Brrrrrrrrr – exit

(Diese Kolumne hat Tonio Keller geschrieben und es mir netterweise erlaubt, sie hier zu veröffentlichen. Ich fand sie so witzig und treffend, daß ich ihn darum gebeten hatte. Danke, Tonio!)

Jeder sich selbst

Der italienische Schriftsteller Leonardo Sciascia hat einmal beschrieben, wie er als Lehrer im Sizilien der 1950er Jahre in einer verwilderten Schulklasse das Amt des Klassensprechers einführen wollte, um sie zur Demokratie zu erziehen. Beim ersten Wahldurchgang stellte er fest, dass jeder sich selbst gewählt hatte. Das blieb noch ein paar Mal so, bis den Schülern allmählich dämmerte, dass es so wohl nicht geht.

Ähnliches können wir derzeit im britischen Parlament beobachten, der ältesten noch bestehenden Demokratie der Welt. Da werden gerade immer wieder aufs Neue verschiedene Vorschläge zum Brexit zur Abstimmung gebracht. Auch hierbei sollte es rein rechnerisch klar sein, dass schon bei mehr als zwei Anträgen mit genügend großer Unterstützung nie einer von diesen die Mehrheit bekommt, wenn jeder immer alle außer dem eigenen ablehnt – erst recht bei acht oder zwölf Anträgen, wie sie in London derzeit vorgelegt werden.

Wie ging übrigens die sizilianische Geschichte aus? Nach zähem Ringen gelang es einem, durch Versprechungen und Drohungen genügend Anhänger um sich zu scharen. Kaum gewählt, sah er es als seine Hauptaufgabe an, die anderen zu drangsalieren. Dies nur der Vollständigkeit halber, mit den Briten hat das natürlich nichts zu tun.

 

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Wenn Einer Äpfel und Birnen hat, sei sicher, daß er sich nach Quitten sehnt

Aus Armenien.

Isso. Oft genug jedenfalls.

Mir fallen da grad meine Haare ein, nur so als Beispiel, weil ich just beim Friseur war: Ich habe viele davon – so viele, daß es bei jedem Friseurbesuch irgendwann heißt „Sie haben aber auch wirklich viele Haare!!“ Sie sind so „straßenköterblond“, daß die grauen/ weißen erst langsam aufzufallen beginnen, obwohl ich schon 53 bin. Und sie haben genug Wirbel, daß sie nie platt rumliegen, sondern sich auch ohne fönen so hinlegen, daß es meistens ganz okay aussieht.

Äpfel und Birnen zu Genüge!

2017: „lang“ Viel länger wirds nicht.

Aber ach – sie wachsen nie so lang, daß man eine wirklich hübsche Hochsteckfrisur hinkriegen kann, vorher splissen sie kaputt. Aber sie sind auch zu viele, daß eine kurze Frisur so schön fransig aussieht wie bei anderen Frauen- bei mir sieht’s immer sehr brav stufig aus. Und, das schlimmste: keine Locken! Nirgends!

Quitten, Zwetschgen und Bananen!!! *gg*

Okay. Das ist wahrlich ein Beispiel mit wenig Leidenspotential 😉  aber so ist es immer wieder in allen möglichen Bereichen. Kennt Ihr sicher auch, oder?

Mein Aprilvorsatz: Äpfel und Birnen genießen!
Im April bedeutet das wahrscheinlich vor allem: Sich nicht nach warmen Sommertagen sehnen, sondern sich über die frühlingshaften freuen, darüber, was alles schon blüht und daß es schon (hoffentlich) Tage gibt, an denen draußen zu sein Spaß macht!
Sich darauf konzentrieren, wie lang so ein Vormittag vor der Arbeit ist und was frau da alles machen kann, wenn sie um sieben schon hoch ist (heute prompt um acht, der Zeitumstellung sei Dank….) statt sich nach den Zeiten zu sehnen, zu denen ich um halb zehn erholt gemütlich aufstand (und mir wünschte, ich wäre früher wach und hätte mehr vom Tag, logo *g*. Jetzt bin ich’s, aber eben nicht erholt….)
Die klare Luft an sonnigen Tagen zu genießen, statt sich an einen wärmeren Ort zu wünschen.

