Nachhilfe!

Nachdem das mit der Flüchtlingshilfe dann doch nicht konkret wurde, habe ich „den Fall Ab “ nochmal beim Lotsentreffen vorgetragen. Und was soll ich sagen?

Am Dienstag sind Ab und ich unterwegs gewesen, um ihn seiner neuen Nachhilfelehrerin vorzustellen! Die wunderbare VHS-Leiterin des Kleinortes hatte sich am Tag nach dem Treffen gemeldet: es gebe da Jemanden in ihrem Bekanntenkreis, die vor einiger Zeit signalisiert habe, für „kleinere Hilfen“ offen zu sein, und da dieser Jemand Ex-Lehrerin ist, habe sie mal gefragt – und tadaaaaa…. seit Dienstag bekommt Ab einmal wöchentlich für zwei Stunden Nachhilfe. Ein Tropfen auf den heißen Stein, wie ich am Dienstag, der ersten Stunde zuschauend, nochmal deutlich merkte:

Mehl, Zucker, Eier (…) mischen und alles in einer Schüssel zu einem Teig verkneten. In einer Pfanne Butter erhitzen, etwas Teig hineingeben und ein bis zwei Minuten anbraten (….)

So gehts weiter, schon nicht leicht zu verstehen (erhitzen, verkneten – Worte, die man nicht allzu oft im Alltag benutzt…) – und dann die Aufgabe: Setzen Sie dieses Rezept in den Imperativ!

Alles klar? Nein? Okay, ein Beispielssatz wird noch gegeben: „Mischen Sie Mehl, Zucker, Eier (…) in einer Schüssel und verkneten sie alles zu einem Teig“ Denn man tau, Herr Araber, der noch vor einem Jahr kein Wort deutsch sprach…. Wie, Du verstehst die Aufgabe nicht!? …..

Naja – ich freue mich sehr, daß das nun losgeht mit der Nachhilfe. Ich denke, die beiden werden sich aneinander gewöhnen. Für die Lehrerin ist die Situation neuer als für Ab, denn sie hatte noch nie mit einem Flüchtling zu tun, und muß nun erstmal mitkriegen: was kann er, was nicht. Und wie viel versteht er, wie oft aber sagt er nur höflich „ja“ und meint „keine Ahnung“. Sowas. Aber nochmal zum „Tropfen“:  steter Tropfen höhlt den Stein, heißt es ja auch. Und „Übung macht den Meister“.
Heute habe ich von einer anderen Lotsin gehört, daß ihr Schützling sich durch alle Module gekämpft hat und bald seine Prüfung macht. Sie ist stolz auf ihn. Zu Recht!
Auch ich merkte zwischendurch wieder, wieviel Respekt ich vor Ab‘ Leistung und Mut habe: wenn er flüssig lange Worte niederschreibt – er, der „nur“ arabische Schrift kannte, als er hier ankam! Wenn er wieder eine neue Person freundlich lächelnd mit seinem „Hallo – ich bin Ab!“ begrüßt, obwohl in diesem Jahr schon viele gekommen und gegangen sind. Wenn er auf die Armbanduhr der Lehrerin guckt und nach kurzem überlegen sagt, es sei elf nach elf, was der Herr erst letzte Woche mit ihm geübt hatte. Und wenn er selbst auch stolz auf sich ist, weil er einfach schnell mal „gehen“ durchdekliniert:

„Diese Aufgabe einfach! Mache ich allein in mein Hause!“

 

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Sonst so.

10 Kommentare zu “Nachhilfe!

  1. Bibo59 sagt:

    Ich habe da neulich gelesen, wie man Kndern, dezent und ohne stundenlanges Hocken über den Aufgaben in Rechnen oder Lesen nachhelfen kann: Plätzchen backen. Das Kind muss das Rezept lesen, verstehen, abmessen, dann kann man sagen wir brauchen aber nicht nur für vier, sondern für acht Personen Plätzchen oder nur die Hälfte. Kannst Du die Menge ausrechnen? Kochen ist also lebensnah. Nur die Bezeichnung Imperativ nicht. Wir haben dazu noch Befehlsform gesagt.

  2. Eva sagt:

    Da muss ich Maria zustimmen. Das ist einfach sehr bemerkenswert, dass du dich so einsetzt. Darauf kannst du auch Stolz sein.
    Zu der Aufgabe. Wer kommt auf die Idee solche Aufgaben zu stellen? Da hat es doch viel nähere und alltäglichere Sätze. Ich müsste da auch sehr überlegen wie diese Sätze in den Imperativ zu transformieren sind. Vielleicht bin ich da zu kleinlich.

    • Fjonka sagt:

      ES geht da um das Thema „einkaufen und essen“, das ja prinzipiell durchaus wichtig und lebensnah ist. Und sicher kann es auch nützlich sein, Rezepte lesen zu können. Und Sätze in den Imperativ zu setzen. Das Problem ist: mE. zu schnell wird es zu schwierig, und: es gibt kaum Zeit, Dinge zu wiederholen und zu festigen, weil es so schnell geht!

      • Eva sagt:

        Rezepte zu verstehen ist wichtig, da muss ich dir zustimmen.
        Allerdings Imperativ kann man doch einfacher an Verbote, Regeln und Aufforderungen lernen – so war das bei uns in französisch. So schlecht fand ich das ganze nämlich nicht.

  3. Hallo Fjonka!

    Wow, Du bist immer noch dran, ich finde das einfach großartig, wie Du Dich für Deine Schützlinge einsetzt!

    lg
    Maria

    • Fjonka sagt:

      Ja, ich bin noch dran. Es wird allerdings zunehmend schwierig, zu wissen: wann ist Hilfe überhaupt nötig? Wir hatten es auch schon, daß wir dachten, wir seien gefordert- nur um dann festszustellen: nein, da waren sie allein schneller. Und effektiver! Da muß ich inzwischen auch gucken, daß ich nicht zu „umarmend“ werde/ bin!
      Diese Nachhilfesache habe ich zwar kurz mit Ab besprochen, aber dann einfach durchgezogen, nachdem er immer wieder gesagt (und in den Büchern gezeigt) hatte, daß er ganze Aufgaben nicht verstanden hatte. Ich hoffe sehr, daß er nun auch dranbleibt und hingeht – da muß ich mir wieder sagen: das ist nun ein PAL (das war in Deiner Medienpause, da hatte ich darüber mal geschrieben https://fjonka.wordpress.com/2016/09/30/schnickschnackschnuck/ )

      • Hallo Fjonka!

        *lach* Per Anhalter durch die Galaxis kenne ich auch… Danke für den Linktipp zu Deinem Beitrag. Werde ich gleich nachlesen.

        Ja, das ist so wie mit den Kindern. Irgendwann muss man loslassen und ihnen auch etwas zutrauen…

        lg
        Maria

        • Fjonka sagt:

          Ah! Kennst Du!
          🙂
          Kinder hab ich ja nicht, aber zumindest Ab gegenüber erstmals in meinem Leben ab und an mütterliche Gefühle *augenroll*
          Ich habe ja lange mit gesitigbehinderten Menschen gearbeitet, so bin ich immerhin in der Lage, das zu reflektieren. Ist auch nötig!! Allzu oft nimmt man ganz automatisch die sprachliche Einfachheit als Einfachheit im Denken wahr – und das ist ja nun wirklich ü-ber-haupt nicht dasselbe!

Platz für Klönschnack ...

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