Paper, paper, paper….

… sagt S. immer wieder und schüttelt den Kopf. Recht hat er. Deutschland ist Paperland. Jetzt, wo „unsre drei“ ihre Aufenthaltsgestattung (nicht: Asyl!) haben, geht die Papierschlacht in eine neue Runde. Vom BAMF haben sie Anträge auf Genehmigung eines Integrationskurses bekommen. „Was Inter…kurs, bitte?“ Ja, was ist ein Integrationskurs? Zum Glück habe ich, in deutsch und in arabisch, ein Merkblatt dazu gefunden. Die Resonanz war: „Oh, gut! Kultur, Politik, Deutschland Geschichte wichtig. B1 Sprache, gut!“
Für heute (Mittwoch) hatte ich mit S. einen Besuch des Arbeitsamts abgemacht, weil wir ja telefonisch Bescheid bekommen hatten, er sei dort nicht gemeldet. Also ab zu ihnen und erstmal A. gefragt, wie denn die Info-Veranstaltung am Montag war. „Oooooh, nicht gut, Kurs, bitte nicht Kurs Flensburg“. Es hat mindestens eine halbe Stunde gedauert, bis ich folgendes zu verstehen meinte:

  • so viele Menschen
  • kein arabisch
  • 5 Stunden täglich, zu viel. Also:
  • wie im letzten Kurs, und mit dem hatten sie ja schlechte Erfahrungen gemacht

Ja, aber kein arabisch???? Ich hatte am Telefon gesagt bekommen, es sei ein Dolmetscher dort! Zweimal nachgefragt, dreimal, nochmal – „aaaah- ja, Montag arabisch, aber Kurs Lehrer deutsch, nur deutsch“. Okay, wieder ein Mißverständnis – ich hatte nach Montag gefragt, er hatte den Kurs gemeint. Aber der Kurs – das ist nunmal so hier: DEUTSCHkurse sind auf DEUTSCH. „Ja, gucken, Fjonka, hier, youtube, lernen deutsch Grammatik“ – also geguckt: da gibt es Deutschkurse auf arabisch. Prima als Ergänzung, finde ich, aber bringt nix fürs verstehenlernen und sprechenlernen. Merkt man ja bei unseren Gesprächen ;-| Aber das konnte ich wieder nicht kommunizieren.
Insgesamt habe allerdings auch ich den Eindruck: noch so ein Mammutkurs bringt derzeit eher wenig, also habe ich mit ihnen mal ganz in Ruhe ihre Vorstellungen und Wünsche durchgesprochen. Für mich hat sich folgendes herausgefiltert, das habe ich dann auch mehrfach wiederholt und zu verifizieren versucht und hoffe nun, so soll es sein und so werde ich es jetzt versuchen, für sie zu initiieren:

  • Arbeit! Egal was, egal wo! Auch gern erst Praktikum.
  • Auf jeden Fall Integrationskurs
  • So lange, bis eins der beiden losgeht, wöchentlicher Sprachkurs, VHS mit EhrenamtlerInnen im Ort. Zu dem gehen sie, das klappt offenbar.

„Für sie“? MIT IHNEN! S.per translator: „Können Sie mir Arbeit besorgen, bitte?“ NEIN, kann ich nicht! WILL ich auch nicht. Aber ich kann mitgehen, wenn es Gespräche geben sollte. Und ich kann bei den nötigen papers helfen. Und vor-horchen, wo es evtl was passendes geben könnte.

Okay. Nun hatte ich ja schon vor einiger Zeit mit der VHS in Flensburg telefoniert und dort gesagt bekommen, wir können uns wieder melden und die Leut‘ gleich zum Integrationskurs anmelden, sobald sie die Aufenthaltsgestattung haben. Also kam mir der Gedanke, vor dem Arbeitsamt erstmal bei der VHS vorbeizufahren. Ich habe bisher die besten Erfahrungsberichte von VHS-Kursen zu hören bekommen – im Vergleich zu privaten Anbietern. Wir also zur VHS, inzwischen alle drei schon recht angestrengt.

