Die Läden meiner Kindheit

lc3a4den-alltagskulturMeine Erinnerungen stammen aus einer Kindheit in den 70er und 80er-Jahren. Ich nehm Euch mal mit auf einen kleinen Dorfspaziergang!

Raus aus dem Haus, links, ein Stück weit geradeaus, dann rechts, die Straße runter und nochmal links – ganz schön weit, wenn man vielleicht sieben oder acht Jahre alt ist und eine laaaaange Liste im Kopf behalten muß, um auch keinen Einkauf zu vergessen. Und so lief ich also, ununterbrochen vor mich hin singend (ob laut oder nur in meinem Kopf, das weiß ich nicht mehr):

Ich möchte drei normale Brötchen und ein kleines Eifler

, denn das Ziel war unser kleiner Bäcker. Endlich angekommen, stand ich in einem Laden, der in meiner Erinnerung sehr warm beleuchtet ist und ansonsten aus einer Theke, den Brotregalen dahinter und ein wenig Platz für Kundschaft davor bestand. Dort bekam ich, was ich, von meinem Auftrag ganz durchdrungen, bestellte und machte mich dann, erleichtert, alles behalten zu haben, auf den Heimweg.

Erschreckend, daß ich nicht mehr weiß, wie der Bäcker hieß….

Dann gab es, in der Straße, die man zum Bäcker runterlief, den kleinen Schreibwarenladen – unvergessen, weil es wichtige Dinge dort zu finden gab: die Sammelbildertütchen fürs Mainzelmännchenalbum zum Beispiel. Oder den HABENMUSS „Blimpy“ – tatsächlich habe ich ein Bild im Netz gefunden *klick*, aber natürlich auch ganz normalen Kram wie neue Heftumschläge. Sehr geliebt habe ich übrigens diese kleinen Büchlein, in denen man durch übermalen der Seiten mit einem Buntstift ein Bild hervorzaubern konnte, kennt Ihr das noch? All sowas gab es beim Trommeschläger – der mir übrigens auch in bleibender Erinnerung geblieben ist, weil er in späteren, wilden(!) Teenie-Jahren meinen ersten und dadurch auch einzigen Tramp-Versuch meinen Eltern verpetzt hat – nachdem er mich zuerst immerhin mitgenommen hatte *g*. Damals war ich ziemlich empört; heute, als gestandene ältere Dame, die auch schonmal einen Jugendlichen verpetzt hat, der sich von einem Älteren bei mir anne Tanke Schnaps hatte kaufen lassen, sehe ich das ein wenig anders.

Und drittens möchte ich Euch noch eine Straße weiter mitnehmen – vom Bäcker ein Stückchen, dann links hoch, im Grunde wieder zurück Richtung zuhause – da gab es eine Drogerie! Pickepacke vollgestellt war der kleine Laden mit unglaublich viel Krams, der mich null interessierte – aber etwas sehr wichtiges gab es: hier konnte man nach dem Urlaub die Filme abgeben, um irgendwann Fotos zu bekommen. Sooooo schnell und einfach ging das allerdings nicht! Erster Schritt: Abgeben. Dann hat man etwa eine Woche gewartet, und dann wurde es spannend: Man ging zur Drogerie und bekam eine Tüte mit Negativstreifen. Orange-bis braungetönte Dinger. Mit der ging man dann ums Eck in die hinterste Ecke des Ladens. Dort stand so eine Maschine, auf die man die Streifen, von unten beleuchtet, legte. Vorsichtig, denn Fettfingerabdrücke hätte man später auf dem Foto gesehen… Man schaute dann durch eine Art Vergrößerungslinse – und sah sich die nun ein wenig größeren, aber immer noch winzigen und negativ-orangebraun gefärbten Bildchen an. Jetzt ging die Diskussion los: war Bild 13 nicht etwas verwackelt? Und konnte man erkennen, ob bei 21 der Kopf vom Vater oben abgeschnitten war? War das überhaupt der Vater? Oder doch eher der Zimmernachbar von der Pension, in der man abgestiegen war? Und das da auf Bild 7b, war das Eutin? Oder doch Celle? Und wenn, lohnte es, genau dieses Bild zu bestellen, oder war Bild 8, das auf dem winzigen orangen Negativ eigentlich ziemlich gleich aussah, vielleicht besser?

