Alterslos

Letzten Monat hatten Freunde ihre Silberhochzeit. Auf dem Tisch lagen Alben mit Fotos ihrer gemeinsamen Zeit – im Hochzeitsalbum auch, als Trauzeuge, Volker. Als ich uns anschaute, da schauderte es mich plötzlich! Diese Bilder, auf denen wir alle blutjung aussehen („Darf der schon heiraten, oder mussten noch die Eltern mit unterschreiben?“) – auf diesen Bildern hatte Volker nur noch fünf Jahre zu leben! Was heißt: sein Bild in mir, das noch immer sehr präsent ist – das ist viel zu jung, und es altert nicht mit uns Lebenden mit!

Noch nie zuvor war mir das aufgefallen, aber seitdem arbeitet dieser Gedanke in mir.

Heute ist Volker seit zwanzig Jahren tot. Eine kaum faßbar lange Zeit! Sieht man seine Eltern auf Bildern von 1996, dann wird es greifbarer: die alten Leute waren damals in unseren Augen auch schon alt. Aber jetzt, wo ich selbst in nicht mehr allzu ferner Zukunft so alt sein werde wie sie damals waren, wirken sie garnicht mal so alt auf mich. Dreiundsechzig Jahre alt, soooo alt ist das ja wirklich noch nicht. Aus heutiger Sicht jedenfalls. Aber in diesem Alter sind zwanzig Jahre eine noch längere Zeit als in unserem. Ihnen merkt man sie deutlich an, uns sieht man sie an.

Ach, Volker, es wäre schön gewesen, hättest Du Deine Eltern wirklich beim altwerden begleiten können, so wie Du es Dir gedacht hattest. Ich bin ziemlich sicher, Ihr hättet heftige Auseinandersetzungen auszustehen gehabt. Deine Mutter war schon immer sehr in ihren festen Gleisen. Vadder ist flexibler, aber Du würdest schwer damit zurechtkommen, daß er jetzt mental deutlich enger wird. Alt eben. Und daß er mit seinem körperlichen altern deutlich schlechter klarkommt als Muddern, obwohl es ihm objektiv gesehen absolut nicht schlechter geht als ihr. Und obwohles beiden – für ihr Alter – wirklich nicht so furchtbar schlecht geht. Zipperlein und stackelig. Aber keine ernsthaften Krankheiten – das ist eigentlich was. Doch für Deinen Vater ist es schier unerträglich. Was eventuell auch daran liegt, daß Du fehlst – und mit Dir die Sicherheit, im eigenen Zuhause altwerden zu können. Zu viel lastet auf Deinem Vater – was, wenn er nicht mehr Autofahren kann, was, wenn es nicht mehr klappt zuhause?
Aber ist meine Einschätzung Eurer Beziehung überhaupt richtig? Vielleicht hättest ja auch Du Dich viel mehr verändert als ichs mir denken kann!? Wärest duldsamer geworden und ruhiger!? Ich weiß es nicht, ich weiß ja nicht einmal, ob wir noch immer so gute Freunde wären, jetzt, zwanzig Jahre später.

Ach, es ist sinnlos, darüber nachzudenken. Ich hatte einen richtig guten Freund, und nun schon doppelt so lange wie ich ihn hatte habe ich jetzt die Erinnerung. So ist es nunmal.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

9 Kommentare zu “Alterslos

  1. ladypark sagt:

    Ach ja, Volker. So lange ist das schon her, kaum zu glauben. *seufz*

    Ich weiß gar nicht, ob er sich rein optisch so sehr verändert hätte, aber wer weiß, vielleicht hätte er sich doch irgendwann den Bart abrasiert und dann sähe er natürlich ganz anders aus. Aber mit Bart sieht man ja viele Details im Gesicht gar nicht. Und was den Charakter angeht: Ich glaube Volker wäre immer noch typisch Volker und ich glaube, ihr wäret immer noch enge Freunde.

    Fotos von mir nehme ich zunehmend irritiert wahr. Z.B. erschrecke ich immer wieder vor meinen Hängebäckchen, die gehören definitiv nicht zu mir. Meine Tante hat solche, aber ich doch nicht. Mit ein klein wenig Zug der Haut nach hinten verschwinden sie und ich sehe gut 10 Jahre jünger aus. Ehrlich, ich habe schon mehrfach über eine kleine Schönheits-OP nachgedacht. *pfeif* Andererseits, wie lange hält sowas an? Und was kostet das? Und welche Nebenwirkungen wären zu befürchten? Zu viele Fragen für so ein wenig Haut, dass man ohne Foto und Spiegel auch schnell einfach vergessen kann.

