympia – und ob Radio, ob TV, überall kommen nur DIE zu Wort, die TOTAL ENTTÄUSCHT und überrascht (!) sind. Einzig im dlf in den Zeitungs-Kommentar-Lesungen hörte ich heute einen Kommentar, der beschrieb, daß in aufgeklärten demokratischen Gesellschaften heutzutage die Bürger eben kapiert haben, daß bei solchen Ereignissen die Gesellschaft zahlt (und zwar immer mehr als vorher angegeben) – und die Investoren und großen Organistionen die Gewinne einstreichen. Genau das, was ich denke – und wahrscheinlich auch die Mehrheit der Hamburger (und was in den schlauen Analysen sonst schlicht mal ignoriert wird). Wer schrieb das? Eine polnische Zeitung!

      • Bibo59 sagt:

        Die Hamburger haben ja auch mittlerweile ihre Erfahrung mit der Dauerbaustelle Elbphilharmonie gemacht, die auch nicht fertig wird und dafür immer teurer. Vor 10 oder 20 Jahren wäre das noch mit Begeisterung durchgewunken worden. Aber es hat sich erwiesen dass „Es lebe billig“ sehr teuer kommt. Großprojekte werden ausgeschrieben Elbphilharmonie, Kölner Oper, Berliner Flughafen… Die haben einfach keinen Bock auf noch ein Großprojekt. Außerdem wäre die Konkurrenz mit Los Angeles, Paris, Rom … doch sehr groß gewesen. Schon die Bewerbung hätte hohe Kosten verursacht mit geringer Wahrscheinlichkeit, tatsächlich den Zuschlag zu bekommen.
        Was die Flüchtlinge angeht: Ja, das stimme ich mit dir überein. Es wird viel zu sehr berichtet daundda kommen welche und dieunddie Gemeinde kann das nicht mehr stemmen…aber wenig über Spenden und Ehrenamt. Und das erweckt den Eindruck die Flüchtlinge bekämen alles vom Steuerzahler was „wir“ nicht bekommen. So wird eine Neiddebatte am köcheln gehalten.
        Gestern gab es endlich mal einen Artikel darüber dass die Flüchtlinge auf die Wirtschaft wirken wie ein „unfreiwilliges“ Konjunkturprogramm. Lehrer werden eingestellt, Zelte und Container müssen gekauft/gebaut werden, Feldbetten etc. Und die kleinen Hotels, die bisher am Rande des Existenzminimums herumkrebsten, sind mit Flüchtlingen „ausgebucht“. Und schon melden sich die widerlichen Neidlappen, denen einfällt, dass die Hoteliers sich an den Flüchtlingen (an den Steuerzahlern) bereichern. Aber die depperte Abwrackprämie damals haben sie alle mitgenommen.

Platz für Klönschnack ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s