„Nicht easy, Fjonka!“ „Easy ist englisch. Deutsch: „leicht“! „Nicht leicht, Fjonka!“ „Ja, richtig. Nicht leicht!!!“

Aber rausgekommen sind wir dann doch mit einem Ergebnis: Zwei Männer angemeldet zum Integrationskurs. Bzw vorgemerkt, mit Termin zum Einstufungstest – Ende Juni…. Die Anträge erledigt die VHS, etwas „paper“ gespart, immerhin.

Dann zum Arbeitsamt. Es stellte sich raus: S. ist doch dort gemeldet – aber mit falscher Schreibweise des Vornamens, deshalb hatten sie ihn beim Telefonat nicht gefunden….. na, immerhin haben wir eine Vollmacht für mich abgegeben. Das wars aber auch schon an Ergebnissen.

Dann zurück zu ihnen nach Hause, abschließende Erklärungen sowie weitere „Arbeitsaufträge“ für mich (muß morgen eh zum Amt, und noch weitere 2 Punkte auf dem Zettel dafür sind dazugekommen) – und heim. Daheim angekommen, sah ich auf die Uhr – und es traf mich fast der Schlag: fünfeinhalb Stunden!!!!!
Davon Fahrt, VHS und AA zusammen vielleicht zweieinhalb. Der Rest war Sprachbarriere….. Ich bin fertig für heute! Und doch: sowas ist okay für mich, an solchen Tagen hab ich das Gefühl, ich kann wirklich was TUN und Sinnvolles in Gang bringen.

P.S. Jetzt ist Abend, die Eindrücke sind gesackt. Und ich stelle fest: es stimmt nicht! Da war mehr als „nur Sprachbarriere“:
S. hat zB mir Bilder seines Vaters gezeigt, der ist versehrter Kriegsveteran aus dem Iran/ Irak-Krieg, von Hussein zum Kriegsdienst verdonnert – und jetzt als „Verräter“ mit großen Problemen konfrontiert. (Das erinnert mich doch an was….? All die Rekruten Hitlers, zT mit später schöngeredeten Soldatenkarrieren, zT aber auch tatsächlich „verdonnert“ – und von meiner Generation pauschal verachtet. Wer will beurteilen, zu welcher Sorte Saddam-Soldaten S.‘ Vater gehörte? Ich kann es nicht)
S. hat erzählt, auch er selbst wurde bedroht: als Sunnit (wenn auch sehr westlich eingestellt, das scheint dort eh egal zu sein) in schiitischer Wohngegend bei schiitischem Arbeitgeber: „big problem“  Hoffentlich hat er davon auch bei der Anhörung berichtet! (Dies alles ist jetzt, gekürzt und ein wenig „anonymisiert“, so wiedergegeben, wie ich verstanden habe, was er und der g***gle-translator mir gemeinsam erzählten – also „ohne Gewähr“ *gg*)
Und: seiner Ansicht nach ist im Irak nicht die Regierung das Problem, sondern unterschiedliche kämpfende Gruppen, von Daesh bis zu welchen, von denen ich noch nie gehört habe und deren Namen ich mir auch nicht merken konnte. Diese Leute, die sich (und leider auch Unbeteiligten) aus religiösen Gründen die Köpfe einschlagen, nennt S. – auf deutsch – „Dummköpfe“

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10 Kommentare zu “Paper, paper, paper….

