Entspannen per Ausknopf

Es gibt einen Blogbeitrag von hundertsand*, der mich daran erinnert hat, was ich schon länger hier berichten wollte:

daß ich nämlich innerlich ruhiger bin, seit ich deutlich weniger Radio höre.

Warum?

Weil ich die dudelige Einheitsmukke und die künstlich frohgelaunten Moderatoren der Sender, die ich reinkriege, schon lange nicht mehr ertrage, hatte ich mich in den letzten Jahren darauf verlegt, auf allen Autofahrten NDR Info laufen zu lassen. Außerdem lese ich den SPIEGEL, gucke häufig das Schleswig-Holstein-Magazin und danach die Tagesschau sowie mit relativer Regelmäßigkeit das heute-journal. Und musste  im Zuge der Flüchtlingskrise (wieso eigentlich „Krise“? Also, in den Ländern dort- ja, an den Grenzen in Lagern – ja, am Mittelmeer- ja. Aber in Deutschland? Flüchtlingskrise?? HA! Albern ist das!) feststellen, daß vor allem die ständigen Gruselmeldungen im Radio überhaupt nicht mit meiner Wahrnehmung vor Ort übereinzubringen sind. Leicht sensibilisiert stieß ich dann unter einem youtube-Beitrag auf übel hetzende Kommentare, nach denen mir den ganzen Abend lang schlecht und ängstlich zumute war. Und dann gings Schlag auf Schlag: die Erkenntnis reifte, daß es mir einfach nicht gut geht, wenn ich zu viele schlechte Nachrichten an mich heranlasse. Die Hilflosigkeit, die das erzeugt, der permanente Druck, doch etwas tun zu müssen ohne zu wissen, was das sein könnte – das nagt!
Irgendwann habe ich das Radio meistens ausgelassen. Manchmal schalte ich auch dlf an, dort wird immerhin in längeren Beiträgen über Dinge gesprochen. Aber auch da bleibe ich aufmerksam und schalte ab, wenn ich merke, daß für mein Gefühl gerade wieder „Katastrophensprech“ betrieben wird. (Das betrifft ja nicht nur das Thema Flüchtlinge, aber dabei war’s mir besonders aufgefallen)
Das hat geholfen, und das, obwohl ich die anderen Medien im selben Umfang weiternutze. Ich möchte informiert sein und bleiben. Schließlich gibt es durchaus massenhaft Probleme. Und nur weil ich in recht ruhigen Gefilden lebe, verschwinden die ja nicht. Und ich möchte durchaus wissen, was sich „da draußen“ tut.  Aber ich möchte Kraft behalten, um das bißchen zu tun, was ich tun kann und mich nicht kirre machen lassen davon, was alles noch passieren oder hierher schwappen könnte. Und dabei hilft offenbar, mir nicht täglich anderthalb Stunden lang im Auto die Schlagzeilen um die Ohren hauen zu lassen. Im Netz informiere ich mich über aktuelles Tagesgeschehen übrigens so gut wie garnicht, denn da hatte ich immer schon das Gefühl, daß mir das viel zu atemlos und sensationsgierig ist, daß viel zu wenig in Zusammenhänge eingeordnet wird. Und daß ich das ganz furchtbar finde (ich lese ja auch keine Revolverblättchen und gucke keine RTL-Nachrichten, zum Beispiel)

Der andere Aspekt ist, daß diese Schlagzeilen (sowie überhaupt Nachrichten) zu übergroßen Teilen problematisches zum Thema haben. Das verzerrt die Wahrnehmung.
Im SPIEGEL gibt es seit nunmehr über 30 Wochen jede Woche eine Rubrik „Früher war alles schlechter“, die zeigt das sehr schön. Beispiele hier und hier und hier. (Und unSPIEGELige bei den Links bei hundertsand)

Allerdings bin ich bei der Suche nach diesen Beispielen auch auf dies hier gestoßen – ich hoffe mal sehr, daß das eine Ausnahme sowie keine böse Absicht war…. da sieht man mal, wie leicht Nachrichten so hinzudrehen sind, wie man sie haben mag, ganz ohne lügen. Einfach ein wenig mit der Zeitachse spielen, in diesem Fall…. tststs!