Wenn das gelingt, dann gibt es demnächst ein „Motto des Monats“.
Und vielleicht macht ja die und der ein oder andere mit und läßt auch Quitten Quitten sein 🙂

 

Die Hoffnung und das halbvolle Glas

Gestern, als wattundmeer im letzten Blogbeitrag hier kommentierte, daß sie mit mir darauf hoffe, daß das bayrische Volksbegehren Wirkung zeige, vielleicht sogar auf Restdeutschland gleich mit – da fiel mir sofort ein:

Hoffen und harren hält manchen zum Narren

Das ist eine Art Automatismus. Ich bin damit aufgewachsen, daß Vaddern diesen Spruch wirklich jedes Mal anbringt, wenn Jemand erwähnt, auf irgendetwas zu hoffen.

Gestern dachte ich dann aber gleich: NÖ!!!! Schließlich ist der Spruch ja in manchen Fällen auch gar nicht passend. Hier zum Beispiel: Ich hoffe, das schon, aber ich harre nicht, sondern tue aktiv mehr und mehr dafür, daß sich meine Hoffnung bewahrheitet. In meinem Garten, im Blog, im Naturgartenverein, mit meiner Arbeit, mit meinem immer ein wenig mehr auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Leben.

Ich dachte mir also: Nö! Ich mag lieber

Die Hoffnung stirbt zuletzt

denn das läßt immerhin die Möglichkeit offen, bis zum vorletzten Moment noch selbst Einfluß nehmen zu können.

Auf alle Fälle sehe ich inzwischen ein, daß es kein „Schönreden“ ist, sondern faktisch genauso wahr, vom halb vollen wie vom halb leeren Glas zu sprechen. Faktisch genauso wahr(!), aber mit freundlicherer Sicht auf die Welt. In diesem Sinne:

Es ist unmöglich, daß ein Mensch in die Sonne schaut, ohne daß sein Angesicht hell wird

(Friedrich von Bodelschwingh)

 

 

Zum neuen Jahr

Herr, setze dem Überfluß Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.

(…)

Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.

Bessere solche Beamte, Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.

Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
und den Deutschen eine bessere Regierung.

Herr, sorge dafür, daß wir in den Himmel kommen.
Aber nicht sofort.

 

Pfarrer Hermann Kappen von St. Lamberti zu Münster, 1883(!)

 

Da könnte man glatt auf den Gedanken kommen, wiedermal, daß sich im Grunde allzuviel nicht ändert über die Jahrhunderte *seufz*

Euch ein gutes neues Jahr, und daß in diesem Jahr 2019 die uralten Wünsche endlich erfüllt werden. Danach aussehen tut es allerdings nicht. Mauern und Zäune verstärken Grenzen noch, alternative Fakten ersetzen Wahrheiten und unsere Regierenden? Schwurbeln munter weiter vor sich hin von KONsequenzen, DIStanzierung und VERsprechungen (achtet mal drauf, die falsche Erstsilbenbetonung greift im POlitischen Berlin gerade MAssiv um sich) Vielleicht sollte ich öfter mein „wünschen hilft“- T-shirt tragen!?

Abgekartet Nr. 16

Diese Karte hab ich, es ist auch schon wieder ziemlich lange her, von Xirxe geschickt bekommen. Der Text gefällt mir so gut, er trifft mein Gefühl von „schöner Tag“ und erinnert mich an meine Urlaube in Norwegen:
ich wußte, daß es jetzt „richtig“ ist, wenn ich in einem mentalen Zustand war, der mich an jeder Wegkreuzung fühlen ließ: Da fühlt es sich besser an, da fahr ich lang! Meine Wege führten mich nach diesem Prinzip mal an wunderbare Stellen, mal nicht – aber immer fühlte ich mich da richtig, wo ich grade war. Herrlich! 🙂

Vorüberleins

Das den Vorüberleins gewidmete Gedicht haben wir im Allgäu-Urlaub in einem von einer Grundschule gestalteten öffentlichen Garten gefunden.

