Nochmal die Sache mit der selektiven Wahrnehmung

Seit ich in diesem Frühjahr plötzlich überall über Insekten stolpere, die ich nie zuvor wahrgenommen hatte – und seit ich, kaum schaue ich nach ihnen, plötzlich auch Dinge sehe wie „da fliegt was rotes – oh, es krabbelt unter ein Scharbockskraut. Wo ist es denn? (hebt Blättchen hoch und sieht ein Loch im Boden) -oh, wieder eine Niströhre“ oder „schon wieder was rotes. Oh, es setzt sich. Nein, das ist anders, das hat überall rotbraune Haare, und größer ist es auch. Mal sehen….. WEG, schade!“ oder „ohneee, wer schwimmt denn da in meinem Kaffee? Oh! Ist ja gar keine Fliege! WINZIG, aber …. also, ich glaube, auch das ist ein Bienchen“ usw – seitdem hab ich mal so überlegt, wie stark sich meine Wahrnehmung des immer selben Gartens in den 24 Jahren, die ich in ihm inzwischen fast schon verbringe, verändert hat.

Als ich hier einzog, war der Garten ein wesentlicher Faktor gewesen, überhaupt dieses Haus zu kaufen. Er war (relativ) groß und vor allem war er mit seinen großen Bäumen, den Wegen und Winkeln sehr eingewachsen und gemütlich.

Viele Jahre lang habe ich mich hauptsächlich damit befaßt, ihn gierschfrei zu halten, neue Staudenbeete zu „erschließen“, mir wind- und schattengeschützte (mit anderen Worten warme, sonnige) Plätze einzurichten und zu erhalten. Das alles (selbstverständlich) ohne Spritzmittel und mit viel „Unkraut“- und „Unordnungs“- toleranz. Selbst der Giersch durfte weite Flächen behalten, bloß in meinen Beeten wollte ich ihn halt nicht auch noch haben. Und ich mochte es schon immer, wenn Pflanzen mit- und ineinander wachsen, nicht jede in einem braunen, freien Erdbereich alleine steht. Oder wenn die Beetpflanzen in die Wege hineinwachsen bzw man sich die Wege praktisch durch die Pflanzen mäht.

Schön, wenn alles von allein wächst

In den ersten Jahren war ich damit beschäftigt, abzuwarten, was wo wächst und wie wirkt, den Vorgarten-Staudenbereich durchzuwühlen, um ihn vom Giersch zu befreien (gegen alle Unkenrufe ist das nachhaltig gelungen, worauf ich immer noch ein bißchen stolz bin, zumal es ein halbes Jahr Arbeit an meinem von links nach rechts durch den Staudengarten wandernden „Gierschgraben“ bedeutet hat. Wobei ich jede einzelne Staude von Erde und Rest-Wurzeln (des Giersch) befreit habe, bevor sie zurück in den Boden durfte.)

Dann kamen entspannte Jahre mit einem Garten, der im Prinzip einfach genau richtig war. Meine Arbeit: dafür zu sorgen, daß es so bleibt. Im Grunde ist es noch immer so, bloß daß ich in diesen Jahren keinen groß sich ändernden Blickwinkel auf den Garten hatte.

Jetzt ein Sonnennickerchen….

Das änderte sich mit den Bienen. Und mit denen änderte sich dann auch der Garten:
plötzlich durften sich Blumen, die die Bienen mochten, fast ungehindert ausbreiten, wo ich vorher zugunsten der Vielfalt eingegriffen hatte.
Plötzlich schienen mir die vielen riesigen Buchen ums Grundstück nicht mehr ganz so toll wie zuvor:
Ich bin im Schatten? Ich kann weg.
Die Bienen sind im Schatten? Sie entwickeln sich schlechter…..
plötzlich hatte die Forsythienblüte einen unangenehmen Beigeschmack: so viele Blüten, und kein Fitzelchen Nektar oder Pollen!!!
Und nach dem Umsturz der schönen Mirabelle suchte ich die Ersatzpflanzen, unser „Gebüsch“, danach aus, daß es nektar- und pollenreiche Blüten gibt, wenn ringsum wenig zu holen ist. Insgesamt war mir der „Pflanzen-Teil“ des Gartens in dieser Zeit weniger wichtig geworden, zeitweise habe ich ihn mehr als Nektar- und Pollenlieferanten für Biens gesehen. Aber weil mein Blick immer öfter weniger auf den Blumen ruhte als auf den Bienen habe ich auch viel mehr andere Tiere gesehen – bzw beachtet.