Ich weiß nicht, ob’s Euch ähnlich geht – für mich jedenfalls ist meine kleine Welt hier, die ich täglich selbst erlebe, wenn auch wahrlich keine heile so doch eine bessere als die Version von ihr, die mir die Medien ausmalen. Und ich habe die Chance, sie selbst ein bißchen in die meiner Meinung nach richtige Richtung zu schubsen. Durch Meisentassen, eingesparte Bons, Unkraut, Hilfestellung für genau drei Flüchtlinge, Efeu-Wäsche, Bienen, Bio-Fleisch, verweigerte Trinkhalme und anderes Kleinvieh.


* Im Beitrag ist ein Interview verlinkt, das zu lesen lohnt. Abgesehen davon, daß ich den Beitrag selbst auch lesenswert finde, aber sonst hätte ich ihn ja auch nicht hier verlinkt 😉

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17 Kommentare zu “Entspannen per Ausknopf

  1. Martin sagt:

    Hallo Fjonka. Neben der medialen Gewalt, Gier und Neid-Debatten können wir die Schönheit der Welt sehen. Danke fürs Verlinken! Martin

  2. Jane Blond sagt:

    Edit, nachdem ich den verlinkten Eintrag las.
    Ja, ja, ja!
    Wie oft schrieb ich, dass die Krise keine Krise ist, wir das – wie Angie sagte – schaffen. Man muss sich nur damit befassen, wie viele Menschen jedes Jahr aus Deutschland abwandern, das von der Summe der Flüchtlinge abziehen, und zack, ist der Berg nur noch ein Hügel. Verfolgt man die rechten Hohlköpfe, sieht man, wie sie sich sukzessive selbst zerlegen. Gewalttaten gab es immer, auch bei uns.
    Ja, wir selbst haben gar nicht wirklich erlebt, was es heißt, das Krieg droht. Erinnerst du dich an den kalten Krieg? Ich hab da kein Gefühl zu. Kein altes jedenfalls, sondern nur das, was aufkommt, als ich Jahre später das erste Mal wirklich realisierte, dass das ganz schön knapp war. Wir kennen all das nur aus dem Fernsehen, und ja, es ist Mist, aber wir haben Glück dabei. Wir stehen auf der Sonnenseite und sollten das verinnerlichen. Das Elend in der Welt wird nicht kleiner, wenn wir unser Leben aufhören zu leben. Wir sollten dankbar sein…

    • Fjonka sagt:

      Ich erinnere mich, aber ebenso wie Du ohne Gefühl dazu. Dafür bin ich zu jung.
      Aber selbst beim demonstrieren gegen Atomwaffen und Aufrüstung habe ich nie wirklich Bange gehabt, daß tatsächlich ein Krieg drohen könnte. Das war mir wohl zu abstrakt. Und auch derzeit machen mir die rechten Hetzer konkreter Sorge als die ganze Gemengelage mit Russen, Türken, Amis und Co, die durchaus auch Kriegspotential hat, denke ich. Warum? Wohl weil ich selbst immer nur erlebt habe, daß eben doch kein Krieg kommt.

      • Bibo59 sagt:

        Ich bin alt genug, um ein Gefühl dazu zu haben. Vor allem, weil damals, als hier die erste U-Bahn gebaut wurde, gleich ein Atombunker mit eingeplant wurden. Der Plan war: Bei einem Atomangriff sollten noch zwei volle U-Bahnen einfahren, alle, die es rein schafften, wenn die Bombe käme, sollten dort zwei Wochen bleiben. Und dann……? http://www.ksta.de/koeln/atombunker-in-koeln-kalk-ueberleben-im-kalker-untergrund-22642736
        Und ich bin auch alt genug um mich an den Terror der RAF zu erinnern. Und ich habe im radioaktiven Regen von Tschernobyl gestanden. Dagegen ist die Flüchtlings“krise“ Peanuts. Der Unterschied: Man erfuhr es nicht sofort über Twitter, facebook, weitersagen, sondern erst Abends in der Tagesschau oder am nächsten Morgen aus der Zeitung.

