Konzeptionell

Wir können die guten Erfahrungen mit unserer Zivilgesellschaft nur behalten, wenn wir unser Bild vom konzeptionellen Flüchtling ein wenig korrigieren.

Was wollen Sie damit sagen?

Der konzeptionelle Flüchtling ist der, den wir gefeiert haben: ein verfolgter Mensch, der sein Glück sucht und etwas dafür zu tun bereit ist. Da ist uns mit Recht das Herz aufgegangen. Nun gilt es zu akzeptieren, daß diese Beschreibung auf manche nicht zutrifft. Sich das einzugestehen, müssen wir ebenso aushalten wie einen möglichen zweistelligen Sieg der AfD bei den Landtagswahlen (…)

Zitat aus einem Interview mit einem Herrn Bude, der Soziologe ist. Tja, die Sache mit der AfD – das müssen wir ja jetzt wirklich aushalten, in allen drei Bundesländern zweistellig. Furchtbar, aber erwartet. (Oder sollte frau sich etwa mit der AfD mitfreuen, weil sie NichtwählerInnen aktiviert hat???? Bäh, sollen „solche“ doch NichtwählerInnen bleiben, meinetwegen. – Zu diesem Thema schreibt meertau, daß sie sich mittlerweile selbst unsympathisch wird…. *klick*)

Aber die Sache mit der Enttäuschung über nicht ganz so mustergültige Vorzeigeflüchtlinge – Sollte ich mir da vielleicht ein wenig an mein Näschen fassen? Ich denke, ich sollte 😉 Sind halt auch nur ganz normale Leute, die Herren und Damen Flüchtlinge. Und nicht alle so pflichteifrig dabei, ein neues Leben auf die Füße zu stellen, wie ich das gern hätte. Bzw schon, aber mit anderen Prioritäten als denen, die ich setzen würde.

Beim schreiben entsteht allerdings eine andere Frage in meinem Kopf: gibt es eigentlich auch den konzeptionellen Flüchtlingshelfer? Und wie sieht der aus?
Als ankommende Flüchtlinge mit Plakaten und Teddys in Bahnhofshallen jubelnd begrüßt wurden, da war ich über diese Bilder eher entsetzt als erfreut. Es mußte so kommen, daß das nicht so bleiben würde. Daß es völlig falsche Hoffnungen wecken würde. Und Enttäuschungen produzieren. Ich habe bei diesen Bildern ebenso ein Gefühl von fremdschämen gehabt wie bei denen der ersten Pegida-Aufmärsche. Inzwischen machen mich letztere eher fassungslos-wütend, erstere gibt es nicht mehr. Aber die Leute, die da mit Stullen und Decken wedelten, die sind wahrscheinlich auch keine „konzeptionellen Flüchtlingshelfer“, sondern eher – ja, was? Von ihrer eigenen Hilfsbereitschaft enthusiasmierte Leute, die jetzt meistenteils wieder tatenlos im Wohnzimmer sitzen? Oder sehe ich das zu negativ?
Und was ist eigentlich meine Motivation?
Ich habe ununterbrochen das Gefühl des „zu wenig“, verbunden mit schlechten Gefühlen – mein Verstand sagt mir: das wenige ist mehr als die meisten tun. Und, ab von Vergleichen, ist das wenige auch objektiv gesehen für die Menschen, denen es zugutekommt, hilfreich. Außerdem ist das wenige schon manchmal zu viel für mich: Ich tu‘ mich schwer, fühle mich hilflos, liege oft nachts wach; es geht besser, seit ich weniger tu‘, aber gut ist anders. Und mein Verstand kann sich, wie so oft, nicht gegen das übermächtige Gefühl durchsetzen, nicht genug zu tun, nicht genug zu sein.
– Was aber ist denn nun meine Motivation? Ich habe begonnen, nach Informationen zu suchen aus dem Gefühl heraus, zu müssen eher als zu wollen. Die Notwendigkeit schien und scheint mir so groß! Ein moralisches Pflichtgefühl treibt mich an. Und, nicht zu vergessen, daß ich die drei Iraker einfach mag und nicht hängenlassen möchte. Vielleicht ist das die falsche Motivation – aber was ist eine richtige?
Ja, das sind so Dinge, die mich umtreiben.

