Ramadan und andere Härtetests ;-)

Am 6.6. hat eine harte Zeit begonnen: zwei der drei Iraker „folgen“ dem Ramadan, was für sie bedeutet, nur zwischen ca 23 Uhr (Sonnenuntergang) und ca 4 Uhr (Sonnenaufgang) essen, trinken und sogar – schwere Sache für S. – rauchen zu können. Ich hatte ja mal gehört, daß die Imame sich geeinigt haben, daß Sonnenauf- und -untergangszeitpunkte in Mekka gelten. Das würde bedeuten, schon gegen 20 Uhr wieder essen zu können. Aber davon hatten sie offenbar noch nie gehört – jedenfalls haben sie mich da einfach nicht verstanden, als ich rein interessehalber nachgefragt habe.

Was ich nicht wusste: der Ramadan verschiebt sich jedes Jahr um etwa elf Tage – da wäre es ja „praktischer“ gewesen, würde er gerade derzeit im Winter liegen und nicht zu den längsten Tagen des Jahres…. na, das Leben ist hart an der Küste 😉

Ansonsten heißt es weiter „hoffen und harren“: die Informationen, daß sie evtl nicht auf dem BAMF-Bescheid warten müssten, um mit ihren Integrationskursen zu starten (es hieß, wer einen festen Platz hat, kann sichs von der Ausländerbehörde genehmigen lassen) haben sich leider als nicht für unsere Ausländerbehörde zutreffend erwiesen… für Ab., den Taxi- und Busfahrer,  könnte sich zwischen STAFF-Sprachkurs und Integrationskurs aber eine andere Türe auftun:
Am Dienstag habe ich mit einem Herrn von der Firma Aktiv-Bus telefoniert. Diese Firma bietet Hospitanzen an – und Ab. hat Interesse (auch wenn er nicht glücklich war zu hören, daß er allerdings keinesfalls wird selbst fahren dürfen – „Och – nur ein bißchen!?“) Wir werden dort vorsprechen, sobald der STAFF-Kurs beendet ist 🙂

Ab. hat übrigens in meinem Beisein bereits vorletzte Woche den Einstiegstest für den Integrationskurs absolviert. Es geht darum, herauszufinden, wo er derzeit sprachlich steht, um beim richtigen Modul beginnen zu können (es hat ja keinen Sinn, wenn Leut‘, die noch nicht alphabetisiert sind zusammen mit solchen, die seit Monaten täglich eifrig deutsch lernen, starten) Die anderen beiden haben den Termin dazu erst Ende Juni.

Ich fand die Prozedur hochspannend:

  • los gings mit einer kurzen Unterhaltung über „was, wann, wo“ (Name, Geburtsdatum und -ort, wann nach D gekommen – das übliche) Das hat Ab inzwischen schon tausendmal erzählt und dementsprechend routiniert hinter sich gebracht. Für mich war spannend zu sehen, daß er jetzt seinen Namen (in unseren Buchstaben) flüssig aufschreiben konnte – etwas, das vor anderthalb Monaten noch nicht ging.
  • Dann los: Piktogramme deuten, Worte einsetzen. Beispiel: Thomas, der Tester, liest vor: Der Mann geht zum Bäcker. Er kauft (Piktogramm: Brot) Ab. soll das Wort, das fehlt, sagen und aufschreiben. Vier oder fünf solcher Aufgaben meistert er ohne Fehler, nur einzelne Buchstaben sehen noch nicht ganz korrekt aus.
  • Thomas liest einen kleinen Lebenslauf vor. Beispiel: Das ist Ali. Ali ist zehn Jahre alt und kommt aus Syrien. Seine Familie kam vor acht Monaten nach Deutschland. Er hat drei Brüder. Ali ist der älteste. Nun soll Ab. Fragen zu dem Text mit ja oder nein beantworten und die jeweils richtige Antwort ankreuzen. Kommt Ali aus dem Iran? Hat Ali Geschwister? Ist Ali allein in Deutschland? Es gibt vier solcher Lebensläufe mit Fragen, und ich war sehr überrascht und begeistert, daß Ab. alles verstanden hat und nur einen einzigen Fehler hatte: „Geschwister“ hat er mit „Schwestern“ verwechselt und meinte deshalb bei Nachfrage, warum er bei der Geschwister-Frage nein angekreuzt habe „nur Brüder, nicht Schwestern“
  • Dann kommt ein Brief – eine Antwort auf eine Immobilienanzeige. Es sind Lücken im Text, und Ab. soll sich per multiple choice für die richtige von vier Antworten entscheiden. Beispiel: Sehr geehrte ……… A: Herr Müller B. Damen und Herren C: Guten Tag (D: weiß ich nicht mehr :-)) Das ist entschieden zu schwierig, und als das schnell klar wird, bricht Thomas ab, bittet uns, kurz zu warten, während er auswertet und stuft Ab. anschließend auf A1 ein.