        • Jane Blond sagt:

          An den Terror erinnere ich mich komischerweise auch. Das Bild vom Martin Schleyer und die Diskussion meiner Eltern hat sich eingebrannt. Wie ihr Entsetzen. Terror war auch allgegenwertig gewesen. Anders, als früher, aber es gab ihn.
          Klar, Tschernobyl. Das war aber anders. Schlimm, entsätzlich, und doch anders, weil nicht von Hand gemacht, wie der kalte Krieg. Das zeigte eine andere Bedrohung auf, von der man in der Theorie wusste, die aber praktisch eine ganz andere Qualität bekam.
          Ich empfinde die sogenannte Flüchtlingskrise auch als Peanuts. Weswegen ich mich dem medial entziehe. Man kann dem aber nie ganz ausweichen. Wie du sagst … Einmal den Browser geöffnet und man wurd geflutet. Ich hab vom Handy und Tablet alles gelöscht, bis auf wordpress. Kein Facebook, kein Twitter, nix. Und siehe da, die Welt dreht sich weiter …

          • Fjonka sagt:

            Stimmt- Schleyer! Da waren wir grad in Urlaub in einer Pension, und jeden Abend versammelten sich alle Gäste vor dem einen TV im Aufenthaltsraum (ja, so war das damls noch) und guckten, was sich getan hatte. Das hat mich sehr beeindruckt, der Mann sah täglich schlechter aus, furchtbar – aber ich habs irgendwie nicht unter „Terror“ einsortiert. Da war ich vielleicht 11, 12 Jahre alt.

            • Jane Blond sagt:

              78 waren wir und München im Olympia-Stadion. Da hatte ich Angst. Der Anschlag dort 72 … war das doch, oder?(daran erinnere ich mich nicht, aber es wurde im Zuge der anderen Terroranschläge 77 (Landshut/Schleyer) thematisiert. Wenn ich drüber nachdenke, kommt das Gefühl dazu wieder …

  3. Jane Blond sagt:

    Hier auch so. Ich selektiere insbesondere Nachrichten stark. Andernfalls würde ich irre werden. Ich werde teilweise richtiggehend aggressiv bei reißerischen Berichtserstattungen. Das war das Go für die Reißleine. Gute zwei Wochen hab ich ganz dicht gemacht, jetzt eben nur ausgesuchtes.
    Krise, klar! Und den Deutschen geht es ja so schlecht, und Angie macht alles falsch, und die Flüchtlinge kriegen alles … Insbesindere bei Nachrichten die AfD betreffend, möchte ich schreiend im Kreis laufen und kann mich nur wiederundwiederundwiederholen. Angie hat bei mir gewonnen, durch ihr Standing, und wer als Deutscher in Deutschland jammert, dass es ihm schlecht geht, hat nicht verstanden, dass es ihm auf sozialer Ebene in jedem (!) anderen Land deutlich schlechter gehen würde.
    Wenn ich nur über all die Bedarfsargumentation nachdenke, schwillt mir glatt wieder der Kamm … Trotzdem ist es schmaler Grad. Ich denke manchmal, dass jede Art von Weggucken falsch ist … Vielleicht brauch ich einfach ein Timeout.

