(Ich bekam einen) Denkanstoß

(…)Auch in anderen Artikeln wurde erwähnt, dass der Anteil der Leute mit rechten oder migrantenfeindlichen Einstellungen in den neuen Bundesländern höher ist, aber hier wurde eindeutig differenzierter berichtet.
Dabei könnte man deren Lebenserfahrungen auch nutzen, um vielleicht den Flüchtlingen, die jetzt hier ankommen, besser helfen zu können, finde ich. Die ehemaligen DDR-Bürger wissen nämlich genau, wie das ist, wenn man in ein völlig fremdes Gesellschaftssystem kommt und auf einmal alles, bis in den Alltag hinein, anders ist und die bisher gemachten Erfahrungen überhaupt nichts mehr nützen. Sie kennen das Gefühl, den einst in unerreichbarer Ferne liegenden „Goldenen Westen“ zu erreichen und nun zu sehen, dass der gar nicht so golden ist. Sie wissen, wie es ist, in einem Land zu stehen und nicht zu wissen, wie es weiter geht, was nun kommt, keine Arbeit und kein Geld zu haben und sich aus dieser Situation mit Zukunftsangst und dem Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein, nicht aus eigener Kraft befreien zu können. Und sie wissen, was aus solchen Gefühlen entstehen kann! Sie haben gelernt, mehr oder weniger gut mit der Frustration und Enttäuschung klar zu kommen und sich von 0 etwas aufzubauen. Ich finde, man sollte diese Erfahrungen nutzen, aber damit man das kann, darf man nicht weiterhin einfach über die Ängste und Sorgen der Menschen hier hinwegschauen, sondern muss ihnen auf einer Höhe begegnen, ihnen wirklich zuhören und sie so mit ins Boot holen.

(aus einem Journal-entry für ein BookCrossing-Buch)

(Jetzt folgen spontan geschriebene Überlegungen nach dem lesen dieses Journal-entrys)

Schwupps, kamen bei mir Fragen über Fragen hoch:
Warum ist denn dann die Fremdenfeindlichkeit im Osten so markant stärker als im Westen? Und warum gibt es so wenig Empathie Leuten gegenüber, denen es doch ähnlich geht, und die man vielleicht gerade aufgrund ähnlicher Erfahrungen gut unterstützen könnte (den Flüchtlingen)?
Ich habe mich das schon oft gefragt, und ich komme zu keiner Antwort.

  • Ist es wirklich die andere Kultur, das andere Aussehen (also das „keine Deutschen“-Thema)?
  • Oder ist es Angst davor, etwas weggenommen zu kriegen?
  • Neid? (Es gehen ja immer wieder so Gerüchte um, daß „die alles kriegen und wir nichts“ und so, aber das wäre ja hier im Westen dasselbe, eigentlich)

Ich versteh’s einfach nicht 😦
Dann taucht beim schreiben grad noch eine andere Frage bei mir auf: ich bin noch nie auf die Idee gekommen, daß es ja wirklich schlau sein könnte, die „Ossi- Erfahrungen“ zu nutzen, um als Gesellschaft nicht dieselben Fehler immer wieder zu machen. Ich als Ur-Wessi habe diese Erfahrungen aus dem Zitat damals überhaupt nicht wahrgenommen – und ehrlich gesagt bis jetzt nicht – , sondern war von all den enthusiasmierten Menschen beider Seiten völlig genervt: ich konnte den Enthusiasmus nicht teilen und habe eigentlich überhaupt nicht eingesehen, warum ich froh sein soll, daß ein fremdes Land plötzlich zu Deutschland gehören soll (ich bin aufgewachsen damit, daß die DDR ein anderes Land ist wie Spanien, Italien oder die Schweiz, nichts anderes) Ja, und dann sollte ich nicht nur über Jahre Geld geben (Solidaritätszuschlag), sondern mich auch noch fortwährend  freuen *g* Irgendwie ging es den Leuten aus der DDR nicht schlecht genug, um mein Mitgefühl zu bekommen – und dann forderten sie auch noch. Will sagen, ich bin eigentlich genau so Eine, die wahrscheinlich als der überhebliche Arrogant-Klischee-Wessi wahrgenommen wurde, tatsächlich aber auch den selbstmitleidigen, aber dreisten Klischee-Ossi vor sich sah….. ohje!

