In der Stadt

Ab. hatte Termin beim Arbeitsamt. Und gefragt, ob ich wohl mitkomme. Termin: um 10 Uhr. Um 11 waren wir wieder draußen, gebracht hatte es nix, denn der Kurs, der ihm vorgestellt werden sollte, taugte für ihn nicht (keine Alphabetisierung) Zweites Vorhaben: auch ihn anmelden zum Integrationskurs. Aber die VHS macht erst um 14:30 Uhr auf…. also waren wir zwei zwischendurch lange in der Stadt unterwegs. Und das war richtig schön:

  • Auf einen Kaffee ins Kritz – dort viiiiiel Zeit zum unterhalten. Er hat mir erzählt: von der Schule; davon, daß er nachmittags jetzt mit ein paar deutschen Kindern und einem Eritreer in seinem Alter Fußball spielt; von seinen Geschwistern und Eltern daheim; davon, daß es im Irak ganz normal ist, wenn Mädchen mit 13, 14 Jahren heiraten – und bei Jungs ist es nicht so seltsam, wenns später wird – aber NORMAL ist es auch, mit 16 schon verheiratet zu sein. Vom autofahren im Irak („nicht Regeln in Irak! Jeder fährt schnellschnell!“) und von seinem Wunsch, einmal doch eine Familie zu haben („Kinder! Ich liebe Kinder!“) Und daß er selbst zur Schule gegangen ist, bis er 12 war. „Dann Arbeit“, sagt er. Und zeigt eine schaufel-Bewegung. Erst auf dem Bau, verstehe ich, und später als Fahrer. Seine Mutter übrigens „nicht Schule. Nicht lesen, nicht schreiben!“ Der Vater? „Bißchen“
  • Bummeln. Am Südermarkt war Flohmarkt, da hat der Junge (der ja daheim beruflich Bus und LKW gefahren ist, und das gern. Führerschein? „Nicht in Irak. Vater zeigt, dann fahren“) bei kleinen Modell-LKW glänzende Augen bekommen. Der Händler wollte 5 Euro- zu viel, fand Ab., wusste aber: in Deutschland ist ein Preis ein Preis. Und konnte deshalb nicht verstehen, daß hier nun gehandelt werden sollte. Der nette Händler merkte dann auch, daß Ab. soooo gern den LKW haben wollte und ich als Erklärbär scheiterte – und hat dann selbst 2 Euro vorgeschlagen. Und ich lief weiter, mit einem strahlenden Ab, der das Spielzeug kaum aus den Augen lassen mochte. Etwas später hat er mich dann gefragt, wieso denn nun doch 2,-? Und dann konnte ichs erklären. „Aaaaaah, ja, in Irak ist market, da auch so! Aber Penny nein, nicht 2,- wenn sagt 5,-, dann 5,-“ Jepp, genau.
  • Später gehen wir über einen aufgelassenen Bahndamm, auf Schienen entlang. „Kein Zug?“, fragt Ab. Nein, hier nicht. Und dann: „Hungaria das. Aber Zug. Aufpassen.“ In mir steigen Bilder auf aus Nachrichten, von Flüchtlingsgruppen, die auf Gleisen einen Weg über die Grenzen suchen. Und kurz schaudert mich, als er noch erzählt: „Hungaria nicht gut. Polizei schlecht“, und zeigt, wie mit Knüppeln geschlagen wurde. Ob die Narben an seinem Kopf daher stammen? Ich habe nicht gefragt.
  • In der Marienkirche hat er, der ja unalphabetisiert – das heißt, in UNSEREN Buchstaben unalphabetisiert- hier angekommen ist, mir Namen vorgelesen und Inschriften. Der Junge lernt jetzt, und er lernt voller Freude, seit er im Dorf mit den Ehrenamtlichen lernen kann. Überall fragte er „die Bus oder der?“, „warum ist Pullover, nicht Jacke?“ „Wie heißt das?“ …..
  • Wir kommen nach mehreren Stunden zurück zum Auto. Im hingehen sagt er:
    „Oh! Licht an!“ Ich, voller Schrecken „Oh nein!“ Er: „Nein, nicht Licht! Ist Scherz!“, und kichert sich einen!
    Fiesling, der!!! (Aber ist es nicht toll, daß er sich inzwischen Scherze auf deutsch ausdenken kann?)
    Ich habe mich aber bös‘ revanchiert: nach einiger Zeit hatte er mir nämlich seinen LKW anvertraut, „Fremde gucken“ *g* Bei ihm daheim angekommen, fragt er nach seinem Auto- ich öffne meine Tasche: „Oh! Wo ist er? Auto weg!?“ – er schon die Panik im Gesicht – und ich: „Nein, ist hier – ist Scherz!!“ *gg*

Auf dem Rückweg übrigens saß er neben mir, und sagte: „Heute schön! Sonne, Café schön, Kaffee trinken, sprechen, und Market Auto. Heute ich bin glücklich!“
Danke! شكر 
Ich nämlich auch, in genau diesem Moment!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

10 Kommentare zu “In der Stadt

  1. a sagt:

    Das zu lesen ist tief berührend, und ich freue mich für ihn und die anderen Beiden, dass sie an Euch ‚geraten‘ sind und es diese glücklichen Momente im täglichen Leben wieder für sie gibt. Und für Euch, dass Ihr immer mal wieder die Früchte Eurer Arbeit sehen könnt 🙂

  2. Jane Blond sagt:

  3. Hallo Fjonka!

    Wie schön, ich freue mich sehr für Dich, dass Du nun auch eine schöne Zeit ohne Stress mit Deinem Schützling verbringen konntest!

    lg
    Maria

  4. ladypark sagt:

    Schön, dass du auf diese Weise ganz viel zurück bekommst für dein tolles Engagement.
    Ich kann mir vorstellen, dass gerade dieses Alltägliche, das ihr in der Stadt zusammen hattet, ganz wertvolle Erfahrungen für deine Schützlinge sind.

    • Fjonka sagt:

      Ich glaube auch. Und für mich auch 🙂 Ohne den Zweittermin wäre das nichts geworden – erst wollte Ab. nach dem AA schnell heim, und auch ins Café wollte er nicht. Ich habe ihn dazu gebracht, indem ich ihn unter Hinweis auf meinen großen Kaffeedurst darum gebeten habe, doch bitte mitzukommen. Und dann war er ganz begeistert 🙂 Ich weiß nicht, ob es um die Kosten ging oder darum, sich unter so vielen deutschen Leuten nicht willkommen zu fühlen – jedenfalls hat er im und nach dem Cafébesuch mehrfach betont, wie schön es dort war.
      Noch besser, als mit mir unterwegs zu sein ist aber, finde ich, das kicken mit Dorfkindern, das sich offenbar ohne Lotsenhilfe einfach ergeben hat

  5. Bibo59 sagt:

    Schön!. Das ist der jüngste, oder?

    • Fjonka sagt:

      Ja, genau.
      Und anfangs auch der ruhigste, der am wenigsten deutsch und englisch sprach, und sehr, sehr ernst. (Letzteres ist er noch immer oft, und auch sehr erwachsen. Aber eben nicht mehr immer.)

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