Die Nummern der Negative, die wir ausgesucht hatten, notierten wir in der kleinen Tabelle auf der Tüte, suchten noch aus, ob es einen weißen Rand drum herum geben sollte, und dann hieß es wieder warten. Nach einer weiteren Woche dann die Auflösung der spannenden Foto-Jagd: hatten wir die richtigen Fotos rausgesucht? Mensch, die 13 war DOCH verwackelt, Mist aber auch! Aber die anderen Bilder konnten nun zuhause ins Fotoalbum eingeklebt werden, mit den Fotoecken, die wir noch in der Drogerie gekauft hatten (und die sich, inzwischen wissen wir’s, nach gerade mal 35 Jahren schon fast alle abgelöst haben. Empörend!) Dann wurde noch über den Bildunterschriften gebrütet, und endlich – endlich konnte man stolz der Verwandt- und Bekanntschaft die Fotos vom letzten Urlaub präsentieren!

Bäcker und Drogeriemarkt sind übrigens inzwischen verschwunden. Aber den Schreibwarenladen – den gibt es noch!

Im Teestübchen Trithenius kann man wunderschöne Einkaufsläden-Geschichten lesen, klickt mal rüber. Mich hat’s zum mitmachen angestiftet. Und ich habe, beim lesen der Erinnerungen Anderer, den Geruch der Heißmangel ebenso gerochen wie ich das fürchterliche Gefühl wiedergefühlt habe, wenn die Zähne aus Versehen an die Leckmuschelschale stoßen….uaaaaah! Die Gänsehaut war wieder spürbar, und der Mund verzog sich unvermittelt, um das Gefühl an den Zähnen wegzusaugen…. dies nur, weil ich das Wort „Leckmuschel“ las! Lohnt sich also, dort mal in den unterschiedlichsten Läden zu stöbern

 

 

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21 Kommentare zu “Die Läden meiner Kindheit

  1. teff42 sagt:

    so viele Läden…
    WIr hatten Frau Schilken, die im Hausflur Getränke und Süßkram verkaufte und die Kneipe, wo es Eis und Duplos gab. 2x die Woche kam Wittelmeyer mit dem Verkaufswagen für Brot, Lebensmittel und sonstigem Allerlei, Auf Bestellung auch Torten. Der eigentliche Laden zum Wagen war im Nachbardorf, im anderen Nachbardorf gab es auch einen kleinen Lebensmittelladen, dort war ich aber nie drin. Diese Läden sind alle Geschichte und das zum Teil schon sehr lange (35-40 Jahre). einmal im Jahr kam ein Verkaufswagen mit Körben, Töpfen und anderen Haushaltsartikeln, dort kaufte ich mal eine kleine Vase, die es tatsächlich noch gibt und einen Krug, wo ich mal gucken muss, wo der geblieben ist, denn ich meine nicht den mal weggegeben zu haben.

    • Fjonka sagt:

      Bei uns gab es sogar noch einen Gemüseladen, einen Krämer, eine Apotheke, einen Metzger, einen weiteren Bäcker…. aber die haben nicht so bleibende Eindrücke hinterlassen *g*
      Apotheke und Metzger gibts noch, der Gemüseladen ist jetzt Kneipe (unter denselben Besitzern)

  2. dergl sagt:

    Sehr schön. Ich hatte auch so Übermalheftchen. Ich weiß das Wort nicht mehr, irgendwas mit Zauber hießen sie glaube ich im Kaufhaus, weil es so ähnlich wir mit den Zaubertafeln war. Ich glaube, ich hatte so ein Heft von Benjamin Blümchen (als ich Kind war kam die erste große Mechandise-Welle, plötzlich hatte meine halbe Klasse in der Schule diese Pullover an) und irgendwann später eins mit „Mein kleines Pony“, weil das etwas war womit Mädchen eben spielten. Mann, war ich sauer, dass es keins mit „A-Team“ und was ich alles lieber mochte gab…

    • Fjonka sagt:

      Dann bist Du eine Ecke jünger als ich 🙂 Aber auch für mich gab es schon massives merchandising: Sarah Kay ist ein Beispiel.