Ich hoffe, jetzt nicht selbst die Antwort gegeben zu haben auf meine Fragen – daß dieses gegenseitige totale Unverständnis dazu geführt hat, daß sich „eine Dynamik des geschlagenen Kindes“ entwickelt hat – das mißhandelte (Ossi-)Kind, benimmt sich jetzt, erwachsen geworden, den neuen (Flüchtlings-)Kindern gegenüber genauso, wie man es einmal behandelt hat 😦 – und das meine ich jetzt wirklich überhaupt nicht ironisch, ich überlege im schreiben, sozusagen.

Puh.

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6 Kommentare zu “(Ich bekam einen) Denkanstoß

  1. Eva sagt:

    Liebe Fjonka, die Fragen, die du dir gestellt hast, habe ich mir auch oft gestellt. Warum ist der Fremdenhass so gross? Warum geht man keine Diskussion ein? Heute habe ich erst einen guten Artikel über eine Verhandlung in Zwickau gelesen. In dieser geht es um Belästigung und Verleumdung der Bürgermeisterin. (https://krautreporter.de/2017-ich-bin-doch-kein-reichsburger-ich-bin-kommunist-ich-war-schon-damals-gegen-das-system) Da habe ich mich auch gefragt, warum schaut die Polizei bei offensichtlicher Belästigung zu? Warum kann es so weit kommen, dass sich die Reichsbürger und Rechtsextremen auf der sicheren Seite fühlen? DAS verstehe ich nicht.
    Viele Menschen sind im Osten, in der ehemaligen DDR, geblieben. Und da muss ich auch Bibo zustimmen, viele Menschen haben sich damit abgefunden und sind gut im Organisieren von fehlenden Dingen. Das kommt allerdings durch die Verknappung in der DDR. Man hilft sich einfach unter den Bürgern, wenn der Staat nicht eingreift.

    Ich glaube allerdings, dass das Problem nicht nur in der ehemaligen DDR zu suchen ist. Es ist die komplette Trennung mit zwei unterschiedlichen Geschichten, die einfach heute nicht mehr zusammenpassen. Man versucht mit den DDR-Leuten genauso umzugehen, wie mit den West-Deutschen. Allerdings hat West-Deutschland auch einige Schwierigkeiten in der Anerkennung und der Aufarbeitung der Geschichte im Osten gehabt. In Leipzig lernte ich sehr nette Menschen kennen, die ihre Ausbildung in der DDR machten und nach der Wende richtige Probleme mit der Anerkennung hatten. Mein Freund musste sich einbürgern lassen, weil er in der DDR geboren wurde.
    Nach der Wende musste man sich dem Westen annähern um ein Staat zu werden. Ein gemeinsames Deutschland. Alles was in der DDR gut funktionierte wurde verändert, wie Kindergarten, Schulsystem und ähnliches. Eine Annäherung wäre gut gewesen, aber eine komplette Assimilierung eben schlecht.

    Vielleicht ist es auch ein Problem, dass man im Geschichtsunterricht sich sehr stark auf den 2. Weltkrieg fokussiert. Von der Wende und der DDR habe ich in der Schule nichts mitbekommen. Erst durch Reisen nach Berlin, Leipzig und zur Familie meines Freundes.
    Warum wird hier nichts getan? Vielleicht könnte hier eine Bildung des anderen Systems sehr hilfreich sein um im Westen nicht dauernd Vorurteile von den Ostdeutschen zu schüren?

