Dem Nachbar sein Zaun – oder: hier werden Sie geholfen …

Wieso bin ich da nicht eher drauf gekommen?

Seit dem ersten nachbarlichen Zaun-Artikel vom 17.10. grübel ich nun darüber, wie es nun heißen muß. Und komme erst jetzt darauf, dort zu fragen, wo immer, aber auch wirklich immer Hilfe zur Stelle ist: im BookCrossing-Forum.

Aber seht selbst: Dömm Nobber singe Zaun…

Und hier ists dann auch hochoffiziell erklärt:   Im Duden nämlich. Ich bin nicht einmal drauf gekommen, dort zu suchen, denn mir war nicht klar, daß so etwas dort suchbar ist- und wie.

Beugung also, soso…..

Danke. Einmal mehr!!

Ach!?

 

Aus dem SPIEGEL der letzten Woche

Echt jetzt!? Ich glaube, ich bin dann doch spanischer Abstammung oder so, wo’s mir doch immer so schwer fällt, mich kurz zu fassen. Aber schnell reden- das kann ich! 😉

Und wenn ich dann in der ach so effizienten deutschen Sprache schnell und viel rede- macht mich das dann automatisch zum Schnackfath?? Ich hoffe, nicht!

 

PS:
Schnackfath: Einer der viel sagt, aber nix zu sagen hat. Oder aber eigentlich keine Ahnung hat und trotzdem schnackt.

 

Das scheitern war erfolgreich – vom Umgang mit schwierigen Nachschlagewerken

Vor ein paar Tagen bei BookCrossing:

Ich ändere was, drücke auf „enter“ und dann, im wegklicken des tabs, lese ich aus den Augenwinkeln diesen schönen Satz:

Das scheitern war erfolgreich.

Häh?? denke ich, klicke den tab nochmal an und sehe: ich war am lesen gescheitert, denn dort stand: Das speichern war erfolgreich. Ah!!

Das hab ich dann gestern dem Herrn F. erzählt, und wir kamen so ins spekulieren.  Scheitern – was ist das überhaupt für ein Wort?? Hat es was damit zu tun, daß man ja nicht gescheit ist, wenn man scheitert? Oder mit Holzscheiten, wie auch immer? Mit der Bescheidenheit, die uns nach dem scheitern überkommt? Hört sich alles nicht nach einem gleich faßbaren Zusammenhang an. Wir scheitern erfolgreich daran, uns dieses Wort herzuleiten.

Aber da gibt es ja noch den Kluge, viel zu selten aufgeschlagen, aber hochinteressant: Ein dicker, fetter, knallblauer (und zugegebenermaßen unglaublich häßlicher) tausenddreiunzwanzigseitiger Wortfindungsexzeß… – ein etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, so der Untertitel.

Dort hab ich also eben mal nachgeschlagen, und? Was ist?

Scheitern Vsw std. (16.Jh) Aus dem früheren zu scheitern werden gebildet; von Fahrzeugen und Schiffen gesagt, die in Stücke (Scheiter; /Scheit) brechen. KLUGE (1911), 685

Ahja. Begrenzt klüger hat mich der Kluge schonmal gemacht, unser Holzscheit-Gedanke war also nicht mal so doof, wenn wir auch nicht darauf kamen, wieso 😉 Am Rest aber scheitere ich erneut.

Vsw std.? KLUGE1911, 685?

Letzteres könnte ja heißen, daß es diesen klugen Kluge schon laaaange gibt, und er sich nun selbst zitiert: In der Ausgabe von 1911, auf Seite 685 war das scheitern dann zum allerersten Mal erklärt!? Kann das sein? Zu Vsw std fällt mir aber ü-ber-haupt nichts ein.

Gucke ich also nach.

Nicht so einfach, denn vor den hinten nachgeguckten 1023 Seiten sind eine nicht unerhebliche Anzahl in römischen Zahlen(!) durchnumerierter Seiten, die sich ausschließlich damit beschäftigen, mir zu erklären, wie ich denn nun mit diesem Buch umzugehen habe. Und in mehreren verschiedenen mehrseitigen Listen Abkürzungen erklären.