      • dergl sagt:

        Sarah Kay habe ich (Jahrgang 1980) auch noch dunkel in Erinnerung, das habe ich immer mit Emily Erdbeer verwechselt. Ich war nicht so für Puppen. Ich erinnere mich um 1988 mal in einer kleinen Drogerie so Haarkämmchen mit Sarah Kay bekommen zu haben, weil meine Eltern der Ansicht waren, man müsste mir plötzlich etwas in die Haare stecken.

        • Fjonka sagt:

          VIEL jünger *gg* ich bin 1965… da hast Du wirklich ’ne ganz andere Kaufhaus-Geschichte. Aber die Heftchen gabs also noch!? Vielleicht ja noch immer!?

          • dergl sagt:

            Wenn es die noch immer gibt, dann sicher nicht mehr in der Form, bei uns gab es die als kleine Blöcke, und bestimmt nicht mehr im x-beliebigen Handel. Heuzutage muss man ja alles bestellen…

  3. Karin sagt:

    Den Bäckerladen gibt es noch, nur der Bäcker ist ein anderer.
    Der Bäcker Deiner Kindheit hieß Klein und backte einen wunderbaren
    Königskuchen, eine Art Rodonkuchen mit viel Rosinen u,ä.

    • Fjonka sagt:

      Klein!? Da klingelt nix, komisch! Und der Kuchen ist mir auch unbekannt, aber konkrete Gebäck-Erinnerungen hab ich auch erst seit dem Bäcker Oehmigen

  4. naliestewieder sagt:

    Ach ist das schön. Da könnte ich auch einiges aus dem sozialistischen Dorfalltag beisteuern. Ich habe mit großem Interesse den Beitrag über den Konsum gelesen. Sonnabendvormittag im HO (Handelsorganisation) Sahne (viertel Liter in der Glasflasche) für den Nachmittagskaffee kaufen. Das war ein Härtetest für so ein kleines Mädchen. a) nicht abgedrängelt werden, denn es war voll b) verständlich machen, dass die Sahne vorbestellt war, sonst gabs die nicht. „Roosiie hat Renaate bei Diier Saahne bestellt???“ „Muss doch im Buch stehen!“ „Ich find nix“ „Meine Mutter hat aber gesagt, sie hat angerufen.“ „Roosiee, hat Renaate bei Dieer angerufen?“ „Gib ihr halt eine Flasche von mir, die steht hinten.“ Schnauf, das kleine Mädchen war erleichtert, weil sonst hätte die Mutter zu Hause nochmal im HO angerufen und das ganze Spiel wäre von vorne losgegangen. Bäcker hatten wir auch, da gabs Freitag Nachmittag immer Pfandkuchen (Krapfen). Der bäckt heute mit über 80 seine legendären Brötchen noch manchmal im neu errichteten Dorfbackofen. Ich habe immer ein Loch in das warme Brot gefressen beim Heimtragen.

  5. Lakritze sagt:

    Ach, ist das schön. Ich habe das genauso gemacht: Liste immer wieder aufgesagt, dann ging’s (meistens). Aber wehe, ich mußte zwischendurch mit jemandem reden …

  6. Danke für deinen „Dorfspaziergang“ Sehr gefällt mir der gesungene Einkauszettel: „Ich möchte drei normale Brötchen und ein kleines Eifler.“ Vor allem aber hat mich deine genaue Beschreibung aus der Drogerie faszinert, weil diese Form der Fotobestellung mit dem Schwinden der Analogfotografie ja aus der Welt ist.
    Beste Grüße!

  7. […] e.K. Feldlilie – Zigaretten und Kopfrechnen Feldlilie – Noch ein Laden Fjonka – Die Läden meiner Kindheit – Ein Dorfspaziergang Heinrich – Buttermilch aus der Blechkanne Mitzi Irsaj – Frau Grüners Knie und ein […]

  8. Bibo59 sagt:

    Den Bäcker meiner Kindheit gibt es zum Glück noch. Lauten heißt der, und backt immer noch die besten Brötchen der Welt.… Wird zu viel, ich glaube ich schreibe mal bei mir weiter.

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