Jetzt ist die Zeit der Vorüberleins erst einmal wieder vorbei. Uns bleibt, zurückzublicken: viele Vorüberleins begegneten uns, sobald wir einen Fuß nach draußen setzten, jeden Tag aufs neue. Oft haben wir sie garnicht wirklich wahrgenommen – ich habe in diesem Jahr verstärkt meinen Blick auf sie gerichtet und Euch mit meinen Entdeckungen geradezu bombardiert. 😉

Nun gilt es zu hoffen, daß im nächsten Jahr nicht alle Namen schon wieder vergessen sind und die Stehrümchens zu betrachten (und, je nachdem, vielleicht sogar auszudünnen *g*), die in den Wohnungen auf Beachtung warten.

Aus einem hübschen öffentlich besuchbaren Schulgarten im Allgäu

Muß mir demnächst unbedingt mal einen Schnirkelschneckenwitz erzählen lassen! Der einzige Witz überhaupt, den ich mir merken kenne, ist ja der vom Reh:

Wie heißt das Reh mit Vornamen?
Kartoffelpü

Wer hat das gesagt?

Ich weiß nicht immer, wovon ich rede. Aber ich weiß, daß ich recht habe!

Na, wer fällt Euch spontan ein? Niemand?? Dann vielleicht nach lesen des nächsten Zitates!?

Es ist schwierig, bescheiden zu sein, wenn man so großartig ist wie ich.

Okay. Alles klar!?
Das muß doch von ….. sein, oder?

Aber jetzt wird es tückisch:

Ich sagte, ich bin der Größte.
Ich sagte nicht, ich bin der Klügste!

Hmmmm……
Wieso ich so frage?

Eben bin ich beim „ich guck mal durch mein eigenes Blog“- klicken in einem Beitrag vom Januar 2013 auf diese Zitate gestoßen und hatte beim ersten drüberfliegen sofort „Ah! Trump!“ im Kopf. Bloß daß der mir damals noch gar kein Begriff gewesen ist.
Und dann las ich Zitat 3 nochmal richtig. Nein, so ein Understatement liegt dem nicht 😉

Laut Dirk Luther stammen diese Zitate denn auch nicht von Donald Trump sondern von Muhammed Ali. Ich hatte sie mir damals beim Schleswig-Holstein-Magazin-gucken rausgeschrieben und hier veröffentlicht.

 

 

 

Ein Sommernachmittag, drei Minuten nachdem der Regen aufgehört hat. Kein Mensch weit und breit. Ein Reh schaut mit nassen Ohren aus dem Wald, erste Schmetterlinge fliegen schon wieder, die Luft schwer, naß, Vögel rufen, K. legt den Arm um mich. Das einsehen: Besser wird es nicht. All die Arbeit, das Geld, die Mühe, diese verfluchte Energie, die man aufbringt, um das alles irgendwie zu schaffen, den Alltag zu überstehen, der Welt zu widerstehen, alles irgendwie zu verstehen, all das mündet hier. Wo eigentlich gar nichts ist. Und dieses gar nichts ist so großartig, dass man es nicht zu spät begreifen sollte. Glaube ich.

Zitat vom Wieselblog.

Gerade eben gelesen. Gedacht: ganz genau so ist es. Danke, daß Sie das ganz genau so formuliert haben!

Die Alten wussten noch, wie’s geht, das mit der Natur ;-)

Des morgens früh, sobald ich mir
Mein Pfeifchen angezündet,
Geh ich hinaus zur Gartentür,
Die in den Garten mündet.

Besonders gern betracht ich dann
Die Rosen, die so niedlich;
Die Blattlaus sitzt und saugt daran
So grün, so still, so friedlich.

Und doch wird sie, so still sie ist,
Der Grausamkeit zur Beute;
Der Schwebefliegen Larve frißt
Sie auf bis auf die Häute.

Schluppwespchen flink und klimperklein,
So sehr die Laus sich sträube,
Sie legen doch ihr Ei hinein
Noch bei lebend’gem Leibe.

Sie aber sorgt nicht nur mit Fleiß
Durch Eier für Vermehrung;
sie kriegt auch Junge hundertweis
Als weitere Bescherung.

Sie nährt sich an dem jungen Schaft
Der Rosen, eh sie welken;
Ameisen kommen, ihr den Saft
Sanft streichelnd abzumelken.