  1. Gerburgis sagt:

    Hallo Fjonka,
    kurz meine Erfahrung, die ich gemacht habe, als ich einem Syrer (Fräser) einen Praktikumsplatz in einem Metallbaubetrieb für die Osterferien besorgen wollte:
    Die Firma war sehr entgegenkommend, auch was noch mangelnde Sprachkenntnisse anging „Wir hatten schon einen Gehörlosen da, das war auch kein Problem!“
    Beim Jobcenter wollte ich das Praktikum ankündigen (so hatte man es mir bei der Stadt gesagt – war aber eine Falschauskunft). Man muss den ganz offiziellen Weg gehen: Der Arbeitgeber muss dem Jobcenter signalisieren, dass er sozialversicherungspflichtig einstellen möchte (also einen Job für mind. 451 € anbieten). Das diene dem Schutz des Asylsuchenden. Denn manche Arbeitgeber nutzen ihre Praktikanten aus, beschäftigen sie für die zulässigen acht Wochen, zahlen nicht und nehmen den nächsten Praktikanten. Das sehe ich auch alles ein.
    Aber die Firma wird in diesem Jahr niemanden einstellen. Und der Syrer sollte in den acht Arbeitstagen (mehr wären es ja gar nicht gewesen) nur einen ersten Eindruck erhalten.
    Na, Ende vom Lied: Es wurde nichts. Sehr schade für beide Seiten!
    Viele Geflüchtete möchten gerne arbeiten. Doch sie müssen sehr aufpassen, ob sie das auch dürfen. Je nach Aufenthaltsstatus ist das erlaubt oder eben nicht. Und falls sie erwischt werden, ist das ein Grund für die Abschiebung! Siehe hier: http://www.bamf.de/DE/Infothek/FragenAntworten/ZugangArbeitFluechtlinge/zugang-arbeit-fluechtlinge-node.html
    Fjonka, ich wünsche Euch weiterhin viel Energie und Geduld! Ihr macht das klasse!
    Schönen Sonntag
    Gerburgis

    • Fjonka sagt:

      Gerade beim letzten Lotsentreffen wurde besprochen, daß es auch noch die Möglichkeit einer Hospitanz gibt!
      Vielleicht wäre das was? Eine Hospitanz bedeutet: kein Geld und nur mitlaufen. Der Flüchtling darf keine Arbeiten, die wertschöpfend sind, übernehmen, also eigentlich mehr über die Schulter gucken. Aber genau so beschreibst Du ja, was Ihr vorhattet….

      Der Link, den Du da angegeben ist, ist sehr hilfreich, danke!
      Allerdings verunsichert er mich auch wieder:
      „Personen, die eine Aufenthaltsgestattung besitzen, können nach drei Monaten die Genehmigung zur Ausübung einer Beschäftigung erhalten.
      Die Drei-Monats-Frist beginnt mit der Äußerung eines Asylgesuchs gegenüber der Grenzbehörde, einer Ausländerbehörde oder der Polizei.
      Bei Personen, die ohne einen erforderlichen Aufenthaltstitel, wie zum Beispiel ein Visum, aus einem sicheren Drittstaat eingereist sind, beginnt die Frist jedoch erst mit der förmlichen Stellung eines Asylantrages beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.“
      Na, toll. Was nun? DOCH noch nicht arbeiten, oder doch?
      Da werden wir, falls wir eine Möglichkeit zum arbeiten für Jemanden finden, wohl erst beim Amt erfahren, ob das auch erlaubt wird 😦

      • Gerburgis sagt:

        Danke für den Tipp mit der Hospitanz! Das ist eine gute Idee, von der die Frau vom Jobcenter ja auch hätte wissen müssen.
        Wie hieß noch der Titel Deines Posts? „Paper, paper, paper“? Ja, so ist es und manchmal ganz schön undurchsichtig.