    Die alten Leute, ja, das ist im Grunde eine traurige Geschichte. Mit Volker wäre vermutlich einiges anders, was aber nichts daran änderte, dass alt werden eben tatsächlich nichts für Feiglinge ist. 😦

    • Fjonka sagt:

      Hängebäckchen!? Hab ich noch nie an Dir wahrgenommen, da muß ich morgen glatt mal aufpassen!! *gg* Na, Eine Hängebäckchen, die andere einen Hühnerhals – ich hoffe bloß, daß DER dann auch bloß mir auffällt….

      • Bibo59 sagt:

        Bei Fotos von mir sehe ich überall Falten, die gestern noch nicht da waren und beim Blick in den Spiegel sehe ich die merkwürdigerweise auch nicht. Und auf einem der Hallig-Fotos sehe ich neben Holle und Catbook richtig groß und dick aus.

  2. naliestewieder sagt:

    Vor allem habe ich mich selber alterslos in Erinnerung! Bei mir wird ein neuer Pass und Personalausweis fällig. Das schiebe ich vor mich her, weil ich mich jetzt schon vor dem Vergleich der Passfotos alt-neu scheue.
    Ich hoffe, ich werde irgendwann lernen zu akzeptieren, dass zwischen meinen „taufrischen“ Erinnerungen und der Gegenwart eine Zeit liegt, die unwiederbringlich vorbei ist. Mit allen verpassten Chancen, vergangener Vitalität, gegangenen Menschen, auseinandergelebten Freundschaften. Erinnerungen sind nicht immer das „Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann“, auch die schönen können schmerzen.

    • Fjonka sagt:

      Ohja, wie recht Du hast, was den Abschnitt über Erinnerungen angeht!
      Was Fotos angeht: in dem Album war auch eines, auf dem ich drauf war, das ich nicht kannte. Und tatsächlich habe ich mich nicht erkannt! Erst als wir schon weitergeblättert hatten, plötzlich – hab ich nochmal zurückgeblättert, und: huch! das Mädel da, das war ja ich!
      Allerdings ist das etwas, was ich eher amüsant finde als schlimm. (Endlich mal was, womit ich KEIN Problem habe- wie schön!! *augenroll*) Allerdings gefällt mir nicht, daß in den letzten Monaten „echte“ Alterungerscheinungen einsetzen: Altersflecken auf den Händen zB und vor allem diese fiesen Halsfalten (senkrecht, wie bei Hühnern….)

  3. Bibo59 sagt:

    Neulich rief meine Freundin an, dass ein gemeinsamer Freund/Kollege einfach tot umgefallen ist. Den habe ich auch als immer anpackenden, lustigen, vitalen Kerl in Erinnerung.
    Mein uralter Schulfreund klagte gerade über einen Herzinfakrt.
    Sieht so aus, als käme ich auch langsam in DAS Alter, in dem Menschen meines Alter plötzlich nicht mehr da sind.
    Andere sind einfach so verschwunden. Das Leben hat uns auseinander getrieben. Die habe ich auch alterslos in Erinnerung. Manche tauchen urplötzlich (Internet sei Dank) wieder auf, mit denen ich überhaupt nicht mehr gerechnet hätte. Da ist es auch nicht so einfach, den älteren Herrn mit Glatze mit dem blond gelockten Jüngling in Übereinstimmung zu bringen.

    • Fjonka sagt:

      *lol* Stimmt, ich zB träumte diese Nacht von einer ehemaligen Mitschülerin – die sah, obwohl in meinem Alter, exakt aus wie mit 15 *gg* Die würde ich wohl auf der Straße auch nicht wiedererkennen.

  4. wattundmeer sagt:

    Ja, Erinnerungen altern nicht. Aber das ist vielleicht das Schöne an Erinnerungen. Die ewige Jugend gibt es nur in der Erinnerung.

    • Fjonka sagt:

      Ist wohl so; und übrigens gilt das sogar für Lebende! Ich muß feststellen, daß bei genauer Betrachtung die Kopf-Bilder alter Freunde auch nicht so recht mit dem jetzigen Erscheinungsbild übereinstimmen….

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