Ganz konkret kann ich aber erfreuliches berichten: alle 6 Männer sind nun, nach etwas schubsen, dann doch allein zum Deutschkurs im Örtchen gegangen, und sie fanden ihn gut. (Der Angang war nicht so leicht für sie – Schwellenangst und so. Diese Woche hätte ich sie abgeholt und wäre mit ihnen hingegangen, ich hätte Zeit gehabt – aber es war sehr schön zu hören, daß das nicht nötig war *freu*) Leider gibt es im Örtchen nur 1x wöchentlich Unterricht. Ich überlege, ob es 1. sinnvoll wäre und 2. ich mir die Zeit nehmen will, nach jeweils einer halben Woche in der WG zu erscheinen, um den Stoff zu wiederholen und aufzufrischen. 1. beantworte ich mit „ja“, zu 2. bin ich noch nicht sicher…. (es wäre keine zusätzliche Zeit, nur eine anders genutzte zu festem Zeitpunkt. Vielleicht frage ich sie einfach, wie sie die Idee finden…)

 

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18 Kommentare zu “Konzeptionell

  1. Martin sagt:

    Hi Fjonka. Ich finde es klasse, dass Du etwas tust, statt nur zu reden (bzw. zu schreiben)!

    • Fjonka sagt:

      Ich glaube, damit hast Du kurz und treffend meine Anfangsmotivation zusammengefaßt – denn genau damit, daß ich von Vielen gelesen hatte (und das klasse fand), die etwas taten statt nur im Sofa sitzend zu lamentieren – und ich nicht; genau damit hatte ich ein Problem.
      Wie gesagt, ob das eine „gute“ Motivation ist, ich weiß es nicht….

  2. Hallo Fjonka!

    Ich denke, für jemanden etwas zu tun, weil man ihn/sie mag, ist sowohl der beste Beweggrund als auch die beste Motivation überhaupt.

    lg
    Maria

  3. ladypark sagt:

    Und zum Thema Demokratie hege ich schon immer erhebliche Zweifel, ob das denn nun tatsächlich der Weisheit letzter Schluss ist. 😦

    • Fjonka sagt:

      Hast Du eine systemisch andere, bessere Idee (welche?) oder „nur“ Verbesserungsvorschläge im Kopf?

      • ladypark sagt:

        Nicht einmal das. Ich merke nur immer wieder, wie ärgerlich und ungerecht ich es finde, dass die Stimme eines jeden ungebildeten Vollpfostens genauso viel zählt wie meine.

        Wüsste ich eine bessere Staatsform, ich bekäme vermutlich einen Nobelpreis dafür.

  4. Jane Blond sagt:

    Als damals die Mauer fiel, war es doch ähnlich. Erst haben alle gejubelt und sich in den Armen gelegen, und als der Wessie merkte, dass ihn das was kostet, was Schluss mit Freude, und der Ossie war mirnichtsdirnichts ein Ärgernis. Ein Übel.
    Ich denke, dass Menschen eine gewisse Zeit brauchen, sich an die Gegebenheiten zu gewöhnen, um zu merken, ups, ist ja doch gar nicht so schlimm. Ich glaube dabei weiter an das Gute in ihnen, und hoffe einfach, dass die AfD dann wieder degradiert werden wird.
    Ich meine … deren aktuelles Programm, das nur einen Tag vor den Landtagswahlen erschien und gar nicht wahrgenommen wurde, spricht sicher einen Haufen derer, die sie wählten, so gar nicht mehr an.
    Die werden sich selbst zerlegen mit der Zeit. Man muss es nur aushalten, sie dabei weiter „ernst“ nehmen, also nicht belächeln, was ich gern tun würde, und sich weiter gerade machen.
    Oh, ich muss wirklich aufpassen, dass ich die AfD nur noch belächle, weil das zu tun, gefährlich wäre. Ihre Auftritte nach den Wahlen waren so absurd lächerlich.

    • Fjonka sagt:

      Mauerfall – die Bilder dieser enthusiasmierten Menschen hatten in mir genau dieselben „fremdschäm“-Gefühle ausgelöst. Und dasselbe Befremden, die Frage, worüber nur die sich da alle grad so freuen, wo doch völlig klar ist, daß das der Anfang von etwas höchst problematischem ist…. offenbar neige ich insgesamt nicht zum massenmitfreuen ;-|

    • Fjonka sagt:

      Ach, und das belächeln ist mir inzwischen vergangen – auch ich habe Teile vom Programmentwurf gesehen im TV. Es bleibt zu hoffen, daß sich viele der „eigentlich“ nicht rechtsextremen Parteimitglieder und -wählerInnen mit diesem Programm auseinandersetzen – und Konsequenzen ziehen

      • ladypark sagt:

        Vermutlich haben viele der AfD-Wähler noch nie mehr als das Fernsehprogramm oder die Bildzeitung „gelesen“, insofern bezweifle ich doch stark, dass es bei denen zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit diesem fragwürdigen „Programmentwurf“ kommen könnte.