Aber was ist denn nun Vsw std? Eine „allgemeine Abkürzung“? Eine „Abkürzung einer Sprachbezeichnung“? Eine „von Zeitschriften und Reihen“? Oder eine von der Liste „Abgekürzt zitierte Literatur“ ? Wenn ich nun die XLI Seiten lange Einführung gelesen hätte, wüsste ich’s wahrscheinlich – ich denke, ich könnte daran, daß es kursiv geschrieben ist, erkennen, in welcher Liste ich gucken müsste. Ich aber wühle mich lieber durch alle Listen (immerhin alphabetisch geordnet) und werde tatsächlich fündig:

Vsw ist eine „allgemeine Abkürzung“ für schwaches Verb.  Okaaaaayyyy…. und std. finde ich in derselben Liste: Standardwortschatz

Jetzt noch der KLUGE. Ich tippe auf „Abkürzungen der Zeitschriften und Reihen“, weil ich dort Großbuchstaben sehe- und scheitere schon wieder….

Fündig werde ich bei „Abgekürzt zitierte Literatur“, bin aber nicht sicher, ob auch richtig fündig, denn: Es gibt zwar jede Menge „Kluge“, aber keine KLUGE. Und alle Kluge haben Vornamenkürzel. Nicht aber „mein“ KLUGE beim „scheitern“.

Naja, inhaltlich paßt der Kluge, der der einzige ist, bei dem (1911) dahintersteht. Das wäre dann

Kluge, F. (1911): Seemannssprache. Wortgeschichtliches Handbuch deutscher Schifferausdrücke älterer und neuerer Zeit. Halle/ S.1911. Nachdruck: Kassel 1973

Und damit bin ich dann auch am Ende. Inhaltlich sowie seelisch-geistig *g*. Informiert, und das so ausführlich, daß ich mich wesentlich dümmer fühle als noch vor einer Dreiviertelstunde- denn so lange hab ich nun gebraucht, um die 2 Zeilen zum scheitern zu verstehen.

Ich glaube, irgendwann muß ich wohl doch mal die LXXXIX Einführungsseiten lesen……

Unsere Sprache …

(Weiter unten (bei Hier) ist zu lesen, wie’s  zur folgenden Liste von Ausdrücken gekommen ist)