So seh ich in Betriebsamkeit
Das hübsche Ungeziefer
Und rauche während dieser Zeit
Mein Pfeifchen tief und tiefer.

Daß keine Rose ohne Dorn
Bringt mich nicht aus dem Häuschen.
Auch sag ich ohne jeden Zorn:
Kein Röslein ohne Läuschen!

Wilhelm Busch

Das hat er schön gedichtet, gell?

Abgekartet Nr.12

Daran, wie ausgeblichen das „Pfötchen“ ist, sieht man schon, daß diese Karte, die ich vor ichweißnichtwievielen Jahren von der Rosenfrau bekommen habe, laaaange hing. Und zwar im oberen Bad, in einem Rahmen. Nun ist unser Bad oben neu gestrichen worden, was dringend nötig war, und im Zuge dessen hab ich auch zwei Karten ausgewechselt, deren eine noch verschickt werden kann und wird. Die andere, diese, kommt jetzt weg.

Der Vorfrühling beginnt meist Ende Februar oder Anfang März. Er wird angezeigt durch die erste Blüte von Haselnuss, Schneeglöckchen, Schwarz-Erle und Salweide, die Vollblüte des Winter-Jasmins, in den Alpen den Austrieb des Bergahorn.

(Wikipedia)

Bin draußen gewesen.
Es gibt einiges, das erfreulich ist:
– der Wasserstand im Garten ist so abgesunken, daß fast alle Büsche wieder außerhalb des Teiches stehen (wir hier im Norden versinken ja seit Monaten im Wasser, da ist sowas schon ein Grund zur Freude)
– Die ersten Winterlinge spitzen mit gelben Köpfchen aus dem Boden
– die Schneeglöckchen sind fast so weit, ihre schon abgesenkten Büten zu öffnen
– und die Knospen einiger Sträucher und Bäume beginnen, dicker zu werden!
Von erster Blüte von Haselnuß und Salweide kann noch nicht die Rede sein, aber: der Vorfrühling startet langsam!!!

 

Vorfrühling

Da draussen rauscht der Regen,
der Wind braust überm Land;
doch leise webt den Segen
des neuen Lenzes Hand.

Sie lockt aus Strauch und Bäumen
der Knospen grünen Schein,
sie schmückt mit lichten Säumen
der Wälder düstre Reih’n.

Sie webt schon an dem Kleide
der stillen Erdenbraut,
die bald zu aller Freude
dem Frühling wird getraut.

Mag jetzt der Sturm nur tosen,
er knickt die Hoffnung nicht.
Bald winken uns die Rosen
und blüh’n Vergissmeinnicht.

(Emerenz Meier 1874-1928)

Wort zum Sonntag

Da fängt’s so hochtrabend an – und dann Vers zwei: aber sowas von einer Binsenweisheit … ich musste ziemlich grinsen, als ich das im Allgäu las. Aber es hat mich doch auf etwas gebracht, nämlich darauf, daß ich schon lang nicht mehr nach Ursprüngen von Redewendungen gesucht habe. Denn woher kommt wohl „Binsenweisheit“, ich selbst hab dazu keine Idee. Wikipedia schon:

Der Begriff spielt auf die weite Verbreitung der Binsen (Gräser) an sowie auf die einfache, knotenlose Form der Binse. So gab es bereits im Lateinischen die Wendung: nodum in scirpo quaerere („Stengelknoten auch an der Binse suchen“), wenn jemand an einer simplen Feststellung herumdeuteln wollte.