Sehr spannend, wie gesagt. Ab. war zu Recht sehr stolz, schon auf A1-Niveau zu sein, und ich ganz begeistert. Denn noch zur Anmeldung zum Test Mitte April war er ganz klar noch nicht alphabetisiert – was „Alpha“-Einstufung bedeutet hätte*. Dieser STAFF-Kurs – er geht (leider nur) noch bis Ende des Monats – ist toll für ihn! Diese Einschätzung teilt auch die Kursleiterin, die uns LotsInnen gestern ein Gespräch anbot. Auch sonst teilt sie Ab.‘ und unsere Meinung: er ist „ready for Integrationskurs“, aber, bitte, für einen langsamen (Es gibt diese Kurse in Voll- oder Teilzeit)

* je nach Vorkenntnissen können die Flüchtlinge in unterschiedliche Module des Integrationskurses einsteigen, so daß alle etwa auf gleichem Niveau starten

 

Advertisements
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

13 Kommentare zu “Ramadan und andere Härtetests ;-)

  1. Rosenfrau sagt:

    Nee, es gelten die Sonnen-Zeiten da wo du lebst. Oder möglicherweise gibt’s da auch unterschiedliche Glaubensrichtungen – ich kenn’s nur so.
    Vor ein paar Jahren hatten wir doch – man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen :-/ – einen richtig heißen Sommer, auch da hat meine Kollegin tapfer (oder bekloppt? ich bin da nicht so sicher) durchgehalten. Bei Temperaturen, die sogar mir zu warm waren hat sie tagsüber nicht mal einen Schluck Wasser getrunken. *Kopfschüttel*

  2. Mir hat unser M. (Albaner) folgendes dazu erklärt:
    – Allahs Wort im Q’ran ist unabänderlich.
    – Und das Fasten sei eine Übung für den Krieg. Da müsse man auch den ganzen Tag auf dem Pferd oder Kamel oder zu Fuß unterwegs sein und könne unter Umständen nicht essen, trinken, rauchen oder gar S*x haben. Er verwies u.a. auf die Mongolen.

    Ich war schon leicht schockiert.

  3. Hallo Fjonka!

    Spannender Bericht über den Einstiegstest. Da haben sich die Leute wirklich was überlegt. Es ist für den Erfolg total wichtig, dass alle mit ähnlichem Niveau starten. Sonst sind einige überfordert und andere gelangweilt. Beide würden vermutlich aussteigen.

    Ich finde es total super, dass Du immer wieder berichtest, freue mich immer wieder über Deine Texte!

    lg
    Maria

    • Fjonka sagt:

      Ohja, leider mussten wir ja schon erfahren, daß dasselbe Einstiegsnieveau aber auch noch nichts gewährleistet: bei diesem leidigen ersten Deutschkurs, als wir viel zu spät kapiert haben, daß der Kursleiter auf englisch erklärte- weil halt viele gut englisch sprachen – viele aber eben auch nicht – und hoffnungslos abgehängt wurden (und dann auch nicht mehr hingingen) *immernochgrummel*
      Da kann man nur hoffen- sehr viel hängt an der Kursleitung!

  4. petra sagt:

    Ist Ramadan nicht überholt? Meines Wissens war es ursprünglich eine Hygienische Maßnahme, weil nämlich das Essen in der sonne am Tag schneller verdirbt, als in der Nacht!

    Dass mit dem Sprachkurs finde ich sehr informativ, überhaupt mag ich deine ‚Flüchtlingsberichte‘ sehr.

    • Fjonka sagt:

      Naja – ist das „freitags Fisch“ der Katholiken nicht überholt? Das Zölibat? Das fasten zwischen irgendwas und Ostern? Die „wachset und vermehret Euch-Gebote“, die im Zeitalter der Überbevölkerung, verhungernder Kinder und AIDS nach wie vor als Verhütungsverbote interpretiert werden?
      Also, wenn man mich so fragt – ich persönlich finde insgesamt Religionen ziemlich überholt…. 😉
      Aber das ist keine Herangehensweise, die im konkreten Fall weiterhilft *gg*
      Nein, aber ich habe ja auch nicht geschrieben, daß die beiden sich groß beklagen! Obwohl der Hunger ihnen schon zu schaffen macht.

    • Fjonka sagt:

      Achja, und danke fürs feedback zu den „Flüchtlingsberichten“. Sie sind ja oft nicht sehr sachlich – ich versuche, ein bißchen DAS zu schreiben, was MIR in der „Orientierungsphase“ im Netz gefehlt hat.
      Das, was mir JETZT fehlt (Informationen, die verläßlich und auf dem neusten Stand sind), kann ich nicht bieten. Aber zu diesem Thema gibts vielleicht später nochmal einen Bericht von mir.

  5. Vielleicht hilft das: die Ramadan-Fatwa zu den Fastenzeiten auf Englisch. https://unity1.wordpress.com/2014/06/30/fatwa-on-fasting-in-ramadan-during-the-uk-summer/
    Damit lässt sich vielleicht eine Sprachversion erschließen, die weiterhilft. Die Zeitverschiebung kommt von den Mondmonaten, da wird das Jahr zu kurz.

    • Fjonka sagt:

      Sehr interessant, aber auch sehr schwierig zu lesen (also – für mich – Ab. und S. sprechen nicht englisch) Und ich habe erstmal keine arabische Übersetzung gefunden Aber ich habe auch keinen Ehrgeiz, mich da reinzuhängen! Sie arbeiten beide derzeit nicht, sind gesund und jung UND sie sind gut vernetzt; insofern haben sie jede Chance, sich zu informieren UND werden auch nicht weiters ernsthaft drunter leiden, wenn sie so fasten, wie sie das jetzt tun.

Platz für Klönschnack ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s