Das schlägt dem Faß den Boden aus In früheren Zeiten neigte man ja dazu, Strafen mit unmittelbarem Bezug zum strafbaren Tun zu wählen. So auch hier: wurde auf dem Weinmarkt ungenießbarer oder gepanschter Wein gefunden, so wurde kurzerhand dem zum Verkauf eh auf der Seite liegenden Faß der Boden ausgeschlagen. Der Wein floß aus und der Panscher hatte seine Strafe weg. Überzeugendes Konzept!
Jemandem gewogen sein/ bleiben Die Waage steht für Ausgleich und Unparteilichkeit. Wenn sie sich auf die Seite einer Person neigt, dann bedeutet dies, daß diese Person zusätzliche positive Aspekte in die Waagschale werfen kann, daß man ihr also eher „gewogen ist“
Stolz wie Oskar sein: es ist wohl recht wahrscheinlich, daß diese Redensart aus dem Jiddischen kommt. „Ossoker“ bedeutet dreist, selbstbewußt, frech – und daraus ist wohl dann der stolze Oskar geworden.
Den Buckel runterrutschen: Mit „Buckel“ meinte man im frühen Mittelalter den rundlichen Beschlag auf der Mitte des Schildes, und wenn ein von vorn kommender Angreifer abgewehrt und im Kampf verletzt werden konnte, dann ist er an diesem Buckel heruntergerutscht. Dieser Ausdruck hat sich also im Laufe der Zeit ganz schön verharmlost, aber so ein bißchen agressiv ist es ja immer noch, wenn man sagt „Du kannst mir mal den Buckel runterrutschen!“
Die Flinte ins Korn werfen stammt aus der Zeit der Steinschloßgewehre im 17./ 18. Jhdt., damals hießen die Gewehre nach dem Flintstein, der den Zündfunken erzeugte, Flinten. Und diese Flinten wurden gern mal in ein Deckung bietendes Kornfeld geworfen, wenn die SOLDaten (SOLD- die kämpften für Geld, nicht für ihre Ideale) einen Kampf zu verlieren drohten. Dann sind sie nämlich lieber abgehauen als sich umbringen zu lassen….
splitterfasernackt sein:  manche Wortabstammungen sind nicht so, wie man es ersteinmal vermuten könnte. Ich hätte gedacht, ok: kein Splitter, keine Faser bedeckt mich, wenn ich splitterfasernackt bin. Ganz einfach.
Und ganz falsch!
In Wirklichkeit stammt diese Redewendung aus dem Wald, sozusagen: Zwischen Rinde und Stamm eines Baumes liegt eine Faserschicht namens „Splint“. Ein Baum ist erst richtig entrindet, wenn auch der Splint entfernt wurde – dann ist er splinterfasernackt.
Das wussten aber offenbar selbst im 15. Jahrhundert nicht mehr alle Leute – denn seitdem gibt es als gebräuchliches Adjektiv schon das Wort „splinterfasernaket“!
Alles in Butter : Wollte früher ein reicher Mensch seinen Palast mit Zerbrechlichem aus fernen Ländern ausstatten, dann gab es ein Problem: Wie sollte man zB feines Murano-Glas auf weite Strecken transportieren, ohne daß es zerbrach?- Die Antwort lautete: Ein Faß, darin die Kostbarkeiten, eingegossen in Butter- erkaltet eine zuverlässig stoßfeste Umgebung! Und so hieß es dann meist, wenn der Transport ankam: „Alles in Ordnung“ – und „Alles in Butter“ wurde zum Synonym dafür.
Etwas auf die lange Bank schieben : Es gibt da mehrere Deutungen, aber ich nehme die, die mir am besten gefällt: Im Mittelalter wurden bei Gerichtsprozessen die Akten auf eine niedrige Bank oder bankähnliche Truhe statt in ein Regal gestellt. Und je schwieriger die Urteilsfindung, desto mehr Akten auf dieser langen Bank, und desto länger dauerte der Prozeß.
Diese Redewendung gibt es schon seit dem 15. Jahrhundert!!
Von Tuten und Blasen keine Ahnung haben: Diese Redensart ist seit dem 16. Jahrhundert nachgewiesen, und es gibt 2 Arten, sie zu erklären: Nachtwächter und Hirten mußten damals tuten und blasen können: der Hirte, um sein Vieh anzulocken, der Nachtwächter für regelmäßige „Zeitansagen“ oder Alarmrufe bei zB Feuer. Beide Tätigkeiten erforderten nicht gerade besondere geistige Fähigkeiten – und wer nicht einmal tuten und blasen konnte, der musste dann schon ganz besonders dumm sein…. die andere Erklärung: ein Nachtwächter, war tags meist übermüdet und daher vielleicht oft etwas begriffsstutzig/ langsam…. na, und wenn so ein „Tuter“ schon als etwas dämlich galt, was ist dann erst Einer, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat *g*
Das Zeitliche segnen: Weil man im Mittelalter sehr abergläubisch war, hat msich davor gescheut, den Tod oder das Sterben direkt zu nennen – das wäre einer beschwörung gleichgekommen. Also hat man umschrieben, und dieser Ausdruck ist eine dieser Umschreibungen: Der Sterbende nimmt Abschied von der Zeitlichkeit und wünscht dabei an der Schwelle zum Jenseits Gottes Segen auf das Diesseits herab.
Unter aller Sau: Das hat nix zu tun mit dem wohlriechenden, hübschen Tier. Der Ausdruck kommt aus dem Jüdischen: Seo bedeutet „Maßstab“, das hat aber das einfache Volk nicht so recht verstanden und es in das bekannte Sau umgewandelt.