    Bibo und ich haben jetzt einige Gründe gesucht. Warum der Fremdenhass so gross ist, ist damit immer noch nicht geklärt. Vielleicht sollten Anthropologen und Soziologen eher mal das untersuchen. Wäre interessant zu lesen.

    Deshalb muss ich dich mal so im Regen stehen lassen und wünsche dir einen schönen Tag. eva

    • Fjonka sagt:

      Ich will mal nur auf einen Aspekt Deines Kommentars antworten – die Frage: warum können die Rechten sich so sicher fühlen?
      Beim Link kann man leider den Artikel nur anlesen, aber leider kennt man es schon: (nicht nur) die Rechten machen sich lustig über den Rechtsstaat, den sie abschaffen möchten, von dem sie aber gern profitieren – und den sie auch gern ausnutzen. Leider sind das nicht mehr nur alles Dumpfbacken (ebenso wie die Dauertäter unte den Jugendlichen oder die Salafisten oder….), sondern sie kennen sehr gut ihre Rechte. Der anscheinend schwache Staat hat dem nichts entgegenzusetzen, denn es gelten ja dieselben Rechte für Alle, auch für Die, denen man furchtbar gern mal zeigen würde: „So gehts nicht!“.
      Meine Gedanken dazu sind, daß es dringendst nötig wäre, in der Justiz wesentlich mehr Stellen zu schaffen. Denn oft hapert es an der Dauer der Verfahren, aber auch der Warterei auf diese – wie schön wäre es, wenn SCHNELL reagiert werden könnte. Ich denke eigentlich, unsere Gesetze sind gut. Aber wenn die Polizei keine Kapazitäten hat, die Justiz nicht – und dann noch (ja, ich meine, daß das so ist, immer noch, leider) eine gewisse Blindheit auf dem rechten Auge in manchen Bundesländern dazukommt- dann ist das fatal, weil sich Diejenigen, die unseren Staat eh nicht akzeptieren (offen oder leise) ins Fäustchen lachen.

      • Eva sagt:

        Da hast du ganz recht. Das würde ich mir auch mehr wünschen, dass die Justiz und die Polizei mehr Stellen bekommen. Offenheit auf allen Seiten wäre auch nicht schlecht.
        Du hast ganz recht.
        Das nächste Mal werde ich nur einen Aspekt beschreiben, mir fallen die aber alle irgendwie beim Schreiben ein. 🙂

        • Fjonka sagt:

          Schreib ruhig! 🙂 Ich habe bloß das eine rausgegriffen, weil ich dazu meinte, etwas zu sagen zu haben.
          Aber zu einem anderen Aspekt noch kurz: tatsächlich ist die DDR ja fast schon „übernommen“ worden, finde ich, und das ist wirklich schade! In unserer auf Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft fixierten Gesellschaft aber auch nicht weiter verwunderlich. Der, der das Geld hat, regiert halt die Welt. Leider und immer wieder.