        • Fjonka sagt:

          Leider ist das ja nicht (mehr) so, da gibt es LehrerInnen, Beamte, Studierte… und man kann ja auch aufs TV hoffen (in dem ja auch ich die Auszüge des Programmentwurfs gezeigt bekam)

          • teff42 sagt:

            Es ist auf jeden Fall ein Zeichen, dass selbst die „Nichtwähler“ mit der konventionellen Politik nicht zufrieden genug sind, mit dem Effekt, dass sie den A..-Pöter aus dem Sessel hochbekamen um ihr Kreuz zu machen (Wobei ich trotzdem den leisen Verdacht habe, dass vielleicht mit dem Lockstoff Bier unterstützt wurde?!). Der Effekt ist jedenfalls da und dadurch, dass die Stimmen da sind, muss auch diese „Partei“ nun arbeiten. Im Besten Fall zeigen sie, dass sie es nicht können und verschwinden wieder, oder sie passen sich an und verändern sich (schlechter Vergleich, aber trotzdem: die Grünen). Und auch die „etablierten“ Parteien müssen arbeiten, denn jetzt dieses Ergebnis totschweigen oder ignorieren wird sie (und uns) nicht weiterbringen, eher im Gegenteil.

            • Fjonka sagt:

              Leider scheinen das die etablierten Parteien nicht wahrhaben zu wollen, wenn ich so die Kommentare höre, daß sie selbst-ver-ständ-lich immer alles richtig gemacht haben…… ich denke auch, nun wäre Selbstkritik angebracht. Nicht im Sinne von „und wir werden jetzt auch alle schnell (noch) fremdenfeindlich(er), sondern im Sinne von „Wir nehmen uns mal ein Beispiel an den Wenigen, die dafür bestätigt wurden, daß sie klar und offen Probleme ansprechen, ohne ständig schwarzweiß zu malen.

      • Jane Blond sagt:

        Ich weiß ja, dass das Belächeln falsch ist. Man muss die Backpfeifen schon ernst nehmen. Ich finde es aber so absurd, dies Programm, dass ich echt lachen muss. Widersprüchlich, dumm, undurchsetzbar. Die sind nichts weiter als eine Seifenblase; das war der Gedanke danach/beim Lesen. Das können nur Strunzdumme wählen. Womit man hoffentlich den Teil der Wähler dort wieder wegtreibt, der selbstständig denken kann. Wodurch sich einiges nivellieren wird bei Folgewahlen. Ich kann so ein Geschreibsel echt nicht ernst nehmen. Und mir geht es gerade damit besser, als mit dem Dauerbauchweh der letzten Monate wegen denen.
        Wahrscheinlich gab es damals, als der Ösi meinte seine Gedanken zu Papier zu bringen, ebenso genug Menschen, die ihn belächelten, klar. Aber da ist die Hoffnung, dass wir Menschen doch aus der Vergangenheit gelernt haben müssen …
        Ich versuche gerade einen Weg zu finden, damit umgehen zu können, ohne das Gefühl zu haben, mich andauernd übergeben zu müssen.

        • Fjonka sagt:

          „damit umgehen zu können, ohne das Gefühl zu haben, mich andauernd übergeben zu müssen“
          SEHR schwierig.
          Bei mir kommt immer mehr das Gefühl durch, daß ich nun eigentlich auch noch beginnen müsste, mich (sichtbarer) politisch zu engagieren. Darauf habe ich aber noch viel weniger Lust als auf das, was ich jetzt tu‘, und es wäre mit noch mehr Schlaflosigkeit Co verbunden. Das BEDÜRFNIS ist: wegducken insofern, als ich mich viel lieber nur noch mit Umwelt-/ Naturschutz befassen würde. Nicht, daß das nicht auch ein heikles und politisches Thema ist – aber eben doch auf andere, weniger emotional anfressende Weise.
          Noch weiß ich nicht, wie dieser innere Konflikt ausgehn wird, wenn „unsere drei“ erst wieder weg sind (ich gehe davon aus, daß sie nicht hier in der Nähe bleiben werden, wenn der Asylantrag durch ist)

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