Hier

Unsere Sprache ist durchsetzt mit Begriffen, Worten, Redensarten, die wir ohne nachzudenken verwenden – die aber völlig fremd werden, wenn man sie mal aus dem Zusammenhang herausholt und sich überlegt: ja, was sage ich hier denn eigentlich???
Das fand ich ja immer schon spannend, und wenn ich dann mal auf so einen Begriff gestoßen bin bzw. auf Jemanden, der ihn mir erklären konnte, dann hab ich immer leuchtende Augen bekommen. Oder auch mich ein bißchen geschämt – das beste Beispiel: bis vor (inzwischen vielen, vielleicht so 15) Jahren hab ich oft etwas in dieser Art gesagt:
Meine Güte, das haben wir doch schon bis zur Vergasung durchgekaut!!
Bis mich dann irgendwann mal Jemand gefragt hat, ob mir eigentlich klar wäre, woher dieser Begriff käme…. liegt ja eigentlich auf der Hand, sobald ich die Frage hörte, war die Antwort klar – aber bis dahin war’s mir nie aufgefallen. Wie konnte ich nur jahrelang so ein Brett vor dem Kopf haben¹ ?
Ich habe zwei Hilfen, um mehr und mehr zu verstehen, was ich sage – die eine ist ein dicker Schinken (SCHINKEN??? *g*) namens Etymologisches Wörterbuch. Hier kann man einzelne Worte nachschauen, um herauszufinden, woher sie kommen.
Die andere Hilfe ist ein Buch, das ich mir im letzten Jahr gekauft habe, und das mittelalterliche Redensarten erklärt („Schwein gehabt. Redewendungen des Mittelalters“, von Gerhard Wagner). Ich bin noch gar nicht durch damit und wundere mich jetzt schon, wie unglaublich viele, völlig selbstverständliche Begriffe und Redensarten schon vor  vielen hundert Jahren entstanden und jetzt immer noch im ganz normalen Sprachgebrauch fest verankert sind.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich will nun immer mal, wenn mir während des Blog- schreibens sowas auffällt, versuchen, hier eine Erklärung zu geben, den Begriff hierhin verlinken und so langsam eine kleine Sammlung starten.

Den Anfang macht
¹ ein Brett vor dem Kopf haben, weil ich es eben so schön passend einbauen konnte 😉
Diese Redensart ist nämlich aus dem Mittelalter. Sie kommt aus der Landwirtschaft: Ochsen wurden damals als Zugtiere genutzt, und die hatten oft ein Brett vor dem Kopf. Entweder in Form einer Art Scheuklappe, oder mit dem damals gebräuchlichen Joch, das, über die Hörner gelegt, die Kraft der Ochsen auf das zu ziehende Gerät übertrug (noch gab es keine Kummets). Und da sie außerdem recht langsam im begreifen und nicht allzu schlau sind, hat sich das eine mit dem anderen zu dieser Redewendung verbunden und bis heute durchgesetzt, obwohl schon lange keine Ochsen mehr Pflüge oder Karren durch die Gegend ziehen….

Und wer sowas jetzt nicht interessant findet, sondern vielmehr meint, ich solle mal nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen² , der klicke einfach die links in den späteren Artikeln nicht an…..

² noch älter: die Goldwaage war das genaueste Meßgerät ihrer Zeit, aus deren Empfindlichkeit sich schon in der Antike eine Redewendung gebildet hatte (die vom Zünglein an der Waage nämlich) Luther hat dann im Mittelalter eine Bibelstelle so übersetzt: „Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht auch deine Worte auf der Goldwaage?“, und seither ist das eine bekannte Redewendung.

Was will uns der Autor sagen?

Eine Leseprobe neuer Bücher fiel mir neulich im Buchladen in die Hände. Manche Geschichten gefielen mir gut, bei anderen verstand ich aber rein gar nichts. Ich frage mich: Warum sollte ein Mensch etwas schreiben, das vermutlich keiner versteht?
Sicher, man kann als Leser auch in einen scheinbar wirren Text so tief eintauchen, dass er einem etwas sagt. Aber ist es dann das, was der Autor sagen wollte?
Und sicher, auch wenn der Autor etwas anderes sagen wollte, als ich darin lese, so kann in seinem Text durchaus etwas stecken, das er gar nicht wusste.
Aber in einem solchen Fall wollte der Autor zumindest etwas sagen, und in diesem Bemühen hat er darüber hinaus etwas gesagt, das ihm nicht bewusst war. Wer aber gar nichts sagen will oder etwas sagt, von dem er gar nicht erwartet und vielleicht noch nicht einmal will, dass es der Leser versteht, sagt der dann auch darüber hinaus etwas, das ihm gar nicht bewusst ist?
Vermutlich will er das, aber ich glaube nicht, dass ihm das gelingt. Deshalb finde ich in solchen Texten auch nichts über das hinaus, was sie sagen wollen, und das, was sie sagen wollen, verstehe ich nicht.
Vielleicht liegt es ja daran, dass diese Leseproben sehr kurz waren, nur ein paar Seiten, und das Eigentliche erst danach käme. Aber warum sollte ich das noch lesen wollen? Manchmal ist es besser, wenn Texte nicht länger sind. So will ich es auch mit diesem dabei bewenden lassen. Ich hoffe, Sie haben Verständnis dafür, und vielleicht haben Sie ihn sogar verstanden.

Tonio Keller, Journalist und Glossenautor beim Bauernblatt