Das ging ein paar Jahre so, dann hatte sich mit diesem neuen Fokus eine andere Wahrnehmung des Gartens eingeschlichen: die Wahrnehmung des Gartens nämlich als einem Stückchen Ausgleich für das, was es „da draußen“ immer weniger gibt: Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Nahrung für unterschiedlichstes Gekreuch und Gefleuch – ein Refugium nicht nur für mich/ uns und die von uns betreuten Tiere, sondern für Alle, die sich hier einfinden möchten (Ausnahmen bestätigen die Regel: Quecke, Saatkrähen und Bremsen: not welcome *gg*) Dadurch kam es zB zum ganzjährigen Vogelfüttern – was dann wieder offenbar zu einer Zunahme der Arten (zumindest der für mich sichtbaren Arten) geführt hat – ein sich selbst ständig verstärkender Prozeß, denn solche Erfolgserlebnisse führen natürlich dazu, daß frau Lust hat, zu überlegen, was denn noch so zu tun sein könnte, um weitere Tierarten anzulocken….

Da war dann die Entdeckung des „Naturgarten e.V.“ nur noch eine logische Folge, die das ganze aber noch erheblich verstärkt und beschleunigt hat.
Die quartalsmäßig erscheinende Zeitschrift hat dazu geführt, daß ich momentan viel auf den Boden schaue, nicht um meine Blumen zu betrachten (doch, schon, auch, aber eben nicht mehr nur), sondern um nach Insekten zu schauen. Und daß ich nochmal eine ganze Menge mehr von inneren Zusammenhängen verstanden habe. Was wiederum Konsequenzen hat….. zB wusste ich bis zum letzten Jahr noch nicht, daß die allermeisten Wildbienen im Boden nisten und dazu unterschiedliche Bereiche brauchen.  Was mich dazu bringt, an manchen Stellen doch wieder mehr einzugreifen.
Oder daß die hier heimischen Pflanzenarten überlebensnotwendig für spezialisierte Schmetterlinge sein können, was bedeutet, daß es keinen solchen Schmetterling mehr geben KANN, wenn es genau die nötige Futterpflanze nirgends mehr gibt.
Weswegen ich überlege, welche neuen Pflanzen ich an freigewordenen Stellen ansiedeln könnte, statt, wie vorher, diese Stellen mit Ablegern schon vorhandener Sorten, die ich mag, aufzufüllen. Beispiel: meine beiden neuen Beete mit den heimischen Saaten.

Seit ich meine Tier- und Pflanzenliste führe, hat sich auch noch ein bißchen Ehrgeiz eingeschlichen *g* Jetzt möchte ich noch stärker alles, was zu sehen ist, beim Namen nennen können! Ich bin weit davon entfernt, auch nur annähernd dieses Ziel zu erreichen. Die Möglichkeiten sind natürlich schier unendlich! Wenn ich allein dran denke, wie viele Büsche im Garten ich nicht namentlich kenne! Und Insekten! Moose! Vögel! Wasserpflanzen! Unkräuter! *g*
Es macht einen Heidenspaß, und bei den Tieren bin ich immerhin schon – Stand heute – bei 107 angelangt, bei den Pflanzen bei 167.

Na? Wie viele Pflanzensorten? Ich komme auf 8 🙂

Ich bin ziemlich gespannt, wohin mich mein Garten noch führen wird…. sicher gibt es noch viel mehr Blickwinkel, Möglichkeiten und zu entdeckendes. Immer gleich geblieben ist allerdings, daß ich beim zupfen, gucken, graben, hören und wieder zupfen Zeit und Raum zeitweise vergessen kann – etwas, das gar nicht zu überschätzen ist und das ich Jedem/r hier gönne, egal bei welcher Beschäftigung.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Garten.