  2. Bibo59 sagt:

    Hm! Mir ging es teilweise ähnlich. Ich hatte ja auch keine Verwandten im Osten und daher nicht wirklich einen Bezug dazu. Aber eben auch einen politisch veranlagten, geschichtsinteressierten, bücherverschlingenden Vater. Und so wusste ich auch ganz genau, wie das war mit der Mauer, dem Todesstreifen, dass die Leute ihre Meinung nicht frei äußern durften. Und so habe ich mich auch mit den Leuten gefreut, als die Mauer endlich offen war. Aber für mich hätte das auch gern ein anderes Land bleiben können, wie Österreich. Wäre vielleicht besser gewesen. Ein Bisschen Aufbauhilfe, durch Spenden finanziert und gut.
    Mir war klar, dass der Aufbau-Ost sehr teuer werden würde, zu Lasten des Westens. War es auch. Alles Geld ist gen Osten geflossen, dafür sind jetzt in Köln alle Brücken marode.
    Den ersten echten Kontakt zu Ossis hatte ich in Schweden auf einem Floß, auf dem sich zufällig je zur Hälfte Leute aus Magdeburg, Wittenberge und Köln befanden. Wir haben uns gut verstanden. Damals war tatsächlich die Sprache noch ein bisschen unterschiedlich.
    Hamburg lag schon näher am Osten und in Schwerin habe ich auch eine Zeit lang gelebt und gearbeitet. Ich hatte dort sehr nette Kollegen, mit einem mindestens war ich über mehrere Jahre eng befreundet, mit dem ich auch viel gereist bin. Da kamen Fragen wie: „Wozu braucht man so viele Käsesorten?“ oder „Ich hätte mir nie vorstellen können, überhaupt mal herzukommen.“ Teilweise in Verbindung mit einer völligen Naivität gegenüber fremden Kulturen (Marokko :-))
    Und dieser Matthias aus Dresden lieferte mir auch die Erklärung hinterher: Ihre Welt hörte quasi an der Grenze auf. Die Länder des Ostblocks konnten sie problemlos bereisen, aus Westdeutschland erfuhren sie noch ein wenig über eigene oder Westdeutsche Medien, aber über fremde Kulturen so gut wie nichts. Das sollte fast dreißig Jahre später keine Rolle mehr spielen, tut es aber.
    Natürlich haben wir über unsere verschiedenen Herkunftsländer und Systeme geredet.
    Nun darf man aber nicht vergessen, dass die Leute, mit denen ich täglich Umgang hatte, der fitte, offene Teil war: Journalisten, Cutter, Kameraleute, die neugierig waren auf den Rest der Welt, und froh, aus ihrem System raus zu kommen. Und damals, in dieser Umgebung habe ich geglaubt, das klappt ganz schnell mit der Angleichung.
    Es gab aber eben auch andere. Die sich bequem in ihrem System eingerichtet hatten und deren Welt jetzt in Trümmern lag. Bei einer Radreise zum Beispiel der Gastgeber meinte: „Und bleibt ja nichts anderes übrig als Zimmer zu vermieten. Die Arbeit ist ja weg.“ Hinterm Haus hatte er sich zwei große Gewächshäuser aus „Bruchglas“ gebaut. Alles vom LKW gefallen. Das hat mir Matthias auch später bestätigt: Im Osten war man ganz gut darin, Dinge, die es nicht gab, irgendwie zu organisieren. Wenn eine Fuhre Sand für einen Bau kam, hat sich jeder genommen, was er brauchte und für den Bau kam am nächsten Tag eine neue Fuhre Sand – oder auch nicht.
    Und gerade dieser bequeme Teil der Bevölkerung und die Ex-Funktionäre, die sich im damaligen System gut eingerichtet hatten, ist dort geblieben, (war fruchtbar, hat sich gemehrt) und den Anspruch: Der Staat hat für mich zu sorgen, an den Nachwuchs weiter gereicht.
    Was von der Ex-DDR geblieben ist, ist ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber „Staatlicher Bildung“ und „Staatlicher Bevormundung“, das sich aber verselbständigt hat. Lieber ungebildet, als vom Staat gebildet. Das ist das Dilemma: Einerseits ein grundsätzliches Misstrauen gegen über dem Staat, andererseits ein staatliches Rundum-Care-Paket erwarten und dann kommen auch noch Ausländer, die es dort nie gab. Weil sie eben jetzt doch Meinungsfreiheit haben, blökt jeder seine „Meinung“ frei heraus, die aber einfach nur aus Rassismus und Vorurteilen besteht, ungeachtet der Tatsache, dass sie für so ein Verhalten in ihrem Ex-Staat bös abgestraft worden wären.

    • Fjonka sagt:

      Keine Ahnung, ob Deine Meinung zu den Gründen richtig ist – auf alle Fälle aber finde ich spannend, was Du dazu schreibst, wie Du die erste Zeit nach der Wende erlebt hast.

Platz für Klönschnack ...

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