        • Fjonka sagt:

          Ohja!
          Dazu kommt, daß selbst die Behörden oft nicht wissen, was genau Sache ist UND offenbar von Kreis zu Kreis (geschweige denn Bundesland zu Bundesland) eine andere Umgehensweise damit herrscht, es oft gar ganz andere Regeln gibt.
          Niemand weiß übrigens hier so ganz genau, ob Integrationskurse bereits Pflicht SIND oder erst noch werden sollen…. selbst die Frau von der VHS, die beruflich den ganzen Tag nix anderes macht als zu „DEutsch als Zweitsprache“ zu beraten, konnte mir’s nicht sagen – „Es ist sehr problematisch, an sichere Informationen zu kommen, wir wissen es auch nicht“, sagte sie mir.
          Eine Freundin aus Flensburg hat folgendes erfahren:
          „hier das Formular, das ein Arbeitgeber ausfüllen muss, wenn er einen Asylbewerber einstellen möchte.
          Für die Beantragung eines Praktikums gibt es noch ein anderes Formular, aber das habe ich nicht digital vorliegen, das hat X direkt beim Jobcenter abgeholt. Dort wurde ihr gesagt, dass ein Praktikum für max. 2 Wochen Vollzeit gewährt wird, aber in den Unterlagen, die Du Y geschickt hast, steht etwas anderes. Offenbar gibt es auch unterschiedliche Auffassungen darüber, ob ein Praktikum genehmigt werden muss oder nicht. Hier in Flensburg handhaben sie es so, dass auch für ein Praktikum sowohl die Ausländerbehörde als auch die Bundesagentur zustimmen müssen. Der korrekte Dienstweg ist derselbe wie bei der Arbeitsgenehmigung: Antrag bei der Stadtverwaltung einreichen, die klärt intern mit der Bundesagentur und verschickt dann den Bescheid.“
          Tja.

          • ladypark sagt:

            Oh Mann, da kriegt ja schon jeder gut deutsch sprechende Mensch die Krise. Wie soll es da erst Leuten gehen, die kein oder nur wenig deutsch sprechen, geschweige denn lesen können. Wie gut, dass es so engagierte Unterstützer wie euch gibt!

  2. Hallo Fjonka!

    Leicht hast Du es ja nicht gerade. Ich habe gerade den Eindruck, dass auch Deinen Schützlingen langsam die Geduld ausgeht und ein bisschen Heimweh da ist. Zumindest große Sehnsucht nach einem einfacheren Leben.

    lg
    Maria

    • Fjonka sagt:

      Dieser Eindruck ist gewiß richtig, leider kann ich da als Lotsin nichts tun – da müssen die Freunde ran, und das Smartphone, zum lindern. Und die Geduld- das geht ja nicht nur diesen dreien so. Das ist überall ein Problem, es gibt nicht so viele Menschen, die diese lange Wartezeit produktiv für sich nutzen können. Die allermeisten sacken stimmungsmäßig ab. Gut, daß wenigstens das Wetter die Stimmung zu heben hilft.
      Mir selbst geht es zum Glück grad besser – vielleicht habe ich ein wenig gelernt, zu tun, was ich kann und will und ansonsten etwas mehr Abstand zu halten, innerlich – vielleicht sind nur die Hormone in besserem Zusammenspiel *seufz*. Hauptsache, es ist so, denn derzeit wäre ein ganz ungünstiger Zeitpunkt, sich weiter da rauszuziehen.

  3. a sagt:

    Samstag gibt es bei uns im Dorf einen syrischen Abend.
    Ein Dolmetscher wird da sein und die Flüchtlinge wollen aus ihrem Leben und von der Flucht erzählen. Anschließend gibt es noch syrische Speisen zum Probieren.
    Wir wollen wahrscheinlich hingehen und ich bin echt gespannt und auch neugierig auf das Leben, das sie früher geführt haben. Ich glaube, wenn man nicht so nah dran ist, wie Ihr, hat man selten die Gelegenheit wirklich mehr zu erfahren. Und selbst, wenn der Kontakt da ist, erklärt Ihr ja auch immer wieder, wie schwierig allein diese Sprachbarriere ist.
    Ansonsten – wem sagst Du das – Behörden und Papier … :$ *grrr*

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