    • Fjonka sagt:

      „Angie hat bei mir gewonnen, durch ihr Standing“ – ja, und sie verliert grad wieder deutlich durch ihren Kotau vor Erdogan und vor den Rechten… zu und zu schade, daß sie sich nicht durchsetzen konnte mit der gerechten Verteilung von Flüchtlingen 😦

      • Jane Blond sagt:

        Ja, der Erdogan. Er narziststischer Nazi.
        Ich hab seit einer Woche wieder keine Nachrichten gesehen, gelesen oder gehört. Auch der Kerl trägt dazu bei …
        Angie regiert ja nicht alleine. Andernfalls hätte sie sich durchsetzen können.
        Die Nazis machen mir gerade jetzt keine Sorgen. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass wir jemals wieder in die rechte abrutschen. Gedanken machen mir hier aber der von diesen Gruppen gelebte Femdenhass …

  4. a sagt:

    Mir geht es schon seit langem ebenso. Die Moderatoren der Mainstreamsender, vor allem die, die auch noch so dumm sind ihre eigene Meinung zu Themen zu sagen, von denen sie augenscheinlich keine Ahnung haben *grrr*, ertrage ich schon lange nicht mehr zu hören.
    Ich höre fast nur noch Deutschlandfunk und Klassikradio (ich mag die Musik, und die Moderatoren sind wenigstens nett, kultiviert und informiert über das, was sie sagen).
    Ansonsten informieren wir uns im Internet bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten und im Kritischen Netzwerk.
    Allerdings bin ich froh, dass ich einen Mann habe, der mich über das, was an mir vorüber geht auf dem Laufenden hält, weil ich versuche soviel wie möglich von der ganzen Berichterstattung auszublenden. Den ganzen ‚Horror‘, der uns vermittelt werden soll, empfinde als sehr belastend und möchte inzwischen nur noch so wenig wie möglich davon hören und wenn, dann halt nur Fakten!

  5. Bibo59 sagt:

    Ja, das sprichst Du mir aus der Seele. Das erste Mal an meinem, an sich ja schönen, Beruf habe ich gezweifelt, als ich „gefangen im Schnittmobil“ rund um die Uhr „Berichte“ vom Bahnunfall in Eschede schneiden musste. Es gab nichts zu berichten. Jedenfalls nichts, was nicht auch ein Sprecher in der regulären Tagesschau hätte berichten können. Jedenfalls nichts, was Sondersendungen rund um die Uhr gerechtfertigt hätte. Noch mehr Tote, Kohl winkt in die Kamera, noch ein zertrümmerter Waggon, Schröder winkt in die Kamera, noch mehr Tote…
    Später habe ich dann von Katastrophenberichterstattung Abstand genommen, wenn ich es früh genug erfahren habe.
    Und was das Internet angeht: da bekommen sämtliche rechtsradikalen Spinner viel zu viel Gewicht. Einige wenige, immer die selben, machen unwahrscheinlich viel „Inhalt“. Und leider springen die regulären Medien auf diesen AFD-Zug auf, anstatt sie einfach totzuschweigen.

    • Fjonka sagt:

      Ich muß zugeben, bei manch einer solchen Katastrophe auch schonmal vor dem TV hängengeblieben zu sein. In letzter Zeit aber finde ich da den Ausschalter vor allem dann sehr schnell, wenn mangels neuer Entwicklungen irgendwelche Leute gefragt werden, wie sie „sich denn jetzt fühlen“ – spätestens dann merke ich, was da grad geschieht – und schalte fluchend ab. Und erst wieder zu den nächsten Nachrichtensendungen an. Kotz. „Wie fühlen Sie sich denn jetzt, wo Sie neben dem Haus stehen, in dem drei Leichen gefunden wurden/ wo Sie wissen, daß in Ihrem Dorf ein Zug verunglückt ist/ wo Ihr Nachbar der Terrorist sein könnte, der XYZ Menschen bedroht und sich inm Einkaufszentrum verschanzt hat/…..?“ Ja, SCH*** drauf, wie dieser Passant sich fühlt! Zeigt einen Tierflm, wenn Ihr nix Neues zu berichten habt!

      • Bibo59 sagt:

        Ich würde da antworten: Ich fühle mich bedroht, weil der Mediale Hype labile Menschen zur Nachahmung anregt. Man sollte diesen Tätern nur eine kurze Nachricht widmen, ohne Namensnennung.
        Genau so, wie die AFD viel zu viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen hat. Eine bessere Werbung konnten die sich nicht wünschen, noch dazu kostenlos.

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