16 Kommentare zu “Nochmal die Sache mit der selektiven Wahrnehmung

  1. RalfH sagt:

    Deine Gartenflora- und -faunaberichte lesen sich immer so schön entspannend, die gefallen mir richtig gut!
    Das Pflanzennamensproblem lässt sich doch ganz einfach lösen: Gib ihnen welche. Fiete, Hein, Dörte oder Swantje wären doch schön für Deine grünen Gartenbewohner… 😉

    • Fjonka sagt:

      Also, das freut mich jetzt sehr, denn 1. finde ich Garten auch so schön eb´ntspannend und 2. dementsprechend das schreiben drüber und 3. hatte ich aber tatsächlich überlegt, ob ich Euch nicht derzeit zu viel „Garten“ zumute 🙂
      Aber das mit den Namen – auch wenn sie sich schön norddeutsch anhören: sie HABEN doch schon welche, und was für schöne zum Teil, die will ich kennen!!!
      Aber einmal haben wir ja schon ein Unikat entdeckt und ich konnte es benamsen, das war der zweigstielige Herrling, hier 😉
      https://fjonka.wordpress.com/2014/09/14/was-ganz-was-besonderes/

  2. ladypark sagt:

    Einene riesigen Schwimmteich hat sich mein Bruder anlegen lassen. Ein richtig teures Projekt. Ich hätte auch gern so einen Teich, von mir aus auch kleiner, aber da fehlen mir Geld, Energie und Zeit. Vielleicht in 15 Jahren mal…

    • Fjonka sagt:

      Sind ja sehr in, so Schwimmteiche – allerdings finde ich sie gerade hier, wo Ostsee und Schlei jederzeit greifbar sind, doch recht überflüssig. Schön aber auf jeden Fall, und wenn gut angelegt, auch ein Tier- und Pflanzenparadies! 🙂

  3. Bibo59 sagt:

    Letzten Endes scheint es doch gut zu sein, dass der Teich jetzt mehr Sonne hat.
    Mein Blick auf den Garten ändert sich auch ständig, weil der Garten sich ständig ändert. Ich kenne ihn ja schon seit 58 Jahren. Erst als Kartoffelacker (wo jetzt die Wiese ist) und Gemüsegarten (die ganze linke Seite) als Obstbaumplantage (überall) mit der riesigen Kastanie im Hof, dann als glatt gebügelten Ziergarten mit der Thuja-Hecke als Abschottung zum Nachbarn, Pergola und Rosenbeet und Rasen, wo keiner wächst, dann etwas heruntergekommen mit etwas Nachhilfe tierfreundlich ausgestattet.Da arbeite ich noch dran. Manchmal ist es besser, einfach nix zu machen. Gestern saß ich an der Wiese und dachte: Wie wird die wohl dieses Jahr wieder aussehen? Die ist nämlich sehr dynamisch. von Margaritenwiese bis hüfthohe Gräsersteppe war schon alles dabei. Die Margariten scheinen es nicht zu mögen, dass ich so selten mähe.:-( In dem nassen Sommer mit Spätfrost sind meine Kräuter (außer Schnittlauch) im Kräuterbeet eingegangen, dafür macht sich der zufällig dort ausgesähte Majoran in der Wiese breit. Jetzt liegt das Kräuterbeet brach und ich weiß noch nicht so genau, was draus werden soll. Mir fehlen ein paar Sommerstauden und schatten liebende Stauden. Ist das Zierlauch neben dem Goldmohn?
    Ich wüsste so einiges, was ich anders machen könnte, z.B. die depperte Thuja weghauen und durch eine Vogelschutz Hecke ersetzen, ein Schwimmteich an Stelle der Wiese wäre auch nicht schlecht. Aber das wären alles Maßnahmen, die viel zu teuer wären.

  4. PurpurBête sagt:

    Es würde mir und meinen schlechten Augen helfen, wenn du deine Bilder vor dem Hochladen nicht so extrem beschnittest. Dann könnte ich beim Klick auf das Bild mehr sehen als in der Voransicht im Text. Wenn die Mediendatei genauso groß ist wie die Vorschau im Text, dann muss sie auch nicht klickbar sein.

    • Fjonka sagt:

      Das werde ich beibehalten (müssen), weil die Bilder extrem viel Speicherplatz bei WP einnehmen und ich nicht so viel habe. Aber ich finde sie eigentlich ziemlich groß!? Vielleicht ist das bildschirmabhängig!? Ich kenn mich damit ja nicht gut aus, habe mich aber insgesamt schon öfter mal gewundert, wie anders an anderem Computer dieselbe Seite aussieht.

    • Bibo59 sagt:

      Zeit für ne Brille?

    • ladypark sagt:

      Versuch’s mal mit strg und +

Platz für Klönschnack ...

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