(Ich bekam einen) Denkanstoß

(…)Auch in anderen Artikeln wurde erwähnt, dass der Anteil der Leute mit rechten oder migrantenfeindlichen Einstellungen in den neuen Bundesländern höher ist, aber hier wurde eindeutig differenzierter berichtet.
Dabei könnte man deren Lebenserfahrungen auch nutzen, um vielleicht den Flüchtlingen, die jetzt hier ankommen, besser helfen zu können, finde ich. Die ehemaligen DDR-Bürger wissen nämlich genau, wie das ist, wenn man in ein völlig fremdes Gesellschaftssystem kommt und auf einmal alles, bis in den Alltag hinein, anders ist und die bisher gemachten Erfahrungen überhaupt nichts mehr nützen. Sie kennen das Gefühl, den einst in unerreichbarer Ferne liegenden „Goldenen Westen“ zu erreichen und nun zu sehen, dass der gar nicht so golden ist. Sie wissen, wie es ist, in einem Land zu stehen und nicht zu wissen, wie es weiter geht, was nun kommt, keine Arbeit und kein Geld zu haben und sich aus dieser Situation mit Zukunftsangst und dem Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein, nicht aus eigener Kraft befreien zu können. Und sie wissen, was aus solchen Gefühlen entstehen kann! Sie haben gelernt, mehr oder weniger gut mit der Frustration und Enttäuschung klar zu kommen und sich von 0 etwas aufzubauen. Ich finde, man sollte diese Erfahrungen nutzen, aber damit man das kann, darf man nicht weiterhin einfach über die Ängste und Sorgen der Menschen hier hinwegschauen, sondern muss ihnen auf einer Höhe begegnen, ihnen wirklich zuhören und sie so mit ins Boot holen.

(aus einem Journal-entry für ein BookCrossing-Buch)

(Jetzt folgen spontan geschriebene Überlegungen nach dem lesen dieses Journal-entrys)

Schwupps, kamen bei mir Fragen über Fragen hoch:
Warum ist denn dann die Fremdenfeindlichkeit im Osten so markant stärker als im Westen? Und warum gibt es so wenig Empathie Leuten gegenüber, denen es doch ähnlich geht, und die man vielleicht gerade aufgrund ähnlicher Erfahrungen gut unterstützen könnte (den Flüchtlingen)?
Ich habe mich das schon oft gefragt, und ich komme zu keiner Antwort.

  • Ist es wirklich die andere Kultur, das andere Aussehen (also das „keine Deutschen“-Thema)?
  • Oder ist es Angst davor, etwas weggenommen zu kriegen?
  • Neid? (Es gehen ja immer wieder so Gerüchte um, daß „die alles kriegen und wir nichts“ und so, aber das wäre ja hier im Westen dasselbe, eigentlich)

Ich versteh’s einfach nicht 😦
Dann taucht beim schreiben grad noch eine andere Frage bei mir auf: ich bin noch nie auf die Idee gekommen, daß es ja wirklich schlau sein könnte, die „Ossi- Erfahrungen“ zu nutzen, um als Gesellschaft nicht dieselben Fehler immer wieder zu machen. Ich als Ur-Wessi habe diese Erfahrungen aus dem Zitat damals überhaupt nicht wahrgenommen – und ehrlich gesagt bis jetzt nicht – , sondern war von all den enthusiasmierten Menschen beider Seiten völlig genervt: ich konnte den Enthusiasmus nicht teilen und habe eigentlich überhaupt nicht eingesehen, warum ich froh sein soll, daß ein fremdes Land plötzlich zu Deutschland gehören soll (ich bin aufgewachsen damit, daß die DDR ein anderes Land ist wie Spanien, Italien oder die Schweiz, nichts anderes) Ja, und dann sollte ich nicht nur über Jahre Geld geben (Solidaritätszuschlag), sondern mich auch noch fortwährend  freuen *g* Irgendwie ging es den Leuten aus der DDR nicht schlecht genug, um mein Mitgefühl zu bekommen – und dann forderten sie auch noch. Will sagen, ich bin eigentlich genau so Eine, die wahrscheinlich als der überhebliche Arrogant-Klischee-Wessi wahrgenommen wurde, tatsächlich aber auch den selbstmitleidigen, aber dreisten Klischee-Ossi vor sich sah….. ohje!

Ich hoffe, jetzt nicht selbst die Antwort gegeben zu haben auf meine Fragen – daß dieses gegenseitige totale Unverständnis dazu geführt hat, daß sich „eine Dynamik des geschlagenen Kindes“ entwickelt hat – das mißhandelte (Ossi-)Kind, benimmt sich jetzt, erwachsen geworden, den neuen (Flüchtlings-)Kindern gegenüber genauso, wie man es einmal behandelt hat 😦 – und das meine ich jetzt wirklich überhaupt nicht ironisch, ich überlege im schreiben, sozusagen.

Puh.